Sie wollen meine Geschichte hören? Aber gern doch! Mir geht’s gut, ich sende Ihnen Grüße aus meiner bequemen Blase.
Momentan befinde ich mich im Untergeschoss eines Lokals in einer deutschen Großstadt. Bei mir sind mein Lebensgefährte Bülent sowie Britta und Karim, mit denen ich seit dem Studium eng befreundet bin. Wir haben entdeckt, dass es hier eine altersschwache ‚Bundeskegelbahn‘ gibt. Ein Relikt aus alten Zeiten, mit dem wir spaßeshalber das gemeinsame Abendessen aufpimpen. An der langen Tafel neben der linoleumbewehrten und von zwei Rinnen flankierten Bohlefläche sind wir zunächst damit beschäftigt, die Speisekarte zu studieren.
„Nichts mit Knoblauch, ich hab morgen einen Zahnarzttermin“, seufzt Karim, der neben mir sitzt. Er kam in den 90ern aus Marokko zum Studium nach Deutschland und ist seit 25 Jahren mit Britta verheiratet.
„Meine Zahnärztin kommt übrigens aus Marokko, wie du“, sage ich.
„Mein Zahnarzt kommt übrigens aus Deutschland, wie du – vielleicht kennt ihr euch ja“, antwortet er und lacht mit zuckenden Schultern in sich hinein. Ich bin noch dabei, mich aus dem Fettnäpfchen herauszulächeln, während Karim, immer noch amüsiert bebend, mir versöhnlich die Schulter tätschelt.
„Ich nehme das Curry mit Koriander. Damit wird mein Zahnarzt wohl klarkommen.“ Britta kommentiert die Wahl ihres Mannes mit den Worten:
„Ich habe gelesen, die Vorliebe für Koriander oder Abneigung dagegen ist genetisch veranlagt.“
„Dann ist Sauerkraut bestimmt auch genetisch“, merkt Bülent trocken an, und wir brechen in lautstarkes Gelächter aus. Der nächste Lacher folgt, als Britta sich umständlich damit abmüht, ihren Stuhl näher an den Tisch zu ziehen. Sie stöhnt:
„Mein Gott, diese Stühle sind so schwer wie in einem DDR-Kongresszentrum.“ Wie sie wohl auf diesen Vergleich kommt? Von uns hat schließlich niemand in der DDR gelebt.
„Ich nehme Shakshuka, das habe ich vor Jahrzehnten mal in Israel gegessen“, verkünde ich, als die Lacher abebben. Karim greift das Stichwort auf:
„Habt ihr auch gehört, dass letzte Nacht mehrere Gebäude in der Innenstadt mit Hakenkreuzen beschmiert wurden? Schlimme Zeiten …“ Bülent sagt plötzlich mitten in das klamme Schweigen:
„Wenn die AfD Regierungspartei wird, verlasse ich das Land.“ Seine schon lang verstorbenen Eltern sind in den 70ern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Ihr am Rande des Ballungsgebietes geborener Sohn hat als ‚kleiner Türkenjunge‘ schon früh Diskriminierung erfahren.
„Echt jetzt?“ Ich bin perplex: „Und was wird aus mir?“
„Ich hoffe, dass du mitkommst“, erwidert er ernst, während alle wie zur Salzsäule erstarrt dasitzen. Britta bricht das Schweigen.
„Ich denke auch schon länger darüber nach, mit Karim das Land zu verlassen, wenn das mit der AfD so weitergeht.“
„Wie bitte?“ Jetzt ist Karim konsterniert. „Ich habe einen deutschen Pass, meine Kinder sind hier aufgewachsen, ich habe einen guten Job, zahle Steuern in Deutschland und sehe das überhaupt nicht ein.“ Britta lächelt nachsichtig und meint:
„Wir haben hoffentlich noch ein bisschen Zeit, das in Ruhe zu besprechen.“ Um die Stimmung etwas aufzulockern, fragt sie:
„Kann mir jemand sagen, wie ich es schaffe, dass meine Fenster nach dem Putzen keine Streifen haben?“ Bülent nimmt das Thema auf und überschüttet sie mit guten Ratschlägen: Zeitungspapier, Fensterleder, erstmal gründlich entfetten … Karim und ich sitzen etwas verstockt da. Ich denke an Swetlana, das ‚Goldstück‘ meiner Tante. Wenn Swetlana die Fenster geputzt hat, sind die einzigen Streifen, die man sieht, die Kondensstreifen der Flugzeuge, die in der Ferne Richtung Mallorca am Himmel vorbeiziehen. 15 Euro bekommt Swetlana, die sicher auch einen Nachnamen hat, der aber nie zum Einsatz kommt. 15 Euro sind weit mehr als der Mindestlohn, betont meine Tante mit einem gehörigen Maß Selbstzufriedenheit. Swetlana arbeitet in einer Fabrik im Schichtdienst, deshalb kommt sie abwechselnd vormittags und nachmittags. Sie ist Ende 30 und zum Leidwesen meiner Tante diese Woche wegen Rückenproblemen krankgeschrieben. Ungeachtet der fortgeschrittenen Konversation frage ich Bülent:
„Wohin sollen wir denn gehen? In Europa sieht’s ja generell nicht so rosig aus, oder?“
„Wie wär’s mit Uganda?“, wirft Karim ungerührt ein, „Uganda ist für seine progressive Flüchtlingspolitik bekannt – Neuankömmlinge bekommen sogar ein Grundstück, wo sie wohnen und Lebensmittel anbauen können.“ Ich finde das ganz großartig, aber …
„Gilt das auch für eine deutsche weiße Frau, die im Herkunftsland nicht verfolgt wird?“ Achselzucken. Werde ich eine namenlose Haushaltshilfe in Uganda sein? Das Essen wurde inzwischen gebracht und ich steche mit meiner Gabel aggressiv in ein Stück Paprika. Ich lasse den Blick über die Gesichter schweifen. Britta nippt gerade an ihrem Wein und lächelt mir zu. Ihre Oma wurde 1945 aus Siebenbürgen vertrieben und weinte bitterlich, als sie 2015 die Bilder flüchtender Menschen im Fernsehen sah. Die einzigen Migrationsbewegungen in meiner Familie führten von Nord- nach Süddeutschland oder umgekehrt.
„Also, für uns ist es natürlich naheliegend, nach Marokko zu ziehen“, sagt Britta, und Karim signalisiert mit einem Grunzgeräusch Zustimmung, macht dabei aber ein säuerliches Gesicht. Klar, dort lebt Karims Verwandtschaft, er und Britta sind sowieso regelmäßig vor Ort, kennen sich aus, werden kaum Probleme haben. Aber wo soll ich hin? Bülent hat in der Türkei niemanden mehr. Und das Land scheint mir ohnehin kein erstrebenswertes Ziel. Momentan weiß ich nur, dass ich meinen Freundeskreis nicht verlassen möchte. Ich will aber auch Bülent nicht allein ziehen lassen, wenn es so weit ist. Wann ist es so weit?
„Die AfD wird doch sicher gar nicht Regierungspartei werden?!“ Ich sage es mit Nachdruck, aber ich bin alles andere als überzeugt. Britta versetzt meiner Hoffnung den Todesstoß, während sie in ihrem Salat stochert:
„Die AfD kam bei der letzten Bundestagswahl auf 10,3 % und liegt bei aktuellen Umfragen bei 21,5. Bei der Reichstagswahl 1930 hatte die NSDAP 18,3 % der Stimmen. 1928 waren es noch 2,6 % gewesen. 1933 – na ja, das wissen wir ja alle.“ Bülent, unser Literaturexperte, ergänzt:
„1933 ist Thomas Mann ins Exil gegangen.“ Ich bin genervt.
„Wir sind aber nicht Thomas Mann – und wir können uns auch kein Haus in der Schweiz oder an der Kurischen Nehrung leisten.“ Wir können uns überhaupt kein Haus leisten. Ich hätte gern die Connections von Thomas Mann. Ob ich es schaffe, in den nächsten Monaten einen Roman zu schreiben, der es mit den Buddenbrooks aufnehmen und mir internationalen Ruhm bescheren kann? Eher nicht.
„Vielleicht können wir nach Kanada gehen“, sinniert Bülent, „als Fachkraft scheint es nicht so schwierig zu sein.“
„Fachkraft wofür?“ Ich wüsste wirklich gern, was er meint. Ein Künstler und eine Redakteurin. Als IT-Cracks oder medizinische Spezis hätten wir vielleicht eine Chance. Ich denke an meine fantastische Zahnärztin, die mir die Angst vorm Zahnarztbesuch genommen hat. Wie soll ich in einem anderen Land ohne meine Zahnärztin klarkommen? Woher kriege ich meine Kronen und meine Medikamente? Gibt’s die überhaupt da, wo ich sein werde? Mir wird bewusst, dass das nachrangige Probleme sind, und ich schäme mich ob meiner Überlegungen ein bisschen. Andere Menschen müssen weit mehr als ihre Zahnärztin zurücklassen.
„Wir können überall arbeiten“, meint Bülent, „Kunst ist eine universelle Sprache, und dank Internet kannst du deine Kunden von überall mit Texten versorgen.“ Seine Überlegungen sind offenbar schon ziemlich konkret. Karim nickt.
Ich frage mich gerade, ob ich es tatsächlich so gemütlich habe in meiner Blase. Droht sie vielleicht in Kürze zu platzen?
„Kegelnamen!“ Das Essen ist beendet, und Karim leitet den aktiven Teil des Abends ein. Woher die Sitte kommt, sich Kegelnamen zu geben, weiß ich nicht, es ist jedenfalls lustig. Aus Britta, deren Haare auf dem Weg zum Grau erblondet sind, wird Marilyn. Karim will der Einfachheit halber jetzt mal Karin heißen. Für seine Einfallslosigkeit wird er von uns ausgebuht. Er nimmt das mit einem entspannten Lächeln hin. Bülent findet, Ulf-Uwe ist ein passender Keglername, und aus mir wird Shirley-Kim.
„Ich glaub, Shirley-Kim und Ulf-Uwe haben was miteinander“, raunt Britta Karim zu, der dazu nur grinsend seinen linken Daumen in die Höhe streckt, während er mit der rechten Hand elegant die erste Kugel auf die Reise schickt.
„Pass auf, dass dir kein Wind unters Kleid fährt!“ Ich zeige mit dem Finger auf Britta und sie greift danach – ein altes Spielchen zwischen uns. Ich fühle mich wehmütig. Werden Britta und Karim bald auf einem anderen Kontinent leben als wir? Und wer kümmert sich um unseren Kater? Bülent, der meinen Gesichtsausdruck richtig deutet, flüstert mir ins Ohr:
„Kein Grund für Katzenjammer. Wir finden schon einen schönen Ort.“ Britta tätigt gerade mit der von uns so getauften Gebärmethode ihren ersten Wurf, während Karim eine selbstbewusste 8 neben seinem Kegelnamen Karin notiert. Ich feuere an:
„Britta, Britta – uuuuh, schade …“ Die dunkelrote Kugel, die sie mit beiden Händen zwischen ihren breitbeinig aufgestellten Schenkeln geschwungen hatte, rollt mit Karacho in die Rinne. Eine nicht gerade elegante, aber oft effiziente Art, die in diesem Fall nicht zum Erfolg geführt hat. Beim direkt folgenden Versuch legt sie drei Kegel flach. Immerhin. Ich schaffe mit der Methode, die ich für traditionell halte, aber dem Golfsport entlehnt habe, noch weniger. Das ungehorsame Teil trudelt wie bei einer Slalomfahrt um die überdimensionierten Spielfiguren herum, touchiert hier und da, bringt aber kaum eine zu Fall. Am Ende nur zwei. Bülent macht sich über uns lustig, während er eine dunkelgrüne Kugel zwischen seinen Beinen schwingen lässt. Im Gegensatz zu Britta bringt er auf Anhieb sechs Kegel zum Umsturz.
„Alter Umstürzler!“ kommentiere ich, und Karim ruft:
„Bravo, weiter so!“ – die Marilyn des Tages säuselt:
„Congratulations, Mister President!“ Wir kichern und gibbeln vor uns hin, während wir abwechselnd sehr amateurhaft kegeln, uns gegenseitig freudvoll beschimpfen oder enthusiastisch anfeuern. Wer gegen wen ist ganz egal, Hauptsache es macht Spaß.
Ich fühle mich wohl. Diese Menschen bieten mir nicht nur Freude, sondern vor allem Sicherheit und Schutz. Etwas, was viele erfolglos suchen. Menschen auf Booten im Mittelmeer kommen mir in den Sinn.
Auswandern auf eine Insel im Mittelmeer muss ich Bülent gar nicht erst vorschlagen. Grad gestern hat er sich tierisch aufgeregt über die Kriminalisierung der Seenotrettung. Das Mittelmeer ein Massengrab – pervers, grotesk, obszön. Die Welt schaue zu. Lampedusa, El Hierro – mehrere Tausend Geflüchtete kommen da auf wenige Hundert hilfsbereite Einwohnerinnen und Einwohner. Und zweifelhafte Abkommen sollen uns aus allem raushalten.
„Ja“, habe ich gesagt, „schlimm.“ Jetzt gerade finde ich das auch ziemlich schade für unsere Auswanderungspläne, auch wenn ich weiß, dass das ein zynischer Gedanke ist. Ein Leben auf einer sonnigen Insel hätte ich mir vielleicht vorstellen können. Ich bin plötzlich keine Urlauberin mehr. Asylsuchende, Geflüchtete und Exilantinnen waren bisher immer die anderen – vielleicht ist es bald an mir, mich ganz neu definieren. Britta unterbricht meine geheimen Überlegungen.
„Mittendrin statt nur dabei!“ Scheinbar will sie ihre Kugel mit diesem Slogan behexen, damit sie alle Neune auf einen Schlag umnietet. Wie passend, denke ich – mittendrin statt nur dabei. Nicht mehr nur Zuschauerin, sondern Teil einer Migrationsbewegung.
Wir haben die Zeit überzogen – der Wirt bittet uns zur Kasse. Während die anderen diskutieren, in welcher Kneipe wir jetzt noch einen Absacker trinken könnten, stecke ich in Gedanken meinen sprichwörtlichen Kopf in eine weite Sandwüste. In welchem Land sie sich befindet? Ich weiß es nicht.
Mein Handy vibriert. Eine E-Mail von der Zahnarztpraxis. Eine Erinnerung? Muss ich etwa schon wieder zur Zahnreinigung? Ich öffne die Mail. Da steht:
„Liebe Patientinnen und Patienten,
zum 31.12.2023 schließe ich die Praxis. Ich bedaure diesen Schritt zutiefst, aber die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Land sind aus meiner Sicht nicht weiter tragbar. Daher verlagere ich meinen Lebensmittelpunkt nach Kanada, wo ich ab 2024 als Zahnärztin praktizieren werde.
Allen, denen ich in den kommenden Wochen nicht mehr persönlich begegne, wünsche ich auf diesem Wege alles Gute für die Zukunft.
Mit herzlichen Grüßen
Ihre Saabira Chraibi“
Ich brauche ein paar Sekunden. Dann sage ich:
„Okay, versuchen wir es mit Kanada.“
PS: Wissen Sie was? Kanada hin oder her – mir ist ziemlich mulmig zumute. Ja, ich weiß, Sie suchen nach Geschichten, die nur dort passieren, wo ICH bin – und nur mit DEN Menschen, die ICH kenne. Das hier ist diese Geschichte – aber sie kann nicht nur mir so passieren. Nicht nur mit diesen Menschen. Sie ist meine und doch eine, die vielleicht auch Ihnen so passieren kann. Bald.
Diese Geschichte hat es unter dem Titel „Raus aus der Blase – rein ins Exil“ auf die Longlist des Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerbs 2023 geschafft.
Das Foto ist in Camaret (Bretagne) entstanden.
Der letzte Absatz bezieht sich auf die Wettbewerbs-Anforderungen.












