August 1939: Der 35-jährige Studienrat Walter Kamp reist mit einer Schülergruppe im Zug nach Le Havre. Von hier werden sie am nächsten Tag mit der S.S. Normandie nach New York aufbrechen. Walter Kamp ist Englischlehrer an einem Gymnasium im Ruhrgebiet. Gestern hat er sich von seiner schwangeren Frau Liese, seiner 5-jährigen Tochter Ursel und der 3-jährigen Karin verabschiedet. Auf dem Schiff ist er mit den Schülern und über 1.600 anderen Passagieren vier Tage unterwegs. Die Jungen aus der Obertertia und der Untersekunda sind begeistert. Das französische Passagierschiff ist das größte der Welt, zehnmal so lang wie ihr Pausenhof und mit einem eleganten Art-déco-Interieur schöner als jedes Wohnzimmer. Dabei kennen sie Luxus als Kinder aus gut situierten Elternhäusern. Da sind die 14-Jährigen: Felix Aurich, Max Elger und Albert Kramer. Und die 15-Jährigen: Martin Böll, Franz Terboven, Ulrich Reinke, Manfred Zebrowski und Leo Hoffmann. Walter Kamp ist in Gedanken versunken, als jemand ihn am Ärmel zupft.
„Herr Kamp, Albert und Leo raufen!“ Der für sein Alter sehr kleine Felix ist außer Atem. Der Lehrer folgt ihm. Die beiden Jungen liegen ineinander verkeilt am Boden, er muss sie auseinanderzerren. Albert und Leo starren sich wortlos an. Ulrich, der in seiner Klasse Schülervertreter ist, erklärt, Albert habe Leo „dreckiger Jude“ genannt, Leo habe daraufhin zugeschlagen. Ein paar Jungs schauen zu Boden, andere zucken die Schultern.
„Wir sind gemeinsam auf einer vierwöchigen Reise“, sagt der Pädagoge, „ich erwarte, dass wir zusammenhalten.“ Er kommt sich naiv vor. Hatte er gedacht, alle Vorbehalte und Antipathien könnten durch eine gemeinsame Reise weggewischt werden? Der Rest der Überfahrt verläuft friedlich. Schließlich erreichen sie New York. Felix entdeckt sie zuerst:
„Die Freiheitsstatue!“ Walter Kamp denkt: „Freiheit. Deswegen sind wir hier.“ Die Atmosphäre in Deutschland hat sich bedrohlich verändert. Die Reise ist seit zweieinhalb Jahren geplant. Eine so kostspielige Unternehmung bedarf viel Vorbereitung. Wäre nicht alles so aufwendig gewesen, hätten sie sie in diesen unsicheren Zeiten vielleicht nicht angetreten. Aber der amerikanische Kollege Ronald Oates hat in New York bereits Gastfamilien organisiert und in seiner Schule dafür gesorgt, dass die deutschen Schüler am Unterricht teilnehmen können. Walter Kamp hätte eine Absage der Reise für das falsche Zeichen gehalten. Gerade jetzt. Er freut sich Ronald Oates wiederzusehen, den er vor acht Jahren in Genf bei einer Völkerbund-Konferenz kennengelernt hat. Der Amerikaner ist mit einer Delegation von Gastfamilien erschienen. Sie reichen sich die Hände. Der deutsche Gast erhält eine Liste mit Adressen und liest die Namen seiner gespannten Schüler vor, die er sodann ihren amerikanischen Familien übergibt. In den kommenden Wochen leben sich seine Schützlinge gut ein. Sie verstehen sich fast ausnahmslos hervorragend mit ihren Gastgebern, entdecken das Schulsystem für sich, essen Burger und Hotdogs, verlieben sich, spielen Baseball, besuchen Museen und sogar ein Broadway-Musical. Martins Gastvater nimmt den musikbegeisterten Jungen mit in einen Jazzclub. Das dürfen Martins Eltern nicht wissen. Der Junge vertraut seinem Lehrer an, dass er Jazzmusiker werden will, am liebsten in New York. Sie führen ein langes Gespräch, und der Pädagoge verspricht, mit Martins Eltern über dessen Pläne zu sprechen. Franz und sein Gastbruder sind unzertrennlich und täglich auf dem Tennisplatz anzutreffen. Lediglich Albert beargwöhnt dies und das. Zwar ist er in einer netten Familie untergebracht, aber er kritisiert die Lebensgewohnheiten der Amerikaner fortwährend. Die Rührseligkeit der Gastmutter, die Frisur des Gastbruders. Ins Musical geht er nicht mit, in der Schule herrsche keine Disziplin, bemängelt er. Neben dem heimwehgeplagten Felix ist er der Einzige, der sich auf die Heimreise freut. Lediglich seinen Gastvater Neil, der ihn am Wochenende mit zur Jagd genommen hat, bewundert er.
Am 2. September erwartet Ronald Oates seinen deutschen Freund mit entgeistertem Gesichtsausdruck und den Worten „God almighty! War has started.“ Er sitzt vor dem Radio. Die beiden Männer sehen sich an und lauschen. Was wird nun werden? Die Rückreise soll in drei Tagen beginnen. Der Amerikaner macht sich schlau. Bis auf Weiteres sind Reisen nach Europa nur in Sonderfällen möglich. Walter Kamp erhält eine Nachricht per Fernschreiber von Liese:
+++ kriegsausbruch steht bevor +++ niederkunft ebenfalls +++ komm schnell heim +++
Eine typische Liese-Nachricht. Er lächelt. War es töricht, die Reise anzutreten? Sie hat ihn unterstützt, aber sie hatte auch Bedenken. Er hat beschwichtigt, sie hat geschwiegen. Sein Schwager Erich hat ihn gewarnt:
„Findest du es richtig, Liese und die Kinder jetzt allein zu lassen?“
„Die Reise ist seit zweieinhalb Jahren in Planung. Soll ich jetzt acht Schülern absagen? Alles ist gebucht“, hat er erwidert. Die beiden Schulen besitzen jeweils einen Fernsprecher. Nach ihrer Ankunft hat er angerufen, die Schule hat die Nachricht an die Eltern und Liese weitergeleitet. Jetzt tätigt er den zweiten Anruf. Sie wissen nicht, wie sie zurückkommen sollen. Die Rückmeldung des Direktors lautet: schnellstmöglich zurückkehren, koste es, was es wolle. Die Recherche ergibt: Sie werden die Rückreise über Japan antreten. Aber ihr Geld wird nicht reichen. Ronald Oates startet an der Schule einen Spendenaufruf. Eltern und Lehrkörper zeigen sich großzügig. Walter Kamp bedankt sich überschwänglich. Die Geldgeber quittieren seine Rührung schlicht mit „You‘re welcome“.
Im Oktober 1939 steigt der Lehrer mit seinen acht Schützlingen in einen Bus, der sie nach Los Angeles bringt. Von dort geht es mit dem Schiff weiter Richtung Japan. Diesmal ist das Meer aufgewühlt und unfreundlich, das Schiff ein spartanisch ausgestattetes Handelsschiff. Sie schlafen, wenn sie sich nicht gerade übergeben, in Kojen in einem Gemeinschaftsschlafsaal. Nach zwölf Tagen legen sie in Ogasawara an, etwa 1.000 Kilometer von Tokio entfernt. Sie sind nach tagelanger Seekrankheit entkräftet und mutlos. In Ogasawara finden sie eine einfache Herberge. Es gibt Reis und Fisch. Morgens, mittags und abends. Walter Kamp weiß nicht, wieso sie hier gestrandet sind. In knapp einem Monat soll sein drittes Kind zur Welt kommen. Die Schüler sind ruhig, fast schicksalsergeben. Der besonnene Ulrich unterstützt seinen Mentor bei organisatorischen Aufgaben.
„Herr Kamp, wie lange wird unsere Reise noch dauern?“ Wie könnte er das wissen? Er kündigt den Jungen an, dass sie sich auf eine längere Rückreise einstellen müssen. Albert explodiert:
„Daran sind nur Sie schuld! Ich wollte gar nicht mit. Meine Eltern wollten das. Jetzt ist Krieg und wir sollten unserem Vaterland dienen!“ Was soll der Pädagoge und Pazifist Walter Kamp darauf entgegnen?
„Es tut mir leid“, sagt er. „Vielleicht ist es meine Schuld. Ich habe gehofft, dass es keinen Krieg gibt. Deshalb machen wir diese Reise ja auch. Um die anderen kennenzulernen, statt sie zu bekämpfen. Wir sind doch Menschen wie die Amerikaner und die Japaner. Wem ist geholfen, wenn wir uns gegenseitig umbringen? Willst du wirklich in den Krieg ziehen?“ Albert spuckt die Worte förmlich aus:
„Das ist unsere Pflicht!“
„Würdest du Neil erschießen?“ Albert schweigt, dann entgegnet er:
„Nein.“ Walter Kamp hakt nach.
„Warum nicht? Jeder andere könnte wie er sein. Einer, der Fremde zu sich nach Hause einlädt.“ Albert schweigt. Alle sitzen betreten da.
„Ich tue, was ich kann, um uns so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. Ich bin stolz auf euch, ihr habt gut durchgehalten. Ich bin nur euer Englischlehrer, und ich hatte mit all dem hier nicht gerechnet.“ Er schämt sich.
„Sie sind nicht nur unser Lehrer“, sagt Martin leise, „Sie sind auch unser Held.“
Zwei Tage später geht eine Fähre nach Tokio. Diesmal geht es nur Leo nicht gut. Er schläft viel, und als sie ankommen, ist er fast nicht zum Aufstehen zu bewegen. Kaum haben sie eine Unterkunft gefunden, macht sich Walter Kamp gemeinsam mit Ulrich auf die Suche nach einem Arzt. Sie finden sogar einen Übersetzer und kehren mit beiden zurück. Leo fiebert heftig und ist bewusstlos. Diagnose: Pappatasi-Fieber, eine Krankheit, die tödlich verlaufen kann – wenn nicht, dauert sie oft viele Wochen. Der Pädagoge beratschlagt mit der Gruppe, die entschlossen ist, mit Leo auszuharren. Nur Albert ist Leos Schicksal egal. Alle außer ihm wechseln sich am Krankenbett ab, machen Wadenwickel und flößen Leo Wasser ein. Walter Kamp findet Zugang zu einem Fernschreiber und informiert die Schule. Er selbst erhält eine Nachricht von Erich:
+++ sohn geboren +++ liese im kindbettfieber +++ wir beten +++
Das Kind ist zu früh gekommen, es ist Anfang Oktober. Er sollte bei Liese sein. Er wirft einen Blick in die Unterkunft: Felix sitzt bei Leo, die anderen spielen Karten. Niemand bemerkt ihn. Er geht bis zum Meer, dort schreit er seine Angst in den Wind.
Albert verbringt seine Zeit größtenteils allein. Nach ein paar Tagen sehen sie ihn in der Nähe der Unterkunft, wo er sich mit einem japanischen Mädchen unterhält. Welche Sprache sprechen sie? Das bleibt ein Geheimnis. Jedenfalls trifft Albert das Mädchen nun häufiger und erzählt den anderen, was er jetzt über Japan weiß. Sie staunen und beginnen Tokio mit neuen Augen zu erkunden. Leos Zustand allerdings bleibt unverändert. An Tag 10 der Krankheit spricht Ulrich mit Albert, der noch kein einziges Mal bei Leo gewacht hat. Er solle kein Kameradenschwein sein. Albert setzt sich zu Leo. Der Pädagoge betet. Ihm fällt nichts anderes mehr ein. Am nächsten Tag entdeckt er Albert am Krankenbett, den Kopf zu Leo gebeugt, der flüsternd etwas erzählt. Er versteht nichts, aber er sieht, wie Albert Leos Hand drückt. In den nächsten zwei Wochen sinkt das Fieber, und Walter Kamp erhält eine Nachricht.
+++ liese auf dem weg der besserung +++
Es vergehen weitere Wochen. Als das Geld zur Neige geht, bietet er dem Herbergsvater seine Uhr an. Der aber deutet auf die herumlungernden Jungs, dann auf den Garten und die Küche. Ab sofort helfen jeweils drei von ihnen vormittags im Garten, nachmittags in der Küche. Aus den behüteten Kindern sind junge Männer geworden, die ihren Lebensunterhalt bestreiten. Der Pädagoge arbeitet stets mit, wacht an Leos Bett und organisiert die Weiterreise. Nur: Wovon sollen sie die bezahlen? Als Englischlehrer unterrichtet er abends die Kinder des japanischen Arztes – ein Tropfen auf den heißen Stein.
Dann, eines Tages, Leo ist fast genesen, steht ein japanischer Herr im weißen Anzug vor der Herberge. Er verbeugt sich und überreicht Walter Kamp einen Umschlag. Darin ein Brief von Martins Vater.
„Herr Kamp, mein Geschäftspartner Herr Kurosawa bringt Ihnen diese Western-Union-Schecks in meinem Auftrag. Bringen Sie die Kinder gesund heim. Gute Reise. Eduard Böll.“ Sie fliegen von Tokio nach Wladiwostok, von dort geht es mit der Eisenbahn weiter. In Moskau pausieren sie einen Tag. Der Lehrer erhält eine Nachricht von Leos Vater:
+++ dringend +++ leo nicht zurückbringen +++ in riga aussteigen +++
In Riga am Gleis erkennt Leo niemanden. Seine Mitreisenden sehen sich betreten an. Bevor der Zug den Bahnhof wieder verlässt, schüttelt Leo ihnen die Hand.
„Danke für alles, Herr Kamp.“ Albert ist der letzte in der Reihe. Die beiden Jungen umarmen sich fest. Die Schlussetappe ab Berlin verbringen alle niedergedrückt und schweigend. Am Bahnhof halten die Mütter bereits Ausschau. Fast alle Väter sind bereits in den Krieg gezogen. Es ist Februar 1940. Der Lehrer ist nach einem halben Jahr mit sieben von acht Schülern zurückgekehrt. Auch Liese ist da, blass und schmal, untergehakt bei ihrem Bruder Erich. Sie lässt sich umarmen, dreht sich um und macht sich auf den Heimweg.
„Sie freut sich gar nicht“, sagt der Heimkehrer zu seinem Schwager. Erich schüttelt müde den Kopf und nimmt ihm sanft den Koffer ab.
„Was hattest du erwartet?“ Wenige Tage später erhält Walter Kamp seinen Einberufungsbefehl …














