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  • … einem Lehrer

    … einem Lehrer

    August 1939: Der 35-jährige Studienrat Walter Kamp reist mit einer Schülergruppe im Zug nach Le Havre. Von hier werden sie am nächsten Tag mit der S.S. Normandie nach New York aufbrechen. Walter Kamp ist Englischlehrer an einem Gymnasium im Ruhrgebiet. Gestern hat er sich von seiner schwangeren Frau Liese, seiner 5-jährigen Tochter Ursel und der 3-jährigen Karin verabschiedet. Auf dem Schiff ist er mit den Schülern und über 1.600 anderen Passagieren vier Tage unterwegs. Die Jungen aus der Obertertia und der Untersekunda sind begeistert. Das französische Passagierschiff ist das größte der Welt, zehnmal so lang wie ihr Pausenhof und mit einem eleganten Art-déco-Interieur schöner als jedes Wohnzimmer. Dabei kennen sie Luxus als Kinder aus gut situierten Elternhäusern. Da sind die 14-Jährigen: Felix Aurich, Max Elger und Albert Kramer. Und die 15-Jährigen: Martin Böll, Franz Terboven, Ulrich Reinke, Manfred Zebrowski und Leo Hoffmann. Walter Kamp ist in Gedanken versunken, als jemand ihn am Ärmel zupft.

    „Herr Kamp, Albert und Leo raufen!“ Der für sein Alter sehr kleine Felix ist außer Atem. Der Lehrer folgt ihm. Die beiden Jungen liegen ineinander verkeilt am Boden, er muss sie auseinanderzerren. Albert und Leo starren sich wortlos an. Ulrich, der in seiner Klasse Schülervertreter ist, erklärt, Albert habe Leo „dreckiger Jude“ genannt, Leo habe daraufhin zugeschlagen. Ein paar Jungs schauen zu Boden, andere zucken die Schultern.

    „Wir sind gemeinsam auf einer vierwöchigen Reise“, sagt der Pädagoge, „ich erwarte, dass wir zusammenhalten.“ Er kommt sich naiv vor. Hatte er gedacht, alle Vorbehalte und Antipathien könnten durch eine gemeinsame Reise weggewischt werden? Der Rest der Überfahrt verläuft friedlich. Schließlich erreichen sie New York. Felix entdeckt sie zuerst:

    „Die Freiheitsstatue!“ Walter Kamp denkt: „Freiheit. Deswegen sind wir hier.“ Die Atmosphäre in Deutschland hat sich bedrohlich verändert. Die Reise ist seit zweieinhalb Jahren geplant. Eine so kostspielige Unternehmung bedarf viel Vorbereitung. Wäre nicht alles so aufwendig gewesen, hätten sie sie in diesen unsicheren Zeiten vielleicht nicht angetreten. Aber der amerikanische Kollege Ronald Oates hat in New York bereits Gastfamilien organisiert und in seiner Schule dafür gesorgt, dass die deutschen Schüler am Unterricht teilnehmen können. Walter Kamp hätte eine Absage der Reise für das falsche Zeichen gehalten. Gerade jetzt. Er freut sich Ronald Oates wiederzusehen, den er vor acht Jahren in Genf bei einer Völkerbund-Konferenz kennengelernt hat. Der Amerikaner ist mit einer Delegation von Gastfamilien erschienen. Sie reichen sich die Hände. Der deutsche Gast erhält eine Liste mit Adressen und liest die Namen seiner gespannten Schüler vor, die er sodann ihren amerikanischen Familien übergibt. In den kommenden Wochen leben sich seine Schützlinge gut ein. Sie verstehen sich fast ausnahmslos hervorragend mit ihren Gastgebern, entdecken das Schulsystem für sich, essen Burger und Hotdogs, verlieben sich, spielen Baseball, besuchen Museen und sogar ein Broadway-Musical. Martins Gastvater nimmt den musikbegeisterten Jungen mit in einen Jazzclub. Das dürfen Martins Eltern nicht wissen. Der Junge vertraut seinem Lehrer an, dass er Jazzmusiker werden will, am liebsten in New York. Sie führen ein langes Gespräch, und der Pädagoge verspricht, mit Martins Eltern über dessen Pläne zu sprechen. Franz und sein Gastbruder sind unzertrennlich und täglich auf dem Tennisplatz anzutreffen. Lediglich Albert beargwöhnt dies und das. Zwar ist er in einer netten Familie untergebracht, aber er kritisiert die Lebensgewohnheiten der Amerikaner fortwährend. Die Rührseligkeit der Gastmutter, die Frisur des Gastbruders. Ins Musical geht er nicht mit, in der Schule herrsche keine Disziplin, bemängelt er. Neben dem heimwehgeplagten Felix ist er der Einzige, der sich auf die Heimreise freut. Lediglich seinen Gastvater Neil, der ihn am Wochenende mit zur Jagd genommen hat, bewundert er.

    Am 2. September erwartet Ronald Oates seinen deutschen Freund mit entgeistertem Gesichtsausdruck und den Worten „God almighty! War has started.“ Er sitzt vor dem Radio. Die beiden Männer sehen sich an und lauschen. Was wird nun werden? Die Rückreise soll in drei Tagen beginnen. Der Amerikaner macht sich schlau. Bis auf Weiteres sind Reisen nach Europa nur in Sonderfällen möglich. Walter Kamp erhält eine Nachricht per Fernschreiber von Liese:

    +++ kriegsausbruch steht bevor +++ niederkunft ebenfalls +++ komm schnell heim +++

    Eine typische Liese-Nachricht. Er lächelt. War es töricht, die Reise anzutreten? Sie hat ihn unterstützt, aber sie hatte auch Bedenken. Er hat beschwichtigt, sie hat geschwiegen. Sein Schwager Erich hat ihn gewarnt:

    „Findest du es richtig, Liese und die Kinder jetzt allein zu lassen?“

    „Die Reise ist seit zweieinhalb Jahren in Planung. Soll ich jetzt acht Schülern absagen? Alles ist gebucht“, hat er erwidert. Die beiden Schulen besitzen jeweils einen Fernsprecher. Nach ihrer Ankunft hat er angerufen, die Schule hat die Nachricht an die Eltern und Liese weitergeleitet. Jetzt tätigt er den zweiten Anruf. Sie wissen nicht, wie sie zurückkommen sollen. Die Rückmeldung des Direktors lautet: schnellstmöglich zurückkehren, koste es, was es wolle. Die Recherche ergibt: Sie werden die Rückreise über Japan antreten. Aber ihr Geld wird nicht reichen. Ronald Oates startet an der Schule einen Spendenaufruf. Eltern und Lehrkörper zeigen sich großzügig. Walter Kamp bedankt sich überschwänglich. Die Geldgeber quittieren seine Rührung schlicht mit „You‘re welcome“.

    Im Oktober 1939 steigt der Lehrer mit seinen acht Schützlingen in einen Bus, der sie nach Los Angeles bringt. Von dort geht es mit dem Schiff weiter Richtung Japan. Diesmal ist das Meer aufgewühlt und unfreundlich, das Schiff ein spartanisch ausgestattetes Handelsschiff. Sie schlafen, wenn sie sich nicht gerade übergeben, in Kojen in einem Gemeinschaftsschlafsaal. Nach zwölf Tagen legen sie in Ogasawara an, etwa 1.000 Kilometer von Tokio entfernt. Sie sind nach tagelanger Seekrankheit entkräftet und mutlos. In Ogasawara finden sie eine einfache Herberge. Es gibt Reis und Fisch. Morgens, mittags und abends. Walter Kamp weiß nicht, wieso sie hier gestrandet sind. In knapp einem Monat soll sein drittes Kind zur Welt kommen. Die Schüler sind ruhig, fast schicksalsergeben. Der besonnene Ulrich unterstützt seinen Mentor bei organisatorischen Aufgaben.

    „Herr Kamp, wie lange wird unsere Reise noch dauern?“ Wie könnte er das wissen? Er kündigt den Jungen an, dass sie sich auf eine längere Rückreise einstellen müssen. Albert explodiert:

    „Daran sind nur Sie schuld! Ich wollte gar nicht mit. Meine Eltern wollten das. Jetzt ist Krieg und wir sollten unserem Vaterland dienen!“ Was soll der Pädagoge und Pazifist Walter Kamp darauf entgegnen?

    „Es tut mir leid“, sagt er. „Vielleicht ist es meine Schuld. Ich habe gehofft, dass es keinen Krieg gibt. Deshalb machen wir diese Reise ja auch. Um die anderen kennenzulernen, statt sie zu bekämpfen. Wir sind doch Menschen wie die Amerikaner und die Japaner. Wem ist geholfen, wenn wir uns gegenseitig umbringen? Willst du wirklich in den Krieg ziehen?“ Albert spuckt die Worte förmlich aus:

    „Das ist unsere Pflicht!“

    „Würdest du Neil erschießen?“ Albert schweigt, dann entgegnet er:

    „Nein.“ Walter Kamp hakt nach.

    „Warum nicht? Jeder andere könnte wie er sein. Einer, der Fremde zu sich nach Hause einlädt.“ Albert schweigt. Alle sitzen betreten da.

    „Ich tue, was ich kann, um uns so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. Ich bin stolz auf euch, ihr habt gut durchgehalten. Ich bin nur euer Englischlehrer, und ich hatte mit all dem hier nicht gerechnet.“ Er schämt sich.

    „Sie sind nicht nur unser Lehrer“, sagt Martin leise, „Sie sind auch unser Held.“

    Zwei Tage später geht eine Fähre nach Tokio. Diesmal geht es nur Leo nicht gut. Er schläft viel, und als sie ankommen, ist er fast nicht zum Aufstehen zu bewegen. Kaum haben sie eine Unterkunft gefunden, macht sich Walter Kamp gemeinsam mit Ulrich auf die Suche nach einem Arzt. Sie finden sogar einen Übersetzer und kehren mit beiden zurück. Leo fiebert heftig und ist bewusstlos. Diagnose: Pappatasi-Fieber, eine Krankheit, die tödlich verlaufen kann – wenn nicht, dauert sie oft viele Wochen. Der Pädagoge beratschlagt mit der Gruppe, die entschlossen ist, mit Leo auszuharren. Nur Albert ist Leos Schicksal egal. Alle außer ihm wechseln sich am Krankenbett ab, machen Wadenwickel und flößen Leo Wasser ein. Walter Kamp findet Zugang zu einem Fernschreiber und informiert die Schule. Er selbst erhält eine Nachricht von Erich:

    +++ sohn geboren +++ liese im kindbettfieber +++ wir beten +++

    Das Kind ist zu früh gekommen, es ist Anfang Oktober. Er sollte bei Liese sein. Er wirft einen Blick in die Unterkunft: Felix sitzt bei Leo, die anderen spielen Karten. Niemand bemerkt ihn. Er geht bis zum Meer, dort schreit er seine Angst in den Wind.

    Albert verbringt seine Zeit größtenteils allein. Nach ein paar Tagen sehen sie ihn in der Nähe der Unterkunft, wo er sich mit einem japanischen Mädchen unterhält. Welche Sprache sprechen sie? Das bleibt ein Geheimnis. Jedenfalls trifft Albert das Mädchen nun häufiger und erzählt den anderen, was er jetzt über Japan weiß. Sie staunen und beginnen Tokio mit neuen Augen zu erkunden. Leos Zustand allerdings bleibt unverändert. An Tag 10 der Krankheit spricht Ulrich mit Albert, der noch kein einziges Mal bei Leo gewacht hat. Er solle kein Kameradenschwein sein. Albert setzt sich zu Leo. Der Pädagoge betet. Ihm fällt nichts anderes mehr ein. Am nächsten Tag entdeckt er Albert am Krankenbett, den Kopf zu Leo gebeugt, der flüsternd etwas erzählt. Er versteht nichts, aber er sieht, wie Albert Leos Hand drückt. In den nächsten zwei Wochen sinkt das Fieber, und Walter Kamp erhält eine Nachricht.

    +++ liese auf dem weg der besserung +++

    Es vergehen weitere Wochen. Als das Geld zur Neige geht, bietet er dem Herbergsvater seine Uhr an. Der aber deutet auf die herumlungernden Jungs, dann auf den Garten und die Küche. Ab sofort helfen jeweils drei von ihnen vormittags im Garten, nachmittags in der Küche. Aus den behüteten Kindern sind junge Männer geworden, die ihren Lebensunterhalt bestreiten. Der Pädagoge arbeitet stets mit, wacht an Leos Bett und organisiert die Weiterreise. Nur: Wovon sollen sie die bezahlen? Als Englischlehrer unterrichtet er abends die Kinder des japanischen Arztes – ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Dann, eines Tages, Leo ist fast genesen, steht ein japanischer Herr im weißen Anzug vor der Herberge. Er verbeugt sich und überreicht Walter Kamp einen Umschlag. Darin ein Brief von Martins Vater.

    „Herr Kamp, mein Geschäftspartner Herr Kurosawa bringt Ihnen diese Western-Union-Schecks in meinem Auftrag. Bringen Sie die Kinder gesund heim. Gute Reise. Eduard Böll.“ Sie fliegen von Tokio nach Wladiwostok, von dort geht es mit der Eisenbahn weiter. In Moskau pausieren sie einen Tag. Der Lehrer erhält eine Nachricht von Leos Vater:

    +++ dringend +++ leo nicht zurückbringen +++ in riga aussteigen +++

    In Riga am Gleis erkennt Leo niemanden. Seine Mitreisenden sehen sich betreten an. Bevor der Zug den Bahnhof wieder verlässt, schüttelt Leo ihnen die Hand.

    „Danke für alles, Herr Kamp.“ Albert ist der letzte in der Reihe. Die beiden Jungen umarmen sich fest. Die Schlussetappe ab Berlin verbringen alle niedergedrückt und schweigend. Am Bahnhof halten die Mütter bereits Ausschau. Fast alle Väter sind bereits in den Krieg gezogen. Es ist Februar 1940. Der Lehrer ist nach einem halben Jahr mit sieben von acht Schülern zurückgekehrt. Auch Liese ist da, blass und schmal, untergehakt bei ihrem Bruder Erich. Sie lässt sich umarmen, dreht sich um und macht sich auf den Heimweg.

    „Sie freut sich gar nicht“, sagt der Heimkehrer zu seinem Schwager. Erich schüttelt müde den Kopf und nimmt ihm sanft den Koffer ab.

    „Was hattest du erwartet?“ Wenige Tage später erhält Walter Kamp seinen Einberufungsbefehl …

    Das Foto ist im französischen Bandol entstanden.

    Die Geschichte ist von wahren Begebenheiten inspiriert.

  • … einem unbekannten Mann (1992)

    … einem unbekannten Mann (1992)

    Die Kuppe ihres rechten Zeigefingers fühlte sich taub an. Der Rest ihrer Hand umschloss die Dose mit dem Pfefferspray, die sich auf ihrer ganzen Interrailtour unbenutzt in der rechten Jackentasche befunden hatte. Wie lange saß sie jetzt wohl schon auf diesem braunen Cordsofa, jederzeit bereit, die Hand aus der Tasche zu ziehen und abzudrücken? Zwei Stunden vielleicht? Sie schwitzte, ein Tropfen rann an ihrer Schläfe herunter, und sie hörte ihren eigenen Atem, schnell wie nach einem 100-Meter-Lauf, viel schneller, als sie wollte. Sie versuchte sich zu beruhigen. Der Mann schien von alldem nichts zu bemerken. Er saß mit etwas Abstand neben ihr, sein Blick schweifte unstet umher, blieb mal an ihr hängen, irrlichterte dann weiter, während er ununterbrochen redete.

    Mehr als 48 Stunden Zugreise lagen bereits hinter ihr, als ihre Wege sich kreuzten. Von Südspanien, wo sie sich von ihrem Reisebegleiter getrennt hatte, bis Groningen war sie ohne Pause unterwegs gewesen und dann hundemüde, mit abgelaufenem Ticket und ohne Geld für die Weiterfahrt, kurz vor der deutschen Grenze gestrandet. Allein nachts am menschenleeren Bahnhof von Groningen, zu erledigt für klare Gedanken, war sie einfach mitgegangen, als der fremde, ältere Herr vorbeikam und sie in fast lupenreinem Deutsch angesprochen hatte. Was sie denn hier ganz allein mache. Ach, so ein Pech, nichts mehr im Portemonnaie und kein Fahrschein. Sie könne jedenfalls nicht die ganze Nacht am Bahnhof bleiben, sie dürfe bei ihm, ganz in der Nähe, ausruhen. Nur ganz kurz hatte sie gezögert, dann hatte die Aussicht auf ein paar Stunden Schlaf in einer warmen Wohnung sie ihm folgen lassen.

    Kaum hatte sie die Treppe erklommen und den engen, schummrigen Flur betreten, hörte sie, wie er die Wohnungstür von innen abschloss. Sie drehte sich um, und in ihrem Hirn sagte eine tausendfach gehörte Stimme ‚Geh nie mit fremden Männern mit‘, während er den Schlüssel lächelnd in seine Hosentasche steckte. Adrenalin flutete ihren Körper, die Müdigkeit war verschwunden.

    „Nehmen Sie Platz dort auf dem Sofa“, hatte der Mann mit Nachdruck gesagt, und sie hatte den Rucksack neben dem Sofa abgestellt, während ihre Synapsen fieberhaft Kontakt zueinander suchten.

    „Dürfte ich ganz kurz Ihr Telefon benutzen?“ Sie hatte versucht, so arglos und fröhlich zu klingen wie nur möglich. Er hatte sie angeschaut und genickt. Sie hatte die Nummer ihrer Mutter gewählt, die nach einigem Klingeln übernächtigt und mit schläfriger Stimme ans Telefon ging. Langsam und deutlich sagte sie:

    „Hallo Mama, ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass ich heute in Groningen bei einem netten Herrn in der Nähe vom Bahnhof die Zeit bis zum nächsten Zug verbringe. Morgen bin ich dann wieder zurück! Schlaf gut!“ Dann hatte sie schnell aufgelegt, um besorgten Nachfragen zuvorzukommen, und sich aufs Sofa gesetzt, wo sie seither unbeweglich und so still wie möglich saß, während eine nicht enden wollende Flut an Wörtern ihre Ohren überschwemmte und das Denken erschwerte.

    „Als ich noch gearbeitet habe, hatte ich immer Gebäck im Haus für Besucher, aber jetzt nicht mehr. Draußen funktioniert die Straßenlaterne schon seit zwei Jahren nicht mehr. Ich habe bei der Stadt angerufen, aber es passiert nichts. Na ja. Groningen ist schön, Sie sollten ein Weilchen hierbleiben …“

    Was sollte das bedeuten? Was wollte er von ihr? Sie hier gefangen halten? Sie zwang sich zu einem Lächeln, aber er schaute jetzt in den nur durch eine funzelige Tischleuchte erhellten Nebenraum, in dem ein Tisch stand, auf dem ein paar Papiere lagen, viel mehr konnte sie nicht sehen.

    „Ich habe Post bekommen vom Einwohnermeldeamt …“ Sie konnte ihm nicht folgen. Was der Mann sagte, wirkte auf sie vollkommen willkürlich und zusammenhanglos. Wie alt mochte er sein? Vielleicht sechzig? Inzwischen war die Müdigkeit zurück und wechselte sich mit der mühsam in Schach gehaltenen Panik ab. Ohne den Inhalt seiner Worte richtig aufzunehmen, stoben ihre Gedanken wild durcheinander. Würde sie mit ihm kämpfen müssen? War er einfach nur ein Spinner? Oder etwa ein Vergewaltiger, ein Mörder? Wenn sie ihn mit Pfefferspray lahmlegte – wie kam sie aus der Wohnung? Sollte sie laut schreien – oder würde ihn das aggressiv machen? Irgendwo tickte eine Uhr, die sie aber nicht sah. Wie spät mochte es mittlerweile sein? Vier Uhr morgens?

    Immer wieder sah er auf seine Armbanduhr. Sie konnte nicht erkennen, welche Zeit sie anzeigte, aber sie war ihm um kurz nach Mitternacht am Bahnhof begegnet. Ihrem Empfinden nach waren sicher vier bis fünf Stunden vergangen. Es schien, als würde es im Nebenraum langsam heller werden, als der Mann sagte:

    „Sie haben schönes Haar. Wie in der Werbung.“ Er hatte seinen Arm auf die Rückenlehne des Sofas gelegt und sich zu ihr gedreht. Sie erstarrte, warf ihm einen kurzen, gehetzten Blick zu, schaute dann wieder geradeaus, um ihn bloß nicht zu irgendetwas einzuladen. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, und öffnete minimal die Lippen, um durch den Mund einzuatmen. Das half ein bisschen. Auch er hatte den Kopf wieder weggedreht und redete weiter. Die Werbung sei ja heutzutage meistens widerlich und obszön. Das Wort obszön hallte hinter ihrer Stirn nach, während er weiter schwadronierte. Das Atmen fiel ihr schwer, sie sah an sich herunter, um sicherzugehen, dass ihr nichts den Brustkorb zusammendrückte. Da war nichts, trotzdem hatte sie Angst, keine Luft mehr zu bekommen und ohnmächtig zu werden.

    „Einfach ruhig atmen und stillsitzen“, sagte sie sich selbst in Gedanken. Er sprach weiter. Sie nahm nur einzelne Begriffe auf – Militär, Supermarkt, Nachbarn, Straßenbahn oder Massenpanik – und wünschte sich verzweifelt, sie wäre einfach allein am Bahnhof geblieben.

    Dann irgendwann schaute er wieder auf seine Uhr und seufzte. Was bedeutete das? Der Mann stand auf und ging zu dem Tisch, auf dem die einsame Leuchte ihre Arbeit tat. Er zog eine Schublade auf und griff hinein. Sie starrte auf seine Hand, die nach etwas suchte, hielt den Atem an und machte sich bereit aufzuspringen. Ihre rechte Hand umklammerte das Pfefferspray, die linke, die auf ihrem Knie lag, begann heftig zu zittern. Ohne Eile wandte er sich ihr zu und hielt ihr einen Geldschein hin. Sie musste an einen Köder denken und war unfähig, etwas zu tun, außer zwischen dem Geldschein und seinem fahlen, von einem grauen Haarkranz umgebenen Gesicht hin und her zu schauen.

    „Der nächste Zug geht in einer halben Stunde“, sagte er, „hiermit müssten Sie es bis nach Hause schaffen.“ Sie hob zögernd und ungläubig die linke Hand, darauf gefasst, dass er es nicht ernst meinte, und nahm vorsichtig den Schein.

    Er ging zur Tür, zog den Schlüssel aus der Hosentasche und schloss auf, ohne sie anzuschauen. Er betätigte die Klinke und die Wohnungstür gab den Weg frei. Wie in Trance, mit trockenem Mund und wackligen Knien bewegte sie sich Richtung Tür, immer noch die rechte Hand in der Tasche. Zum ersten Mal seit Stunden hatte er aufgehört zu reden und folgte ihr mit seinem Blick, während sie an ihm vorbeiging – bemüht, keine schnelle Bewegung zu machen.

    „Danke“, sagte sie tonlos, als sie das Treppenhaus erreicht hatte, und ging nun Stufe für Stufe hinunter, ohne sich umzudrehen. In rasanter Abfolge schossen Fragen durch ihr überreiztes Gehirn. Hatte der Anruf bei ihrer Mutter sie gerettet? Wollte der Mann ihr gar nichts Böses? Würde er ihr folgen? Plötzlich kamen ihre galoppierenden Gedanken bei der Haustür zum Stehen. Wäre das Ganze nur ein übles Spiel und die Tür abgesperrt? Der Muskel unter ihren Rippen stolperte schmerzhaft. Sie steckte hektisch den Geldschein in die linke Jackentasche und packte energisch die Klinke. Sie drückte den Hebel nach unten und stemmte sich mit so viel Wucht gegen die Haustür, dass sie fast auf den Gehsteig fiel. Sie schnappte überrascht nach Luft und rannte los. Rannte und rannte – bis sie am Gleis ankam, wo sie in der Nacht eine Entscheidung getroffen hatte, die sie so nie wieder treffen würde.

    Diese Kurzgeschichte mit dem Titel „Groningen, 1992“ wurde mit dem 1. Preis Prosa des Autorenkreises Ruhr-Mark ausgezeichnet.

  • … dem Heiland

    … dem Heiland

    Es ist Sonntagvormittag. Ich schlurfe in meinem Pyjama die Treppe hinunter in die Küche. Wie an allen freien Tagen werde ich mir jetzt einen Kaffee kochen und mich damit auf die Terrasse setzen.
    Draußen spaziert eine dicke Taube an der Terrassentür vorbei, ich folge ihr mit den Blicken – und erstarre. Da sitzt jemand! Ein Mann. Nicht alt, nicht jung, und er sieht etwas ungepflegt aus. Wirres Haar, Vollbart.

    Ich gehe ins Wohnzimmer, von wo ich ihn besser sehen kann. Mit geschlossenen Augen hält er lächelnd sein Gesicht in die Sonne. Er sieht harmlos aus. Und ich bin irgendwie empört. Was soll das? Was macht der Typ auf meiner Terrasse? Wie ist er dahingekommen? Wahrscheinlich über den Wirtschaftsweg. Egal. Er soll verschwinden!

    Ich richte mich auf zu meiner vollen Größe von 1,62 m und trete hinaus auf die Terrasse. Er öffnet die Augen.
    „Wer sind Sie?“, frage ich.
    „Hallo, ich bin Jesus“, antwortet er.
    „Naaaa sicheeeer“, entgegne ich, während ich vorsichtig rückwärts zurück in die Küche schleiche und mit einem lauten Knall die Tür schließe. Ein Irrer! Ist er gefährlich? Nicht dass ich Angst hätte, irgendwie finde ich die Sache sogar ganz spannend. Mal was anderes. Ich öffne die Tür wieder.
    „Willst du einen Kaffee, Jesus?“, frage ich. Er ist hocherfreut.
    „Ja gern!“
    „Milch, Zucker?“
    „Nein, danke, ich lebe eher spartanisch“, entgegnet der Heiland auf meiner Holzbank.
    Mit langem Arm reiche ich ihm den Kaffee über den Tisch und setze mich gegenüber, nahe an der Küchentür. Man weiß ja nie.
    „Und? Wie geht’s?“, fragt Jesus.
    „Ganz gut“, sage ich.
    „Sollst du denn lügen?“, fragt er mit einem schalkhaften Augenzwinkern. Was weiß er denn schon?
    „Ich sag doch: GANZ gut.“
    „Ja, aber nicht richtig gut,“ entgegnet er.
    Na, wo ich schon mal den Erlöser zu Gast habe, kann ich ja mal schauen, was er für mich tun kann.
    „Also da ist diese Kollegin.“ Ich erzähle ihm die ganze Geschichte über Patrizia, die mir die Arbeit vermiest mit ihrer hinterhältigen Art und bin drauf und dran dem komischen Kauz ihren Namen und ihre Adresse zu geben – für den Fall, dass er ein entflohener Mörder ist. Aber dazu kommt es nicht.
    „Vertrauen, Mona.“

    Ich bin verdattert. Woher kennt er meinen Namen? Er steht nicht an der Klingel, nicht im Telefonbuch und auch sonst versuche ich wie ein redlicher Großstadtmensch so anonym wie möglich zu bleiben.
    Jesus lächelt und sagt:
    „Geduld und Vertrauen. Dein Problem wird sich bald erledigen.“ Das hilft mir nicht weiter. Geduld und Vertrauen. Nicht gerade meine Stärken.
    „Aber du kannst doch Wunder vollbringen!“ schmolle ich.
    „Was hast du im Sinn?“, fragt er.
    „Kuchen zum Kaffee wär nicht schlecht“, sage ich.
    Er zieht ein Sandkastenförmchen aus einem Jutebeutel, der neben ihm liegt, und steht auf. Damit verschwindet er in den Untiefen des Gartens, kommt zurück mit dem Förmchen und haut es auf den Tisch. Hebt es ab, und ein hübsches Küchlein aus Gartensand steht vor mir.
    „Bediene dich“, fordert mich Jesus auf.
    „Ach du, sorry, aber ich hab eine Sandallergie“, sage ich.
    „Oh, wie schade“, erwidert er mit überzeugendem Bedauern. „Du solltest mal eine Desensibilisierung machen lassen.“
    Nachdem wir das mit dem Sandkuchen geklärt und ein bisschen wortlos an unserem Kaffee rumgeschlürft haben, fragt er:
    „Hast du vielleicht was anderes zu essen zum Kaffee?“
    „Was hättest du denn gern?“, frage ich.
    „Bisschen Manna wäre schön.“
    „Also, echt jetzt, Jesus, wir sind in Dortmund. Im Ruhrgebiet. Hier gibt’s kein Manna.“
    Er lächelt mich nachsichtig an.
    „Da hinten in dem Esoterikladen habe ich welches gesehen. Da habe ich mich gleich wieder gefühlt wie bei Mutti.“ Der Typ regt mich auf.
    „Okay, aber ich hab jetzt keins. Was anderes?“
    „Hast du Kinderschokolade?“ Ernsthaft?
    „Sag mal, Kinderschokolade hat dir Mutti Maria aber nicht zur Eselsmilch serviert?!“
    Er sieht mich an, als wär ich total verblödet.
    „Also erstens sind wir hier nicht in Bethlehem. Und zweitens gab’s höchstens Ziegenmilch. Hier in Dortmund heutzutage muss man doch nur zu Rewe gehen. Aber ich sehe schon, du hast keine Schokolade.“
    Ich gehe in die Küche und schmiere ihm eine Stulle mit Nutella. Er bedankt sich artig. Nachdem er sein Bütterken gegessen hat, sieht er ein bisschen gelangweilt aus und trommelt mit den Fingern auf den Tisch.
    „Das war jetzt keine echte Herausforderung für mich. Wünsch dir doch mal ein echtes Wunder!“ Ich denke nach.
    „Weltfrieden!“ Er guckt mich genervt an.
    „Also komm. Was der Vater und ich in 2000 Jahren nicht geschafft haben, kann ich jetzt nicht so ad hoc erledigen.“
    „Dann mach Wein aus Wasser!“
    „Ja, besser, ich brauche ein Glas Wasser und eine Stecknadel.“
    Ich wundere mich ein bisschen, aber die Wege des Herrn sind ja bekanntlich unergründlich. Ich hole ihm das Gewünschte und setze mich erwartungsvoll.

    Der Messias nimmt die Sachen und steht auf.
    „Ja, also, du darfst nicht alles glauben, was in der Bibel steht. Ich kann das, aber ich kann das nicht, wenn andere zuschauen.“
    Der Heiland verschwindet um die Hausecke. Ein paar Sekunden später höre ich ihn ein abgehacktes „Aaaah-mmmm“, sprechen. Es klingt gequält.
    „Alles klar?“, rufe ich.
    „Jaja“, sagt er und kommt um die Ecke. Er nuckelt an seinem linken Daumen herum, während er mir das Glas reicht.Das Wasser ist jetzt hellrot.
    „Ziemlich blasser Jahrgang“, meine ich.
    „Du bist aber auch ganz schön anspruchsvoll“, kontert Jesus. Als er den Daumen aus dem Mund nimmt, sehe ich ein Tröpfchen Blut, das er an seiner Hose abwischt. Ich fand das Abendmahl schon immer eklig – nimm hin den Leib und das Blut Christi. Igitt bah! Das hier finde ich jetzt jedenfalls nicht mehr hinnehmbar. Der Pseudomessias hat sein Blut in mein Wasserglas gedrückt und wartet darauf, dass ich trinke.
    „Probier doch mal!“ Ich winde mich, er scheint es ernst zu meinen. „Ach, weißt du, ich hebe mir den edlen Tropfen lieber fürs Abendessen auf. Und hier so in der Sonne, da bekommt mir Alkohol eh nicht so gut.“
    „Ach so, okay, vernünftig. Wenn man in Bethlehem geboren ist, ist man da natürlich etwas abgehärteter.“

    Ich möchte jetzt lieber keine Wunder mehr heraufbeschwören, wir unterhalten uns noch ein bisschen – Jesus ist ein super Zuhörer und hat gute Ideen.
    Nach einer Weile wird er unruhig, zappelig.
    „Ist was nicht in Ordnung?“, frage ich ihn. Er sieht mich ratlos an, greift sich plötzlich ans Herz und kippt auf die Seite. Ich sehe meine Chance gekommen: Ich kann jemanden retten. Und nicht irgendjemanden, sondern Gottes Sohn! Ich renne in die Küche, hole mein Handy und wähle 112.
    „Ganz ruhig atmen, Jesus, gleich kommt Hilfe!“, versuche ich ihn zu beruhigen. Nachdem ich die Adresse durchgegeben habe und die typischen Anzeichen für einen Herzinfarkt, setzt sich Jesus wieder auf. Vielleicht ist es doch kein Infarkt? Er fängt an zu jammern.
    „Ach Scheiße, Scheiße …“
    „Äh, was hast du denn?“, frage ich.
    „Ich habe Panik.“ Das kann ich irgendwie verstehen. Er trägt ja auch eine enorme Bürde.

    Es klingelt. Zwei Sanitäter traben ins Haus.
    „Einfach geradeaus auf die Terrasse. Es scheint doch kein Infarkt zu sein.“ Ich bin ein bisschen beschämt.
    „Kein Problem“, sagt der zweite Sanitäter, während der erste draußen auf der Terrasse „Hallo, Jesus!“, sagt. Ich bin sprachlos. Der zweite Sanitäter, der’s auch gehört hat, flüstert mir jetzt zu:
    „Jesus heißt eigentlich Jürgen. Finanzbeamter aus Herne, jetzt wohnhaft in Aplerbeck.“ Aplerbeck. Bei mir klingelt’s. Psychiatrie.
    „Danke!“, sagt der angebliche Heiland beim Hinausgehen zu mir.
    Der Sanitäter sagt zu ihm:
    „Gleich kriegst du deine Tabletten, dann geht’s besser.“

    Als sie weg sind, wünsche ich mir, ich könnte auch irgendwelche Tabletten nehmen. Irgendwie fühle ich mich einsam. Ich kehre auf die Terrasse zurück und lasse mich auf die Bank fallen. Auf dem Tisch stehen zwei Tassen. Auf der einen steht „Weihnachtsmarkt Hattingen“, auf der anderen „Mona“. Ich schüttele über mich selbst den Kopf. Egal, worauf ich reingefallen bin: Jesus – ach was, Jürgen – war ein klasse Gesprächspartner.

    Am nächsten Tag kündigt meine Kollegin Patrizia – einfach so.
    Einfach so? Hatte ich schon genug Geduld und Vertrauen? Ich beschließe, Gottes Sohn mal besuchen. Also Jürgen … Und wenn er vielleicht doch …? Nein, Quatsch.

    Ein paar Tage später frage ich in Aplerbeck an der Anmeldung nach Jesus.
    „Den finden Sie draußen.“
    Er sitzt auf einer Bank und hält sein Gesicht in die Sonne. Als ich mich neben ihn setze, sieht er mich gar nicht überrascht an und sagt:
    „Hallo Mona, wie geht’s?“
    Ich bleibe zwei Stunden. Als ich ihm von der Kündigung meiner Kollegin berichte, lächelt er wissend. Er erzählt mir von seinem Vater, der immer noch so übersteigerte Erwartungen an ihn hat, von Pfleger Raphael und von Thomas, der ständig Anschluss sucht.

    Ich fahre jetzt alle zwei Wochen nach Aplerbeck, aber das bleibt mein Geheimnis. Auf meine Fragen hat niemand bessere Antworten als mein persönlicher Jesus. Manchmal frage ich mich, ob er nicht vielleicht doch tatsächlich …

    Die Geschichte ist unter dem Titel „Jesus auf meiner Terrasse“ in der Anthologie „Geheimnis“ im Verlag by Arp erschienen, nachdem er es auf die Shortlist für den Literaturpreis der Marktgemeinde Grassau geschafft hatte.

    Das Foto ist im toskanischen Ort Monticiano entstanden.

  • … Phönix aus der Asche

    … Phönix aus der Asche

    Ich war in Gernika, einer Stadt, die mir bis dato nur aus dem Kunstunterricht durch das berühmte Gemälde von Picasso (Original in Madrid) ein Begriff war. Der Ort lag günstig für eine Übernachtung, und als meine Reisebegleiterin und ich einmal da waren, haben wir das Friedensmuseum besucht. In der überschaubaren Schlange vor dem Eingang stand ein Vater vor mir, der sein Kind trug. Ich konnte nicht widerstehen, und habe den kleinen Fuß fotografiert.

    In dem Ausstellungshaus geht es nicht nur um den verheerenden Angriff von 1937, als Kampfflugzeuge der deutschen Legion Condor und des italienischen Corpo Truppe Volontarie die Stadt bombardierten, sondern ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Friedensforschung. Gernika ist heute von der UNESCO offiziell anerkannte Friedensstadt, die einen Besuch wert ist. Wir hatten bereits die Markthalle besucht, auf verschiedenen Plätzen gesessen und waren entspannt durch den Ort flaniert. Dann kam der Museumsbesuch. Sehr viel Text zu lesen, dachte ich, und war beschäftigt, alle Informationen aufzunehmen. Bis dahin war vor allem mein Hirn involviert.

    Dann, ganz zum Schluss, kamen die großformatigen Videos mit Augenzeugenberichten. Hochbetagte Männer und Frauen, die als Kinder und Jugendliche das Bombardement erlebt hatten. Überlebt hatten. Einer erzählte, er habe eine junge Frau durch die Straße laufen sehen. Sie hatte ihr Kind auf dem Arm, das rief: „Mama, ich sterbe.“ Die Mutter antwortete: „Hab keine Angst, Liebling, wir sterben zusammen.“ Nur einen Moment später starben beide im Maschinengewehrbeschuss der Tiefflieger, die alle aus der Stadt Flüchtenden erschossen, derer sie ansichtig wurden. Männer, Frauen, Kinder. Meine Begleiterin und ich sahen uns wortlos an. Die Ausstellung hatte nun mein Herz erreicht. Ich denke immer wieder an die Mutter und ihr Kind und an den Vater mit seinem Kind, der hoffentlich niemals etwas so Furchtbares erleben muss.

    „Wir konnten uns in den Keller retten. Als wir später rauskamen, bestand Guernica nur noch aus einem Haufen von Ruinen.“

    José Labauria, Zeitzeuge des Bombardements von Gernika

    In Gernika starben Hunderte. Fast ausschließlich Zivilbevölkerung. Auch heute lassen täglich Menschen in verschiedenen Ländern ihr Leben oder werden durch Angriffe körperlich und seelisch verletzt. Das ist nichts Neues, ich weiß. Trotzdem empfehle ich eine Reise in die Friedensstadt Gernika, wo besonders deutlich wird, dass Frieden ein wertvolles, erstrebenswertes Gut ist.

  • … Portugalete

    … Portugalete

    Bei Sonnenschein flaniert es sich ziemlich entspannt an der Promenade des baskischen Städtchens Portugalete, nordwestlich von Bilbao gelegen. Hier befindet sich die älteste Schwebefähre der Welt (erbaut 1893). Sie ist nach wie vor in Betrieb und zählt seit 2006 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

    Die Biscaya-Brücke verbindet die Orte
    Portugalete und Getxo. Sie besteht aus zwei 45 m hohen Stahltürmen, verbunden durch ein 160 m langes horizontales Traggerüst. Daran aufgehängt ist eine 14×10 m große Transportkabine, die eine Nutzlast von bis zu 22 t transportieren kann und sechs PKW sowie Passagieren Platz bietet.

    Ein hübscher kleiner Park, ein Musikpavillon im Schatten von Platanen, historische Gebäude und kreativ-künstlerisch gestaltete Kleinodien – bemalte Mülltonnen, interaktive Wandbilder und vieles mehr – machen den Besuch zu einem überraschenden Erlebnis. Ich jedenfalls habe den kurzen Aufenthalt sehr genossen und kann Bilbao-Reisenden einen Abstecher empfehlen …

  • … dem Glück

    … dem Glück

    Vielleicht ein Stück im Theater seh’n.
    Vielleicht ein Stück die Zeit zurückdreh‘n.

    Vielleicht ein Stück des Waldwegs langsam geh‘n.
    Vielleicht ein Stück entfernt still in der Sonne steh’n.

    Vielleicht ein Stück ganz rundes Holz an einem Strand.
    Vielleicht ein Stück Geschriebenes, noch unbekannt.

    Vielleicht ein Stück von einer Hummel, das aus einer Blüte ragt.
    Vielleicht ein Stück der Wahrheit, die man niemals sagt.

    Vielleicht ein Stück Seife auf nasser Haut.
    Vielleicht ein Stück Zukunft, das man selber baut.

    Vielleicht ein Stück Kartoffelkloß auf meinem Teller.
    Vielleicht ein Stück Vergangenheit in deinem Keller.

    Vielleicht ein Stück Torte im Café.
    Vielleicht ein Stück Pflaster für mein Weh.

    Vielleicht ein Stück im Radio, ganz laut.
    Vielleicht ein Stück weniger, wovor dir graut.

    Vielleicht ein Stück Himmel mitten in der Nacht.
    Vielleicht ein Stück Leben, das man ganz alleine macht.

    Vielleicht ein Stück schnurrender Pelz unter der Hand.
    Vielleicht ein Stück Erinn‘rung an ein fernes Land.

    Vielleicht ein Stück Decke nur für mich.
    Vielleicht ein Stück von mir ganz für dich.

    Vielleicht ein Stück von dir an meinen Lippen.
    Vielleicht ein Stück der Aussicht von den Klippen.

    Vielleicht ein Stück Pizza, das ich mit dir teile.
    Vielleicht ein Stück Zeit, ganz ohne Eile.

    Vielleicht ein Stück Rasen voller Mohn.
    Vielleicht ein Stück vom Glück; das reicht ja schon.

    Geschrieben im Pandemie-Jahr 2020

  • … dem einarmigen Heinz (Kap. 2)

    … dem einarmigen Heinz (Kap. 2)

    Sie öffnete den Wasserhahn und befeuchtete den Küchenlappen. Dann begann sie die alte, grünlich verblichene Resopal-Arbeitsfläche abzuwischen. Ganz in Ruhe. Das Wasser ließ sie einfach laufen. Sie verspürte kein schlechtes Gewissen, während sie das tat und daran dachte, dass sie ihren Mann jedes Mal dafür gescholten hatte, wenn er den Hahn nicht abgedreht hatte. Wie schön, dass der Herrgott Stefan vor ein paar Monaten den Hahn abgedreht hatte. Sie kicherte. Jetzt schämte sie sich doch ein bisschen. Er war ja kein schlechter Kerl gewesen, aber so einfältig. So langweilig. So gar nicht bemüht. Alles war ihm egal gewesen. Immer im Urlaub auf den Campingplatz am Sorpesee. Vielleicht wäre es erträglicher gewesen, wenn sie Kinder gehabt hätten, aber das hatte eben nicht geklappt. Und dann hatten sie ja auch beide schon nach ein paar Jahren Ehe kein Interesse mehr am Beischlaf gehabt. Zumindest nicht miteinander. Für Stefan hieß es Tag für Tag nach dem Abendessen Fernsehen oder noch in den Keller, wo er seiner Amateurfunker-Leidenschaft nachging. Und da sie, Helga Bräseler, viel Freude an sexueller Aktivität hatte und experimentierfreudig war, hatte sie sich neben ihrem Halbtagsjob bei Woolworth ein lukratives zweites Standbein aufgebaut. Ihre Kunden waren allesamt diskret, und so konnte sie problemlos ihren makellosen Ruf als gutaussehende, zu früh verwitwete Frau pflegen, das Stadtfest mitorganisieren und ihren großen Freundeskreis genießen, ohne dass irgendjemand darauf gekommen wäre, dass sie in ihrer Freizeit hemmungslos große und kleine, beschnittene und unbeschnittene, von Bäuchen überhangene und über dürren Beinen ersteifende Penisse rubbelte, lutschte und in sich aufnahm, dabei viel Freude hatte und ihre Witwenrente dabei auch noch erheblich aufbesserte. Direkt nach Stefans Tod gab sie den Herren Bescheid, dass sie nun zwei Wochen Trauerurlaub – in Wirklichkeit Traumurlaub – machen würde und gönnte sich 14 Tage Luxusurlaub in der Karibik mit allem Zipp und Zapp.

    Während der blaue Lappen so gemächlich über die Arbeitsfläche, dann über den ehemals weißen Küchentisch und die in die Jahre gekommenen Möbelfronten glitt, dachte sie an das türkisfarbene Meer und die grünen Cocktails und freute sich, dass sie sich all dies nun jedes Jahr gönnen würde. Oder sollte sie sich eine neue Küche kaufen? Beides ging nicht. Wie sollte sie das erklären? Woher sollte sie so viel Geld haben? Hm, vielleicht ein Lottogewinn oder ein Kredit? Das Handy klingelte. Sie hatte zwar noch ein Festnetztelefon, aber selbst in Schwerte konnte der heimische Telekommunikationsanbieter nicht mehr viel an den Festnetzanhängern verdienen. Helga drückte auf das grüne Hörersymbol und hielt sich das iPhone ans Ohr, das ihr ihre Schwester mit gönnerhafter Geste vererbt hatte. Und wenn man an den Teufel denkt, ist er auch schon da.

    „Helga, meine Liebe, wie geht es dir?“ fragte Solveig, die seit der Beerdigung immer diesen klebrigen mitleidigen Tonfall anknipste.

    „Wunderbar, danke – und selbst?“ flötete Helga zurück. Betretene Pause.

    „Du musst Stefan ja schrecklich vermissen, und da dachte ich, ein schönes Kaffeetrinken am Samstag mit mir und Bernarda würde dir guttun. Theo ist auf Geschäftsreise, ich bin also Strohwitwe. Wir können vom Kaffee direkt zum Sekt übergehen. Was meinst du?“

    Mehr als eine Stunde mit Solveig erschien Helga nicht sehr erstrebenswert, insbesondere seit ihre Nichte Klara zum Studium nach Maastricht gegangen war, aber über ein Wiedersehen mit Bernarda würde sie sich freuen.

    „Warum nicht?“ Beleidigte Pause.

    „Wie schön, dass du so viel Begeisterung an den Tag legst!“ sagte Solveig kühl. Warum war ihre Schwester bloß immer so undankbar?

    „Nicht wahr? Dann also bis Sonntag!“ brachte Helga das Gespräch gut gelaunt und effizient zu einem schnellen Ende, um sich mit dem Lappen auf den Weg ins Wohnzimmer zu machen. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie Heinz vorbeigehen. Sicher kam er vom Friedhof. Der arme Mann.

    Hier geht’s zu Kapitel 1.

  • … einer Mindener Erinnerung

    … einer Mindener Erinnerung

    Kinn hoch, Brust raus, Bauch rein, Po fest, Schultern runter! Der stete Fünfklang aus dem Mund der autoritären Ballettmeisterin, mit militärischer Betonung messerscharf artikuliert, während der Fuß, erst der linke, dann der rechte, auf der Stange liegt, geschundene Adduktoren im Plié aufs äußerste gedehnt werden. Direkt auf Augenhöhe an der Wand, in Gold gerahmt, der Leitspruch: Lieber nacheifern als beneiden. Eine nach der anderen durchqueren die Elevinnen in der Diagonalen den Saal, Grands Jetés, begleitet durch Musik von Strawinsky und Ravel, bedeutungsschweres Kopfnicken und korrigierende Kommentare. Und noch einmal von vorn. Auch in Warteposition gilt es Haltung zu bewahren. Kein Ziehen am Trikot! Finger aus dem Gesicht! Verirrte Hände suchen sich wieder eine neutral-elegante Position, bestenfalls leicht schwebend über einem imaginären Tutu. Ich sehe keinen Schweiß! Jetzt aber: Blut in den Schuhen und Schweiß – sogar auf den Haaren –, gedehnte Bänder und gestauchte Knöchel, Kortisonspritzen und Pflaster. Wer bei der Ernährung nicht Maß gehalten hat, muss vor den Augen aller – sowie in Begleitung heimlicher und unheimlicher Häme – auf die im Ballettsaal befindliche Personenwaage steigen und sich peinlich genaue Anweisungen für eine Diät gefallen lassen. Dann der Kampf um die begehrten Rollen: mephistophelische Blicke stieben durch die Atmosphäre, theatralisch inszenierte Tränen fließen im Übermaß, aber jeglicher Waffeneinsatz in Form von semisubtil eingesetzten Verhaltensweisen nutzt nichts, denn die Kompaniechefin entscheidet unbeeindruckt, souverän und fair, aber auch knallhart.

    „Everything was beautiful at the ballet.
    Graceful men lift lovely girls in white.“

    aus: A Chorus Line (At the Ballet)

    Der Lohn! Endlich fehlerfrei getanzt, mit nonchalant gehobenem Kinn, die Hände federleicht, jeder Muskel tat seine Arbeit: ein Gefühl vollkommener Schönheit, Symbiose mit der Musik. Totale Freiheit, mit der der ganze Raum ausgefüllt wird, bis zum Bühnenrand, bis zum Vorhangsaum. Der Raum gehört mir – wir sind eins. Dafür lohnt es sich.

    Wieso Minden? Ich bin in der Stadt an der Weser aufgewachsen und habe dort 12 Jahre lang Ballett gemacht.

  • … einer Freundin

    … einer Freundin

    Prekär [so beschaffen, dass es schwierig ist, richtige Maßnahmen, Entscheidungen zu treffen, dass man nicht weiß, wie man aus einer schwierigen Lage herauskommen kann]

    Die Straße lag wie ein langer grauer Teppich da. Jeden Moment könnte jemand kommen, ihn zusammenrollen und wegtragen. Dann hätte sie noch nicht mal mehr eine Adresse. Vom Klo, das sich in einem eckigen Erker befand, konnte sie die geteerte Schneise zwischen den mehrstöckigen Rauputzfassaden entlangblicken bis zur T-Kreuzung. Vor Kopf stand ein weiteres Haus, das sich durch nichts von denen in ihrer Straße unterschied. Es war weit genug weg, dass man sie nicht erkennen konnte. Aber es war auch egal. Was war schon spektakulär daran, wenn eine 59-Jährige aufs Klo ging? Konnten sie ruhig sehen, falls sie sich die Mühe machten, ein Fernglas zu benutzen. Ihre Füße standen auf dem billigen Vinylboden, den sie beim Einzug gekauft hatte. Im Laden hatte ‚Terracotta‘ auf dem Schild gestanden. Tatsächlich aber sah der Boden schmutzig-rosa aus. Die Ecken waren nach oben gebogen. Sie hatte sich keinen Handwerker leisten können und war selbst handwerklich völlig unbegabt. Im Schweiße ihres Angesichts hatte sie den Vinyllappen zugeschnitten – mit einem etwas zu großen und an den Kanten ausgefransten Ausschnitt für den Klosockel. Für Kleber hatte es nicht gereicht. Weder das Budget noch die Willenskraft. 

    Nachdem sie abgezogen hatte, ging sie durch den winzigen Flur, in dem sie grau marmorierten Vinylboden verlegt hatte, in die ebenfalls grau marmorierte Küche, um sich die Hände zu waschen. Sie fragte sich, warum sie das überhaupt tat. In ihrem Universum lebte sie doch ohnehin ganz allein. Einmal im Jahr kam Gabi und führte sie zum Essen aus. An ihrem Geburtstag. Nur noch sehr selten sah sie Evi, die viel jünger war als sie und spät Mutter von Zwillingen geworden. Das Familienleben und der Vollzeitjob nahmen die alleinerziehende Mutter einfach zu sehr in Anspruch. An sich telefonierten sie nur noch hin und wieder. Viel mehr passierte doch nicht mehr außerhalb ihrer Wohnung. Welche Rolle spielte da Hygiene. Trotzdem war es niemals dreckig bei ihr. 

    Unter dem einheitlich schiefergrauen Himmel, der wie ein überdimensionaler Deckel über dem Stadtteil hing, sah sie jemanden um die Ecke biegen. In plötzlich erwachter Erregung reckte sie den Hals. Kam er zurück? Nein, am Gang erkannte sie, dass es Herr Koslowski von nebenan war. Natürlich kam er nicht zurück. Niemand kam jemals zu ihr zurück. Nur der Postbote, der ihr Mahnungen vom Amt brachte – oder Werbung für Dinge, die sie sich nicht leisten konnte. Sie konnte sich schon lange nichts mehr leisten. Noch nicht einmal Zuversicht. Es war nur eine kurze Episode gewesen, die sie das hatte glauben lassen. Diese Episode trug den Namen Manfred. Sie hatte ihn ‚aufm Amt‘ kennengelernt, wie man hier so sagt. Aufm Amt – wäre es ihr nicht so verhasst, würde sie es als zweites Zuhause bezeichnen, so oft und lang hatte sie schon dort gesessen. Aber das einzig Gute, was es ihr gebracht hatte, war Manfred gewesen. Seit Rudi der erste Mann, der ihr ernsthaft etwas bedeutete.

    Vor 15 Jahren, als Rudi starb, hatte sie noch echte Freundinnen gehabt. Und ihre Mutter. Rudi hatte doch gar nichts Schlimmes gehabt. Eine Lappalie hatte ihn ins Krankenhaus gebracht. Und als sie morgens in das stickige Zimmer kam, um ihn zu besuchen, schaute der Bettnachbar sie ängstlich an. Rudis Bett war leer. Lungenembolie. Weg. Einfach so. Sie hatte Susanne und Gabi angerufen, und abends hatten sie sich zusammen mit Chardonnay betrunken. Das war an einem Donnerstag. Gabi hatte sich den Freitag freigenommen und blieb das ganze Wochenende. Trotz Rudis Tod nach 12-jährigem Zusammenleben hatte sich alles – zumindest in der Rückschau – irgendwie erträglich angefühlt. Aber dann kam das Amt ziemlich schnell auf den Trichter, dass sie ja gar kein Recht hatte, als Hartz-IV-Empfängerin allein in der 2-Zimmer-Wohnung mit Parkettboden, Küche, Bad und Balkon zu wohnen, denn die hatte fünf Quadratmeter mehr als ihr zustanden. Rudis Bruder half beim Entrümpeln, und sie … Sie fand die Vinylbude.

    „Ist doch ein schönes Viertel, zentral, alles in der Nähe“, hatte Gabi gesagt, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Die hatte gut reden mit ihrem Haus mit Garten. Hatte sie schon mal in einer Wohnung ohne Bad gelebt? Es war natürlich nur gut gemeint. Sie nahm die Wohnung, sie hatte ja keine Wahl. Ein Zimmer, Küche, Klo – ganz toll. Dusche in der Küche. Kein Balkon. Ein betonierter Innenhof, in dem ein paar kümmerliche Bäume ihr Dasein fristeten und mit denen sie sich gleich solidarisch fühlte. Susanne und Gabi hatten ihr ein bisschen beim Streichen geholfen, aber sie wohnten in anderen Städten und waren berufstätig. Und ihre Mutter schon damals gesundheitlich angeschlagen. Sie hatte das Beste draus gemacht, aber manchmal war das Beste eben irgendwie nachhaltig niederschmetternd. Die schief hängenden Rollos, das durchgesessene Sofa, das sie mit einer selbstgestrickten Decke aufgehübscht hatte, die schäbige Einbauküche, die der Vormieter dagelassen hatte. 

    Im Laufe ihrer Zeit ohne Erwerbsarbeit hatte sie festgestellt, dass sich ein Freundeskreis stark verändern kann, wenn man kein Geld mehr hat. Veränderung meint in diesem Fall Dezimierung. Immerhin stellte man fest, wer die echten Freunde waren. Nur schade, dass es nur noch so wenige waren. Susanne beispielsweise hatte ihr eines Tages verkündet, sie solle sich einfach mal zusammenreißen, andere Leute würden schließlich auch für ihr Geld arbeiten. Das war das Letzte, was sie von ihr hörte. Gabi war genauso empört gewesen wie sie selbst. Ein schwacher Trost. Aber gut gemeint, klar. Sie hatte all das ad acta gelegt und sich neue Freundschaften in den sozialen Medien angeschafft. Facebook war eine großartige Erfindung. Die Freunde, die hier Follower hießen, erwarteten nicht, dass man zusammen spazieren ging (Rückenschmerzen), ins Kino (kein Geld), ins Café (kein Geld), ins Konzert (kein Geld). Sie mussten nicht alles wissen – was man preisgab, reichte.

    Vor einem dreiviertel Jahr war dann ihre Mutter, die letzte Angehörige, die sie noch gehabt hatte, gestorben. Irgendwie waren alle gestorben oder eben so gut wie gestorben. Im Supermarkt hatte neulich jemand den Tod irgendeines Prominenten mit den Worten kommentiert:

    „Ich glaub, wennse auffe Welt komms, is dein Wecker schon gestellt.“

    Sie fragte sich, ob sie den Wecker einfach überhört hatte. Wieso war sie noch da und musste ihre Zeit allein oder aufm Amt verbringen?

    Als ihre Mutter ihren letzten Atemzug getan hatte, sandte sie eine Nachricht deutsch/englisch/französisch in den Äther und wurde von ihren Facebook-Freunden aus aller Welt mit den liebevollsten Kondolenznachrichten überschüttet, viele davon auf Französisch. Französisch konnte sie gut. Früher hatte sie davon geträumt, nach Frankreich auszuwandern. Vielleicht in die Bourgogne? Bunte Dächer, alte Schlösser, malerische Weinberge – das hätte ihr gefallen. Aber auch die Franzosen wollen insolvente deutsche Logistikkauffrauen nicht haben. Ja, Logistikkauffrau, das war sie gewesen. Sie war gut darin, aber es erfüllte sie nicht. Als die Firma pleiteging, finanzierte das Amt eine Fortbildung. Webdesign. Das tat es allerdings bei allen, denn es war zu der Zeit grad Trend und angeblich ‚die Zukunft‘. Jedenfalls fand sie als über 40-Jährige mit einer Webdesign-Fortbildung einfach keine Stelle. Zukunft adé. Und dann kam die Phase mit den 1-Euro-Jobs, die ihr die letzte Würde und Zuversicht nahm. Achtmal schickte das Amt sie irgendwohin, wo sie Akten sortieren, Müll aufsammeln, dem Hausmeister zur Hand gehen oder an einer Laminiermaschine stehen musste. Alles Tätigkeiten, die ihr aufgrund ihrer chronischen Ischiasbeschwerden viel abverlangten. Ungeachtet dessen gab sie ihr Bestes, erschien täglich pünktlich und arbeitete sorgfältig. Und trotzdem teilte man ihr jedes Mal kurz vorm Übernahmetermin mit, man habe nun doch keinen Bedarf. Fadenscheinige Erklärungen, mit denen sie sich abfand, weil ihr Selbstbewusstsein für beharrliches Nachfragen nicht ausreichte. Sie war eben nicht mehr jung. Und besonders repräsentativ sah sie wohl auch nicht aus? Irgendwann gab auch das Amt auf. Sie. Es gab sie auf. Und sie tat es ebenfalls.

    Sie war in den Monaten nach dem Tod ihrer Mutter und vor dem Schicksalstreffen mit Manfred sprichwörtlich auf dem Zahnfleisch gekrochen. Psychisch, körperlich und finanziell. Dann waren echte Zahnschmerzen dazugekommen. Mörderische Zahnschmerzen. Der Zahnarzt hatte eine Wurzelbehandlung durchgeführt. Ihre Mutter hätte ihr gut zugeredet.

    „Schätzeken, rubbel die Katz‘ is dat Problem vorbei“, hörte sie sie in Gedanken sagen, „dein Humor, der hält dich oben, glaub mir.“ Aber leider war ihre Mutter nicht mehr da – und ihr sagenhafter Humor, auf den sie sich immer hatte verlassen können, irgendwie auch nicht. In der Realität hörte sie den Zahnarzt sprechen.

    „Dann packen wir das Problem mal bei der Wurzel“, hatte er mit einer zufriedenen Selbstsicherheit gefrotzelt, die sie persönlich nie kennengelernt hatte. Die Prozedur war schrecklich gewesen, und die Schmerzen kamen wieder, nur anders irgendwie. Mit derselben Selbstsicherheit sagte der Zahnarzt:

    „Tja, da muss der Kieferchirurg ran.“ Sie ahnte Schlimmes. Wurzelspitzenresektion. Geräusche wie beim Holzfällen. Blut und Fäden im Mund. Ihre letzten Penunzen trug sie mit schlurfenden Schritten zur Apotheke und löste ihr Rezept für Antibiotikum und Ibuprofen 600 ein. Das Geld sparte sie beim Essen ein, denn an essen war ohnehin nicht zu denken. Ihr Gesicht schwoll dick an, und von den Schmerzmitteln bekam sie eine Magenschleimhautentzündung. Sie setzte das Medikament ab und ertrug ihr Leiden. Nach acht Tagen war ihr Gesicht immer noch dick, und Eiter floss zwischen den Fäden hervor, als sie zum Ziehen selbiger erschien.

    „Ups, da haben Sie aber Pech gehabt, die Wunde hat sich ja ganz schön entzündet“, meinte der Kieferchirurg lapidar und schickte sie zurück zum Zahnarzt. In aller Selbstzufriedenheit zog er ihr, nachdem das Leben ihr schon so viele Zähne gezogen hatte, auch noch dieses entzündete Exemplar.

    „Ist doch nicht so schlimm. Die Lücke sieht man nur, wenn Sie breit lachen“, erklärte er ihr im Ton eines dubiosen Onkels, und sie meinte sein strahlend weißes Gebiss durch die Maske leuchten zu sehen. Zahnersatz war für sie nicht drin, das war ihnen beiden klar. Und breit lachen – das tat sie ja eh nicht mehr. Bis Manfred kam. Bevor er auftauchte, hatte sie sich allerdings eingehend damit beschäftigt, wie sie ihren geschundenen Körper mitsamt dem geschundenen Geist ins Jenseits befördern könnte. Es konnte dort nur besser werden. Selbst wenn da nichts war. Es war erstaunlich, was im Internet alles zu finden war. Minutiöse Anleitungen für den perfekten Suizid. Alles gratis. Sie hatte sich eine Liste angefertigt. Aber dann war im Baum vor dem rückwärtigen Fenster zum Innenhof das Eichhörnchen aufgetaucht, und sie hatte die Entscheidung vertagt. Die Liste lag auf dem angestoßenen, mit Birkenimitat laminierten Couchtisch. Ein paar Tage später traf sie Manfred und versteckte ihre Selbstmordpläne unter einem Bücherstapel neben dem Sofa.

    Manfred und sie hatten denselben Sachbearbeiter, vor dessen Tür sie gesessen hatten. Und dann war das Unerwartete passiert. Er hatte sie gefragt, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken würde, ‚wenn sie hier raus wären‘. Es hörte sich an, als wären sie dabei, an ihren Gefängnisgittern zu feilen. Ja, das wollte sie. Und als die erste Überraschung verflogen war, sagte sie ihm das auch. Dass sie nach dem Kaffee gern mit ihm den Amtskerker sprengen und sich wie Bonnie und Clyde auf die Flucht begeben würde, behielt sie für sich.

    Weil die badlose Wohnung so nah beim Amt lag, waren sie zu ihr gegangen. Milch hatte sie nicht. Er sagte, er trinke seinen Kaffee sowieso am liebsten schwarz. Stimmte das überhaupt? Wenn sie später manchmal bei ihm waren, gab er immer Milch in seinen Kaffee. Sein Vater war kürzlich gestorben. Er habe ihn anderthalb Jahre lang gepflegt, habe seinen Job verloren und ach … eine Verkettung widriger Umstände habe ihn zum Hartz-IV-Empfänger gemacht. Es schien ihm peinlich zu sein. Aber war es das nicht immer? Eine Verkettung widriger Umstände? Sie selbst hatte schließlich auch mal einen ‚richtigen‘ Job gehabt. Manfred hatte einen 1-Euro-Job und war wild entschlossen, zurückzukommen in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt.

    „Das schaffst du“, hatte sie gesagt, ihre Bedenken unter- und seine Hand gedrückt. Erstmals seit Beginn der Coronazeit und dem Tod ihrer Mutter hatte sie überhaupt Körperkontakt. Es fühlte sich gut an. Sogar überragend gut. Mit Manfred waren die positiven Überraschungen in ihr Leben gekommen. Er machte ihr Komplimente für ihre Augen, ihre Hände, ihren Witz und ihre Klugheit. Mit ihm konnte sie über alles reden. Zumindest am Anfang. Von ihren eigenen 1-Euro-Job-Erfahrungen erzählte sie Manfred nur einen Bruchteil, denn er kommentierte ‚hättest du mal‘, ‚warum hast du nicht‘ und so weiter. Er schien wirklich zu glauben, sie hätte sich nicht genug bemüht. Sie verstand das, schließlich war er das erste Mal in einer solchen Maßnahme. Und sie war seit langem das erste Mal wieder in einer Beziehung. Mit jemandem, der ihre Probleme verstehen konnte, zumindest im Großen und Ganzen. Manchmal besuchte sie ihn, aber meistens kam er zu ihr. Sie hatte ihm den Zweitschlüssel gegeben, damit er jederzeit Zugang zur Vinylheimeligkeit hatte. Sie schmissen ihre Vorräte zusammen, kochten, schauten Filme und Serien, meist französische auf arte, und schliefen zusammen in ihrem 1,20-m-Bett. Sein Schnarchen störte sie nicht, es klang in ihren Ohren vielmehr wie ein beruhigendes Gurren. Morgens verließ er früh die Wohnung, um zu seinem 1-Euro-Job in der Tischlerei zu eilen. Er war fit und gesund und konnte anpacken. Und es begab sich zu der Zeit ihres Zusammenseins, dass der Chef ihm – noch vor Ablauf der kritischen Probezeit – mitteilte, er würde übernommen. Sie war vollkommen überrascht. Manfred stand mit Sekt und Blumen vor der Tür, und sie feierten seinen Erfolg. Sein ‚neues Leben‘, wie er sagte.

    „Jetzt müssen wir nur noch dich in Lohn und Brot bringen“, strahlte er. Und da wurde ihr mulmig. Dachte er wirklich, das sei so einfach möglich?

    „Wie denn?“

    „Lass dir was einfallen. Du bist doch qualifiziert, du sprichst fließend Französisch …“

    Sie verbrachte Wochen damit, wieder Bewerbungen zu schreiben, nachdem sie in ihrem Leben bereits Hunderte davon verschickt hatte. Mit 59, Rückenschmerzen und dem Selbstbewusstsein einer Amöbe. Insgeheim wünschte sie, Manfred hätte den Job nicht bekommen. Mit der neuen Perspektive hatte er sich von ihrem Universum entfernt. Bedingung für ein Zusammenbleiben war, dass auch sie einen Job fand, das war unausgesprochen klar. Aber es kamen nur Absagen. Manfreds Besuche wurden weniger. Er habe halt wahnsinnig viel zu tun. Mit jeder neuen Absage wurde Manfred distanzierter. Bis er ihr vor zwei Tagen den Schlüssel auf den Tisch legte und sagte, es tue ihm leid, es passe wohl doch nicht mit ihnen beiden. Unbeweglich wie eine Querschnittsgelähmte hatte sie dagesessen. Gelähmt von den Haarspitzen bis zu den Fußsohlen. So hatte sie den Rest des Tages verharrt. Dann hatte sie den Schlüssel zusammen mit ihrem kurzen Ausflug ins Glück an den Nagel neben der Tür gehängt und sich wie narkotisiert ins Bett gelegt. Überrascht hatte Manfred sie diesmal nicht. Aber sogar vollkommen Hoffnungslose hoffen manchmal noch. Das ist wie mit den Hühnern, die ohne Kopf noch rennen. Sie hatte die letzten zwei Tage einfach gewartet. Auf die Idee, zu ihm zu fahren, ihn zur Rede zu stellen, ihn anzuflehen oder ähnliches war sie gar nicht gekommen. Sie verhielt sich stickum. Hinnehmen, stillhalten, warten, das hatte sie gelernt. Fordern nicht.

    Es klingelte, und ein schwacher Hoffnungsschimmer flimmerte durch ihren Körper. Sie ging langsam zur Tür und öffnete mit Händen, die von einem heftigen Tremor erfasst waren. Da stand … der Postbote mit einem Einschreiben. Vom Amt.

    „Danke“, wisperte sie. Niemals unhöflich sein. Schon gar nicht zum letzten Getreuen. Sie setzte sich aufs Sofa und legte das Einschreiben ungeöffnet neben sich. Zu ihrer Linken ragte der Bücherstapel in ihr tränengetrübtes Blickfeld. Sie streckte die Hand nach der Suizid-Liste aus. Das Eichhörnchen schaute durchs Fenster. Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von Gabi.

    „Morgen ist dein Geburtstag. Ich komm vorbei und führe dich zum Italiener aus, okay?“ Ihr Geburtstag. Den hatte sie vergessen. 59. War das ein Grund zum Feiern? Ihr fiel dieser Schlager ein, keine Ahnung warum: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Vielleicht war da was dran? War das bisher alles gar nicht ihr Leben gewesen? Kein schlechter Gedanke. Sie wäre dann Rentnerin. Keine Termine mehr aufm Amt. Keine Rechtfertigungen. Wie ein KI-gesteuerter Roboter schrieb sie zurück.

    „Ja gern, ich freu mich.“ Freude. Das war ein bisschen übertrieben. Eine Floskel, die sie automatisch verschickte. Es war eher so, dass sie überhaupt noch etwas spürte. Sie schien immer noch zu leben, die elementaren Vitalitätsfunktionen waren noch da. Sie würde morgen essen gehen. Das war doch was. Sie schickte ein Herz hinterher. Vielleicht hatte sie den Wecker doch nicht überhört.

    Foto: ein Hinterhof im Ruhrgebiet …

     

     

  • … der Kindheit

    … der Kindheit

    „Kann ich Ihnen helfen?“

    Der Bademeister, schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß, athletisch, vielleicht 25-jährig, hat wohl bemerkt, dass ich seit gut zehn Minuten das Becken umkreise und mit steigender Ungeduld das Wasser absuche.

    „Ich suche meinen Freund.“ Sagt man in meinem Alter eigentlich noch ‚Freund‘? Nicht vielleicht eher ‚Lebensgefährte‘ oder sowas?

    „Wie sieht er denn aus?“ Tja, was soll ich sagen. Schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß …

    „So wie Sie.“ Meine schlechte Laune und dass ich wohl etwa doppelt so alt wie er sein mag, verhüten wahrscheinlich, dass er das als Anmache versteht. Wir schauen jetzt beide ratlos aufs Wasser. Es ist voller Bademeister-Kopien (oder Freund-Kopien), dazwischen hin und wieder eine kreischende Frau, die von einem der Tätowierten auf die Schultern genommen oder durch die Luft geworfen wird. Wie sind wir auf die blöde Idee verfallen, uns in diesem Freibad zu treffen? Man muss für die Schließfächer selbst ein Schloss mitbringen. Wusste ich nicht. Immerhin habe ich das Handtuch meines Freundes (oder Lebenspartners) und seine Tasche auf dem Rasen gefunden und mein Handtuch mit meiner Tasche danebengelegt. Jetzt stehe ich hier mit leuchtenden Fußnägeln und düsterer Laune, neben mir der Bademeister, der nur ‚hm‘ murmelt.

    „Danke, ich denke, das hat keinen Zweck“, sage ich miesepetrig und mache mich auf den Weg zu meinem Handtuch. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommt mein schwarzhaariger, tätowierter Freund freudestrahlend, pitschnass und quietschfidel wie ein 10-Jähriger auf mich zugehüpft, lässt sich schwungvoll neben mir nieder und umarmt mich mit chlorwassernassen Armen. Ich rümpfe die Nase.

    „Da bist du ja endlich!“

    Wir sagen es gleichzeitig. Er enthusiastisch, ich vorwurfsvoll. Ich will am liebsten sofort wieder gehen. Auf keinen Fall will ich in das überfüllte Becken. Was ist bloß los mit mir?

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte es nicht genug Freibadtage für mich geben. Je voller das Becken, umso toller. Es sei denn, es waren Ferien und ein Strand in erreichbarer Nähe. Das war noch besser. Um dorthin zu gelangen, packten meine Eltern den grünen Ford Taunus voll. Mein Vater hatte zwei Kisten gebaut, die genau den Fußraum füllten bis zur Kante der umgeklappten Sitze. Die Kisten wurden vollgepackt, dann der komplette Raum darüber, bedeckt von einer dünnen, eigens zugeschnittenen Schaumstoffmatratze, und obenauf lagen wir – meine Brüder und ich – in unseren Schlafsäcken. Sicherheitsgurte waren damals noch gänzlich unbekannt oder zumindest gänzlich ungenutzt. Mitten in der Nacht fuhren wir los – und natürlich schliefen wir die meiste Zeit nicht, sondern raubten unseren Eltern den letzten Nerv. Ich muss mal, wann sind wir da, mir ist schlecht … In einer Kühlbox waren Getränke – und vor allem etwas, das es nur auf dem Weg in den Urlaub gab: Erfrischungsstäbchen. Mit denen wurden wir ruhiggestellt, meist nur für kurze Zeit, aber immerhin. Bis heute sind diese zuckrig-schokoladigen Süßwaren für mich der Inbegriff des Urlausbeginns. Der Biss in die knusprige Schoko-Zuckerhülle, gefolgt von dem künstlichen Aroma des flüssigen Innenlebens – herrlich!

    Kamen wir endlich in einem Dorf in Frankreich an, sagen wir in der Provence oder der Bretagne, verließen wir Kinder das Ferienhaus – während sich die Eltern die Schläfen massierten und nach durchfahrener Nacht die Füße hochlegten – und kannten nach drei Stunden den Ort mit all seinen Geheimnissen und Offensichtlichkeiten. Wo waren Tiere, wo gab es etwas Verfallenes, wo konnte man ein Eis kaufen? Waren diese lebenswichtigen Fragen geklärt und das erste Eis gegessen, gingen meine Brüder mit dem Ball auf den Sportplatz, während ich heimkehrte und leise den Kühlschrank durchforstete nach etwas, was den Straßenkatzen schmecken könnte. Die Eltern hatten eingekauft, sich dann hingelegt und ahnten nicht, dass ich die Rinden von allen verfügbaren Käsesorten abschnitt und in kleine Stückchen teilte. Mit dieser Ausbeute rannte ich durchs mittägliche Dorf, wo die lavendelfarbenen Fensterläden geschlossen und kaum jemand in den Gassen unterwegs war. Traf ich auf eine Katze, wurde sie von mir mit Käserinde gefügig gemacht. Vor allem die lädierten Modelle standen hoch in meiner Gunst. Zerzaustes Fell und angenagte Ohren, Humpelpfoten und Einäugige gingen mir besonders ans Kinderherz. Auch ein Katzenbiss, der eine entzündete, stark geschwollene Hand und einen Besuch beim örtlichen Landarzt nach sich zog, konnte daran nichts ändern.

    In der Provence war es auch in den Osterferien schon heiß. In den Sommerferien erst recht. Das Meer war weit weg, also musste das örtliche Freibad herhalten. Es lag am Ortsrand und hatte nur ein einziges winziges Becken. Unser Vater, der gegen Schwimmbäder und Chlorwasser eine tiefe Abneigung hegte, musste hartnäckig bearbeitet werden, den einen oder anderen Familienausflug mit uns dorthin zu unternehmen. Hatten wir ihn lange genug genervt, begaben wir uns, bepackt mit Badesachen, Handtüchern, Schirm, Verpflegung und Sonnencreme, auf die lange Straße hinaus aus dem Dorf. Mir erschien sie als Kind unendlich lang, vielleicht waren es aber nur ein paar Hundert Meter. Die Hitze flimmerte über der Straße, auf der der Teer schmolz, und machte alles ein bisschen unscharf, und in den Ginstersträuchern am Straßenrand knisterte und knackte es. Die Grillen, die man selten sah, aber immer hörte, veranstalteten einen Mordsradau, als wollten sie uns vor irgendetwas warnen. Hitzschlag vielleicht? Waren wir dann da, setzte sich unser Vater strohbehütet und missgelaunt auf sein Handtuch und las, während unsere Mutter uns in den Badepausen Baguette reichte, belegt mit dem Erzeugnis, dessen Rinde ich bereits großzügig entfernt hatte. Meine Brüder sprangen vom Beckenrand und döppten sich gegenseitig unter, während ich es liebte zu tauchen und meine Bahnen unter Wasser zu ziehen.

    Manchmal fuhren wir auch zu einem der Bäche, die sich durch die provenzalischen Berge schlängeln. Dann saßen wir auf großen, flachen, sonnenerhitzten Steinen, picknickten und badeten in den vereinzelten Becken, die Natur oder Mensch gestaut hatte. Natürlich bauten wir auch selbst kleine Staudämme aus Steinen und Treibgut. Das Wasser war eiskalt, und wir wateten darin herum bis wir lila angelaufene Lippen und Zehen hatten. Um uns herum stoben die Wasserläufer auseinander, wenn wir uns gegenseitig jagten. Wurden es allerdings zu viele von den sechsbeinigen Spinnenwesen, ergriff ich selbst die Flucht und beobachtete sie von einem felsigen Aussichtspunkt aus.

    Mein Taschengeld trug ich zum Lädchen am Dorfplatz und kaufte Schokoriegel. Raider, das heute Twix heißt, oder tam, das später zu Lion wurde. Als ich das erste Mal Lion aß, geriet ich ad hoc in eine temporäre Abhängigkeit. Ich glaube, die Ladeninhaberin musste meinetwegen Extrabestellungen aufgeben. Ich aß die Riegel schichtweise – also erst die Schoko-Karamell- beziehungsweise Schoko-Karamell-Puffreis-Schicht, dann den Keks oder die Waffel. Meine Mutter versuchte erfolglos, mir das abzugewöhnen. Sicher, man konnte auch einfach abbeißen, aber das war nur der halbe Spaß. Das war wie ein Schwimmbadbesuch ohne Proviant oder ein Dorf ohne Katzen. Einmal traf ich ein anderes deutsches Mädchen in meinem Alter, das dabei war, die Katzen zu füttern. Von dem Tag an waren wir für den Rest der Ferien unzertrennlich und stromerten tagtäglich zusammen durchs Dorf, erkundeten den Schlosspark, die eine oder andere Ruine und sammelten Galläpfel, hart und trocken und rund wie Murmeln. Wenn man mit der Nagelfeile den Stielansatz abfeilte, hatte man perfekte Kugeln. Meine Brüder hatten ein Hühnergehege entdeckt und machten sich einen Spaß daraus, wie wild mit einem Salatblatt vor dem Gitter herumzufuchteln. Die gierig herangelaufenen Hühner bewegten ihre Köpfe wie irre Technotänzer hinter dem Salatblatt her, bis sie anfingen zu torkeln, als hätten sie zu viel Cidre getrunken. Das sah ziemlich lustig aus, aber die Tiere taten mir auch leid, deswegen brachte ich ihnen heimlich – um meinen Ruf bei meinen Brüdern nicht zu ruinieren – später ein paar Gemüsereste als Wiedergutmachung und konnte deutlich sehen, dass das Federvieh mir mit freundlichen Blicken und Gurrlauten Absolution erteilte. Dass von den Einkäufen ein nicht unerheblicher Teil verschwand (und, wie wir wissen, bei den Tieren des Dorfes landete), nahmen unsere Eltern mit Gleichmut auf. Aber wehe, man vergriff sich an den kostbaren Persipanrauten namens ‚Calissons d’Aix‘. Das konnte einen schon mal den Nachtisch kosten oder einen Teil des Taschengeldes.

    Am herrlichsten waren die Urlaube auf dem Bauernhof in der Bretagne. Wir rannten durch die Maisfelder und ernteten hin und wieder einen kleinen unreifen Kolben, um zwischendurch darauf herumzukauen und uns einzubilden, wir könnten allein in der Wildnis überleben. Es gab Hunde, Katzen und Hühner, die frei überall herumliefen – und Kühe, die mit dicken Eutern zwischen dem Stall und der Weise hin und her pilgerten. Morgens ging eins von uns Kindern mit der Blechkanne zum Stall, und Monsieur Draoulec, der Landwirt, füllte uns die Kanne mit euterwarmer Milch, die ganz dickflüssig war und ein bisschen nach Karamell schmeckte. Der Geschmack ist unvergesslich.  

    Wurde ein neues Kälbchen geboren, war das natürlich ein Riesenereignis für uns Kinder. Wir durften es streicheln, und es nahm eine ganze Kinderhand in sein Kalbsmäulchen, um zahnlos daran herumzulutschen, was mich mit großer Begeisterung erfüllte. Anschließend wischte ich die Hand an meiner Latzhose ab und rannte in meinen Clogs zur Scheune, wo es uns erlaubt war, ganz oben auf die gestapelten Heuballen zu klettern und von da herunterzuspringen. Das musste man vor lauter Glück und Freude in manchen Momenten einfach tun. Fand ich eine Katze im Heu, konnte ich ewig dort liegen, das Felltier kraulen und seinem Schnurren zuhören. Die Ewigkeit dauerte meist nicht wirklich lang – eine Kinderewigkeit ist eben eine andere als eine Erwachsenenewigkeit. Normalerweise hatte die Katze nach einigen Minuten zu viel von meinen Liebesbekundungen und suchte das Weite.

    ***

    Wir haben inzwischen auch das Weite gesucht, das Freibad verlassen und sitzen im Auto. Ich habe mich strikt geweigert ins Wasser zu gehen oder überhaupt noch länger zu bleiben.

    „So ein verkacktes Schwimmbad, in dem alle gleich aussehen“, wettere ich. Der Schwarzhaarige an meiner Seite grinst.

    „Danke für das Kompliment“, sagt er und nimmt es mir gar nicht übel. Ich ärgere mich nur noch mehr.

    „Was ist denn los?“ will er wissen.

    „Nichts“, grummele ich. Er ist ein kluger Mann und lässt das so stehen. Ich bin leider keine kluge Frau.

    „So einfach gibst du dich zufrieden? Es interessiert dich anscheinend gar nicht wirklich, was los ist.“ Meine Güte, bin ich eine blöde Kuh. Das denkt er sich wohl auch, denn er entgegnet:

    „Ich gehe jetzt Kaffee trinken, und du kannst dir in Ruhe überlegen, was dir stinkt.“ Das Auto kommt in einer Parkbucht zum Stehen. Ich koche. Zu Unrecht, wie ich weiß. Was soll ich machen. Er steigt aus und lässt mich einfach sitzen. Ich starre in der Gegend rum. Mein Blick fällt auf die Muscheln, die seit dem letzten Urlaub im Auto mitfahren. Ich seufze. Muscheln sammeln …

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte ich davon einfach nicht genug kriegen. Im Bretagne-Urlaub fuhren wir jeden zweiten Tag ans Meer. An die Küste von Finistère. Kilometerlange Strände und versteckte Buchten wurden von mir barfuß abgelaufen, Sandkorn für Sandkorn, auf der Suche nach den Schätzen des Meeres, die da waren: Jakobsmuscheln, die besten Exemplare waren natürlich die, an denen beide Flügelchen unversehrt waren; Sepiaschalen, die ich für meine Kanarienvögel mit nach Hause nahm und an denen sich die Trillermätze mit Wonne die Schnäbel wetzten; Austern, möglichst groß, die daheim zu Seifenschalen umfunktioniert wurden; und natürlich alle anderen Herrlichkeiten, die es am Strand gab – Teile von Krebsen, bunt-schillernde Schneckenhäuser, von fingernagel- bis handtellergroß; und Schmetterlingsmuscheln in zarten Lila- und Rosétönen wie die Himmelsnuancen an kalten Tagen – in solchen Farben sollte man Fußnägel lackieren, fand ich als Kind.

    Wenn man dann mit all den Fundstücken zu dem Platz zurückkam, an dem die Familie campierte, bekamen wir riesige, dünne Scheiben Wassermelone, die uns Clownsgesichter zauberten. Und dann gab es natürlich noch den Sirup, der im Supermarkt in 1l-Blechflaschen verkauft wurde – Minze, Zitrone oder Himbeere. Mein Favorit war der giftgrüne Minzsirup, der mit Wasser vermischt eine etwas bekömmlichere Farbe annahm und gefahrlos getrunken werden konnte. Mein erstes Mal Minzsirup war eine geschmackliche Offenbarung wie später das erste Mal Datteln im Speckmantel. Heute käme ich nicht mehr darauf so etwas ungesundes wie Sirup zu trinken. Mit Wasser verdünnt wird im Urlaub nur noch Pastis – auch nicht gesund, aber immerhin aus Kräutern.

    Natürlich gab es die Schätze aus dem Meer auch hin und wieder auf den Teller. Ich mochte Fisch, der in der kargen Küche des bretonischen Steinhäuschens zubereitet und am Tisch vorm Kamin verspeist wurde. Bis zu dem Tag, an dem ich anscheinend zu sehr geschlungen hatte und eine Gräte tief in meinem Kinderhals steckenblieb. Ich würgte und hustete und kriegte einen roten Kopf. Meine Brüder betrachteten mich mit erwartungsvollem Interesse. Zum ersten Mal in meinem zu dem Zeitpunkt achtjährigen Leben fühlte ich das Ende nahen. Mein Vater rannte los und holte eine Pinzette, meine Mutter riss mir den Mund auf, und in herausragender Teamarbeit befreiten sie mich von dem Mörderteil und schenkten mir ein zweites Mal das Leben. Ich habe bis zur Studienzeit keinen Fisch mehr gegessen – und wenn, dann habe ich ihn zum Erstaunen meiner Kommilitonen mit der Gabel auf dem Teller püriert, bevor ich ihn probiert habe. Bis heute traue ich Fischen nur noch über den Weg, wenn ich sie im Meer oder anderen Gewässern schwimmen sehe.

    ***

    Im Moment schwimmt vor mir ein Teebeutel, ich blase Trübsal und schäme mich für mein kindisches Verhalten. Am liebsten möchte ich mich entschuldigen, aber ich will auch noch schmollen – so wie früher als Kind. Ich gehe runter zum dm an der Ecke. Ich brauche Trostnahrung. Erstmals seit Jahrzehnten kaufe ich mir ein Lion. Und dazu einen Nagellack. Farbe: Flieder. In Gedanken streiche ich Flieder und schreibe Schmetterlingsmuschel. Zurück in der Wohnung esse ich den Schokoriegel nach guter alter Manier Schicht für Schicht. Dann lackiere ich mir die Fußnägel und denke an Muscheln.

    ***

    Als ich noch ein Kind war, habe ich einmal eine noch ganze, geschlossene Muschel gefunden, als der bretonische Markt vorbei war und keine Stände mehr zu sehen waren. Es war keine Miesmuschel, sondern so eine helle, geriffelte. Ich nahm sie mit und bat meine Mutter, mir das Schalentier zuzubereiten. Sie hatte aber keine Ahnung von der Muschelzubereitung, warf den Straßenfund einfach in kochendes Wasser, und als das arme Tier aufgegangen war, legte sie es mir auf einen Teller. Ich friemelte das fleischige Stückchen mit Gabel und Fingern heraus, steckte es in den Mund und biss zu. ‚Beurck‘ sagt der Franzose, ich sagte einfach ‚iiieh‘ und spuckte das Ding wieder aus. Ich schob die Unterlippe vor und schmollte, wie ich es damals ständig tat. Wahrscheinlich wegen des angenehmen bilabialen Erlebnisses. Die Muschel erinnerte mich an Gummi – so wie die Tintenfischringe, die mein Opa beim Italiener aß und mich immer wieder probieren ließ. Da war aber wenigstens Panade dran. So wie an Wiener Schnitzel. Essen gehen war etwas, was wir vor allem mit den Großeltern machten. ‚Zum Italiener‘ war wie Ferien. Unter der Decke hingen Fischernetze mit Plastikkrebsen und -fischen, aus den Lautsprechern kam ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘ und dann: klitzekleine warme Brötchen mit sahneweicher Kräuterbutter, die im Töpfchen schon ganz gelb geworden war. Konnte es etwas Besseres geben? Für mich kaum …

    Bretonische Crêpes vielleicht. Manchmal wurde auf dem Bauernhof eine lange Tafel aufgebaut, und Monsieur Draoulec bereitete mit viel gesalzener Butter die besten, dünnsten Pfannkuchen der Welt zu. Dazu floss für die Erwachsenen der Cidre in Strömen, für uns Kinder gab es die üblichen Sirupgetränke. Ich durfte allerdings mal am Glas meines Vaters nippen und fand den Cidre gar nicht schlecht, woraufhin ich heimlich alle Cidrereste aus diversen Gläsern unbemerkt austrank und am nächsten Tag den ersten Kater meines Lebens hatte. Seither bin ich in Sachen Cidre ein gebranntes Kind.

    Apropos, eines Nachts weckten unsere Eltern uns und trieben uns in aller Eile aus dem Haus. Der Hühnerstall nebenan stand in Flammen. Ich war hin und weg. An die Hühner habe ich gar nicht gedacht – ich hatte noch nie ein brennendes Haus gesehen. Es war im Dunkel der Nacht ein fantastisch-infernalisches Spektakel. Außerdem durften wir mitten in der Nacht wach sein – etwas, was ich durch wiederkehrendes Die-Treppe-Herunterschleichen immer wieder, meist ohne Erfolg, zu erreichen versuchte: Ich habe Durst (trink ein Glas Wasser und dann ab ins Bett); ich habe Hunger (wir haben eben gegessen, zisch ab); ich habe Angst (wir sind hier und passen auf, du brauchst keine Angst zu haben); kann ich noch ein bisschen mit vorm Kamin sitzen (jetzt reicht’s aber, jetzt wird geschlafen)! Dann blieb nur noch die übliche Taschenlampe unter der Bettdecke, solange niemand petzte (die hat wieder die Taschenlampe an, ich kann nicht schlafen).

    Jedenfalls war mir die ganze Aufregung der Erwachsenen angesichts der Flammen ein Rätsel. Die Feuerwehr kam und löschte das Feuer. Die Hühner waren alle tot. Ein paar Tage später durften wir mal rein in die schwarz-verkohlte Ruine, und da habe ich einen Klumpen gefunden, wie ein riesiger Edelstein. Geschmolzenes Glas. Dieses Pseudojuwel habe ich immer noch. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet diesen Schatz aus der Kindheit aufgehoben habe.

    Um die Hühner tat es mir leid, zumal wir in anderen Jahren dabei helfen durften, sie einzufangen, wenn bei Familie Draoulec Hühnchen auf dem Speiseplan stand. Hühner einfangen war ein großer Spaß, ich rannte so lange immer hinter dem am nächsten herumhüpfenden Huhn her, bis ich eins hatte. Einmal habe ich allerdings gesehen, wie zwei Hühner an den Füßen aufgehängt im Stall an einer Stange baumelten, aus den Schnäbeln lief Blut in zwei Eimer, und die Hühner flatterten noch mit den Flügeln. Das war mir unangenehm, und ich hab mich schnell aus dem Staub gemacht. Später habe ich aber der alten Madame Draoulec dabei zugeschaut, wie sie einem Huhn alle Federn abgerupft hat, bis es so aussah wie die Hühner im Supermarkt.

    Die Episode mit der Gräte war übrigens nicht das einzige Nahtoderlebnis, das ich in der Bretagne hatte. Als ich elf war, verbrachten wir wieder einmal die Ferien auf dem Hof der Familie Draoulec. Ich bekam Bauchschmerzen und wurde ziemlich unleidlich. Der Dorfarzt diagnostizierte eine Magenverstimmung und verordnete Lindenblütentee – ein weiteres Lebensmittel, das mir seither verleidet ist, was meine Liebe zur Bretagne aber nicht geschmälert hat. Jedenfalls brachte mich der vermaledeite Kräuterpunsch nicht voran. Im Gegenteil. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich blieb im Bett und kannte nach zwei Tagen alle Astlöcher und jede Kurve der Maserung an den Wänden des Gemachs, die aus groben Brettern bestanden. Ich sah dort Gesichter und Tiere; ganze Geschichten spielten sich auf dem Holz ab. Ich würde es gern meiner Fantasie zuschreiben, vielleicht habe ich aber auch deliriert. In der dritten Nacht meines Krankendaseins wurde mein Gejammer so unerträglich, dass meine Eltern mich ins Auto trugen und zum nächsten Krankenhaus fuhren, das immerhin eine gute Stunde entfernt war. Es war eine akute Blinddarmentzündung. Ich wurde operiert und bekam nun jeden Tag Besuch von der Familie, immer ein kleines Geschenk im Gepäck, eine Karte mit einem Pierrot (diese melancholischen Clowns waren damals ganz groß in Mode), ein Tagebuch – und sogar einen Arztkoffer. Meine Brüder, die mich zuvor als Memme verlacht hatten, schlichen demütig um mich herum, und ich genoss es sehr. Zu meinem Glück war ich in einer Privatklinik gelandet, hatte ein eigenes Zimmer, formidable Verpflegung (meine erste Crème Caramel!) und dazu Schwester Fride, die aus dem Elsass stammte und deutsch mit mir sprach. Alles in allem ein Erlebnis, mit dem ich nach den Ferien prahlen konnte – und trotzdem war ich froh, als wir wieder auf dem Hof ankamen und meine Mutter die Tür zu unserem Häuschen aufschloss.

    ***

    Ich höre den Schlüssel im Schloss. Mein Freund kommt herein und setzt sich mir gegenüber.

    „Wie wär’s, sollen wir zur Kirmes gehen, ein Crêpe essen und du erzählst mir, was dich ärgert?“

    Was habe ich da für einen Goldschatz! Viel besser als geschmolzenes Glas!

    „Es tut mir leid …“, sage ich, „ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Ich fange an, hektisch den Herd zu putzen.

    „Lass doch mal die Putzerei, und setz dich wieder.“ Ich setze mich und suche erneut nach einer Erklärung.

    „Ich erkenne mich selbst nicht wieder, mich strengt alles so furchtbar an. Ich könnte ständig ausrasten – wegen nichts.“

    „Hat das was mit mir zu tun?“

    „Nein, auf keinen Fall. Es ist einfach gerade alles Scheiße. Ich kann mich zu nichts aufraffen, ich schlafe schlecht, ich weiß auch nicht. Ich sehe nur noch schwarz. Dabei war ich immer so positiv …“ Ich fange an zu heulen. Wie ein Kind, das nicht mehr weiterlaufen will. Er ist ratlos. Ich bin ratlos. Ich will gerettet werden und weiß, dass ich es selbst tun muss. Ich wünschte, ich wäre wieder acht. Da mir nichts Besseres einfällt, schniefe ich:

    „Lass uns Urlaub in der Bretagne buchen, ja?“

    „Okay.“

    Okay? Einfach so? Ich kann es nicht fassen. Ich werde Muscheln sammeln, keinen Fisch essen, jede Menge Crêpes verschlingen und keinen Cidre konsumieren. Außerdem nehme ich einen Stapel Bücher mit und lese, wann ich will, auch ohne Taschenlampe. Er massiert sich die Schläfen wie meine Eltern nach durchfahrener Nacht.

    „Aber du weißt, dass das nicht die Lösung ist, oder?“ Ich weiß es. Ich bin ja kein Kind mehr.

    Die Fotos sind im bretonischen Plogoff entstanden.