Schlagwort: Frankreich

  • … der Kindheit

    … der Kindheit

    „Kann ich Ihnen helfen?“

    Der Bademeister, schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß, athletisch, vielleicht 25-jährig, hat wohl bemerkt, dass ich seit gut zehn Minuten das Becken umkreise und mit steigender Ungeduld das Wasser absuche.

    „Ich suche meinen Freund.“ Sagt man in meinem Alter eigentlich noch ‚Freund‘? Nicht vielleicht eher ‚Lebensgefährte‘ oder sowas?

    „Wie sieht er denn aus?“ Tja, was soll ich sagen. Schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß …

    „So wie Sie.“ Meine schlechte Laune und dass ich wohl etwa doppelt so alt wie er sein mag, verhüten wahrscheinlich, dass er das als Anmache versteht. Wir schauen jetzt beide ratlos aufs Wasser. Es ist voller Bademeister-Kopien (oder Freund-Kopien), dazwischen hin und wieder eine kreischende Frau, die von einem der Tätowierten auf die Schultern genommen oder durch die Luft geworfen wird. Wie sind wir auf die blöde Idee verfallen, uns in diesem Freibad zu treffen? Man muss für die Schließfächer selbst ein Schloss mitbringen. Wusste ich nicht. Immerhin habe ich das Handtuch meines Freundes (oder Lebenspartners) und seine Tasche auf dem Rasen gefunden und mein Handtuch mit meiner Tasche danebengelegt. Jetzt stehe ich hier mit leuchtenden Fußnägeln und düsterer Laune, neben mir der Bademeister, der nur ‚hm‘ murmelt.

    „Danke, ich denke, das hat keinen Zweck“, sage ich miesepetrig und mache mich auf den Weg zu meinem Handtuch. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommt mein schwarzhaariger, tätowierter Freund freudestrahlend, pitschnass und quietschfidel wie ein 10-Jähriger auf mich zugehüpft, lässt sich schwungvoll neben mir nieder und umarmt mich mit chlorwassernassen Armen. Ich rümpfe die Nase.

    „Da bist du ja endlich!“

    Wir sagen es gleichzeitig. Er enthusiastisch, ich vorwurfsvoll. Ich will am liebsten sofort wieder gehen. Auf keinen Fall will ich in das überfüllte Becken. Was ist bloß los mit mir?

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte es nicht genug Freibadtage für mich geben. Je voller das Becken, umso toller. Es sei denn, es waren Ferien und ein Strand in erreichbarer Nähe. Das war noch besser. Um dorthin zu gelangen, packten meine Eltern den grünen Ford Taunus voll. Mein Vater hatte zwei Kisten gebaut, die genau den Fußraum füllten bis zur Kante der umgeklappten Sitze. Die Kisten wurden vollgepackt, dann der komplette Raum darüber, bedeckt von einer dünnen, eigens zugeschnittenen Schaumstoffmatratze, und obenauf lagen wir – meine Brüder und ich – in unseren Schlafsäcken. Sicherheitsgurte waren damals noch gänzlich unbekannt oder zumindest gänzlich ungenutzt. Mitten in der Nacht fuhren wir los – und natürlich schliefen wir die meiste Zeit nicht, sondern raubten unseren Eltern den letzten Nerv. Ich muss mal, wann sind wir da, mir ist schlecht … In einer Kühlbox waren Getränke – und vor allem etwas, das es nur auf dem Weg in den Urlaub gab: Erfrischungsstäbchen. Mit denen wurden wir ruhiggestellt, meist nur für kurze Zeit, aber immerhin. Bis heute sind diese zuckrig-schokoladigen Süßwaren für mich der Inbegriff des Urlausbeginns. Der Biss in die knusprige Schoko-Zuckerhülle, gefolgt von dem künstlichen Aroma des flüssigen Innenlebens – herrlich!

    Kamen wir endlich in einem Dorf in Frankreich an, sagen wir in der Provence oder der Bretagne, verließen wir Kinder das Ferienhaus – während sich die Eltern die Schläfen massierten und nach durchfahrener Nacht die Füße hochlegten – und kannten nach drei Stunden den Ort mit all seinen Geheimnissen und Offensichtlichkeiten. Wo waren Tiere, wo gab es etwas Verfallenes, wo konnte man ein Eis kaufen? Waren diese lebenswichtigen Fragen geklärt und das erste Eis gegessen, gingen meine Brüder mit dem Ball auf den Sportplatz, während ich heimkehrte und leise den Kühlschrank durchforstete nach etwas, was den Straßenkatzen schmecken könnte. Die Eltern hatten eingekauft, sich dann hingelegt und ahnten nicht, dass ich die Rinden von allen verfügbaren Käsesorten abschnitt und in kleine Stückchen teilte. Mit dieser Ausbeute rannte ich durchs mittägliche Dorf, wo die lavendelfarbenen Fensterläden geschlossen und kaum jemand in den Gassen unterwegs war. Traf ich auf eine Katze, wurde sie von mir mit Käserinde gefügig gemacht. Vor allem die lädierten Modelle standen hoch in meiner Gunst. Zerzaustes Fell und angenagte Ohren, Humpelpfoten und Einäugige gingen mir besonders ans Kinderherz. Auch ein Katzenbiss, der eine entzündete, stark geschwollene Hand und einen Besuch beim örtlichen Landarzt nach sich zog, konnte daran nichts ändern.

    In der Provence war es auch in den Osterferien schon heiß. In den Sommerferien erst recht. Das Meer war weit weg, also musste das örtliche Freibad herhalten. Es lag am Ortsrand und hatte nur ein einziges winziges Becken. Unser Vater, der gegen Schwimmbäder und Chlorwasser eine tiefe Abneigung hegte, musste hartnäckig bearbeitet werden, den einen oder anderen Familienausflug mit uns dorthin zu unternehmen. Hatten wir ihn lange genug genervt, begaben wir uns, bepackt mit Badesachen, Handtüchern, Schirm, Verpflegung und Sonnencreme, auf die lange Straße hinaus aus dem Dorf. Mir erschien sie als Kind unendlich lang, vielleicht waren es aber nur ein paar Hundert Meter. Die Hitze flimmerte über der Straße, auf der der Teer schmolz, und machte alles ein bisschen unscharf, und in den Ginstersträuchern am Straßenrand knisterte und knackte es. Die Grillen, die man selten sah, aber immer hörte, veranstalteten einen Mordsradau, als wollten sie uns vor irgendetwas warnen. Hitzschlag vielleicht? Waren wir dann da, setzte sich unser Vater strohbehütet und missgelaunt auf sein Handtuch und las, während unsere Mutter uns in den Badepausen Baguette reichte, belegt mit dem Erzeugnis, dessen Rinde ich bereits großzügig entfernt hatte. Meine Brüder sprangen vom Beckenrand und döppten sich gegenseitig unter, während ich es liebte zu tauchen und meine Bahnen unter Wasser zu ziehen.

    Manchmal fuhren wir auch zu einem der Bäche, die sich durch die provenzalischen Berge schlängeln. Dann saßen wir auf großen, flachen, sonnenerhitzten Steinen, picknickten und badeten in den vereinzelten Becken, die Natur oder Mensch gestaut hatte. Natürlich bauten wir auch selbst kleine Staudämme aus Steinen und Treibgut. Das Wasser war eiskalt, und wir wateten darin herum bis wir lila angelaufene Lippen und Zehen hatten. Um uns herum stoben die Wasserläufer auseinander, wenn wir uns gegenseitig jagten. Wurden es allerdings zu viele von den sechsbeinigen Spinnenwesen, ergriff ich selbst die Flucht und beobachtete sie von einem felsigen Aussichtspunkt aus.

    Mein Taschengeld trug ich zum Lädchen am Dorfplatz und kaufte Schokoriegel. Raider, das heute Twix heißt, oder tam, das später zu Lion wurde. Als ich das erste Mal Lion aß, geriet ich ad hoc in eine temporäre Abhängigkeit. Ich glaube, die Ladeninhaberin musste meinetwegen Extrabestellungen aufgeben. Ich aß die Riegel schichtweise – also erst die Schoko-Karamell- beziehungsweise Schoko-Karamell-Puffreis-Schicht, dann den Keks oder die Waffel. Meine Mutter versuchte erfolglos, mir das abzugewöhnen. Sicher, man konnte auch einfach abbeißen, aber das war nur der halbe Spaß. Das war wie ein Schwimmbadbesuch ohne Proviant oder ein Dorf ohne Katzen. Einmal traf ich ein anderes deutsches Mädchen in meinem Alter, das dabei war, die Katzen zu füttern. Von dem Tag an waren wir für den Rest der Ferien unzertrennlich und stromerten tagtäglich zusammen durchs Dorf, erkundeten den Schlosspark, die eine oder andere Ruine und sammelten Galläpfel, hart und trocken und rund wie Murmeln. Wenn man mit der Nagelfeile den Stielansatz abfeilte, hatte man perfekte Kugeln. Meine Brüder hatten ein Hühnergehege entdeckt und machten sich einen Spaß daraus, wie wild mit einem Salatblatt vor dem Gitter herumzufuchteln. Die gierig herangelaufenen Hühner bewegten ihre Köpfe wie irre Technotänzer hinter dem Salatblatt her, bis sie anfingen zu torkeln, als hätten sie zu viel Cidre getrunken. Das sah ziemlich lustig aus, aber die Tiere taten mir auch leid, deswegen brachte ich ihnen heimlich – um meinen Ruf bei meinen Brüdern nicht zu ruinieren – später ein paar Gemüsereste als Wiedergutmachung und konnte deutlich sehen, dass das Federvieh mir mit freundlichen Blicken und Gurrlauten Absolution erteilte. Dass von den Einkäufen ein nicht unerheblicher Teil verschwand (und, wie wir wissen, bei den Tieren des Dorfes landete), nahmen unsere Eltern mit Gleichmut auf. Aber wehe, man vergriff sich an den kostbaren Persipanrauten namens ‚Calissons d’Aix‘. Das konnte einen schon mal den Nachtisch kosten oder einen Teil des Taschengeldes.

    Am herrlichsten waren die Urlaube auf dem Bauernhof in der Bretagne. Wir rannten durch die Maisfelder und ernteten hin und wieder einen kleinen unreifen Kolben, um zwischendurch darauf herumzukauen und uns einzubilden, wir könnten allein in der Wildnis überleben. Es gab Hunde, Katzen und Hühner, die frei überall herumliefen – und Kühe, die mit dicken Eutern zwischen dem Stall und der Weise hin und her pilgerten. Morgens ging eins von uns Kindern mit der Blechkanne zum Stall, und Monsieur Draoulec, der Landwirt, füllte uns die Kanne mit euterwarmer Milch, die ganz dickflüssig war und ein bisschen nach Karamell schmeckte. Der Geschmack ist unvergesslich.  

    Wurde ein neues Kälbchen geboren, war das natürlich ein Riesenereignis für uns Kinder. Wir durften es streicheln, und es nahm eine ganze Kinderhand in sein Kalbsmäulchen, um zahnlos daran herumzulutschen, was mich mit großer Begeisterung erfüllte. Anschließend wischte ich die Hand an meiner Latzhose ab und rannte in meinen Clogs zur Scheune, wo es uns erlaubt war, ganz oben auf die gestapelten Heuballen zu klettern und von da herunterzuspringen. Das musste man vor lauter Glück und Freude in manchen Momenten einfach tun. Fand ich eine Katze im Heu, konnte ich ewig dort liegen, das Felltier kraulen und seinem Schnurren zuhören. Die Ewigkeit dauerte meist nicht wirklich lang – eine Kinderewigkeit ist eben eine andere als eine Erwachsenenewigkeit. Normalerweise hatte die Katze nach einigen Minuten zu viel von meinen Liebesbekundungen und suchte das Weite.

    ***

    Wir haben inzwischen auch das Weite gesucht, das Freibad verlassen und sitzen im Auto. Ich habe mich strikt geweigert ins Wasser zu gehen oder überhaupt noch länger zu bleiben.

    „So ein verkacktes Schwimmbad, in dem alle gleich aussehen“, wettere ich. Der Schwarzhaarige an meiner Seite grinst.

    „Danke für das Kompliment“, sagt er und nimmt es mir gar nicht übel. Ich ärgere mich nur noch mehr.

    „Was ist denn los?“ will er wissen.

    „Nichts“, grummele ich. Er ist ein kluger Mann und lässt das so stehen. Ich bin leider keine kluge Frau.

    „So einfach gibst du dich zufrieden? Es interessiert dich anscheinend gar nicht wirklich, was los ist.“ Meine Güte, bin ich eine blöde Kuh. Das denkt er sich wohl auch, denn er entgegnet:

    „Ich gehe jetzt Kaffee trinken, und du kannst dir in Ruhe überlegen, was dir stinkt.“ Das Auto kommt in einer Parkbucht zum Stehen. Ich koche. Zu Unrecht, wie ich weiß. Was soll ich machen. Er steigt aus und lässt mich einfach sitzen. Ich starre in der Gegend rum. Mein Blick fällt auf die Muscheln, die seit dem letzten Urlaub im Auto mitfahren. Ich seufze. Muscheln sammeln …

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte ich davon einfach nicht genug kriegen. Im Bretagne-Urlaub fuhren wir jeden zweiten Tag ans Meer. An die Küste von Finistère. Kilometerlange Strände und versteckte Buchten wurden von mir barfuß abgelaufen, Sandkorn für Sandkorn, auf der Suche nach den Schätzen des Meeres, die da waren: Jakobsmuscheln, die besten Exemplare waren natürlich die, an denen beide Flügelchen unversehrt waren; Sepiaschalen, die ich für meine Kanarienvögel mit nach Hause nahm und an denen sich die Trillermätze mit Wonne die Schnäbel wetzten; Austern, möglichst groß, die daheim zu Seifenschalen umfunktioniert wurden; und natürlich alle anderen Herrlichkeiten, die es am Strand gab – Teile von Krebsen, bunt-schillernde Schneckenhäuser, von fingernagel- bis handtellergroß; und Schmetterlingsmuscheln in zarten Lila- und Rosétönen wie die Himmelsnuancen an kalten Tagen – in solchen Farben sollte man Fußnägel lackieren, fand ich als Kind.

    Wenn man dann mit all den Fundstücken zu dem Platz zurückkam, an dem die Familie campierte, bekamen wir riesige, dünne Scheiben Wassermelone, die uns Clownsgesichter zauberten. Und dann gab es natürlich noch den Sirup, der im Supermarkt in 1l-Blechflaschen verkauft wurde – Minze, Zitrone oder Himbeere. Mein Favorit war der giftgrüne Minzsirup, der mit Wasser vermischt eine etwas bekömmlichere Farbe annahm und gefahrlos getrunken werden konnte. Mein erstes Mal Minzsirup war eine geschmackliche Offenbarung wie später das erste Mal Datteln im Speckmantel. Heute käme ich nicht mehr darauf so etwas ungesundes wie Sirup zu trinken. Mit Wasser verdünnt wird im Urlaub nur noch Pastis – auch nicht gesund, aber immerhin aus Kräutern.

    Natürlich gab es die Schätze aus dem Meer auch hin und wieder auf den Teller. Ich mochte Fisch, der in der kargen Küche des bretonischen Steinhäuschens zubereitet und am Tisch vorm Kamin verspeist wurde. Bis zu dem Tag, an dem ich anscheinend zu sehr geschlungen hatte und eine Gräte tief in meinem Kinderhals steckenblieb. Ich würgte und hustete und kriegte einen roten Kopf. Meine Brüder betrachteten mich mit erwartungsvollem Interesse. Zum ersten Mal in meinem zu dem Zeitpunkt achtjährigen Leben fühlte ich das Ende nahen. Mein Vater rannte los und holte eine Pinzette, meine Mutter riss mir den Mund auf, und in herausragender Teamarbeit befreiten sie mich von dem Mörderteil und schenkten mir ein zweites Mal das Leben. Ich habe bis zur Studienzeit keinen Fisch mehr gegessen – und wenn, dann habe ich ihn zum Erstaunen meiner Kommilitonen mit der Gabel auf dem Teller püriert, bevor ich ihn probiert habe. Bis heute traue ich Fischen nur noch über den Weg, wenn ich sie im Meer oder anderen Gewässern schwimmen sehe.

    ***

    Im Moment schwimmt vor mir ein Teebeutel, ich blase Trübsal und schäme mich für mein kindisches Verhalten. Am liebsten möchte ich mich entschuldigen, aber ich will auch noch schmollen – so wie früher als Kind. Ich gehe runter zum dm an der Ecke. Ich brauche Trostnahrung. Erstmals seit Jahrzehnten kaufe ich mir ein Lion. Und dazu einen Nagellack. Farbe: Flieder. In Gedanken streiche ich Flieder und schreibe Schmetterlingsmuschel. Zurück in der Wohnung esse ich den Schokoriegel nach guter alter Manier Schicht für Schicht. Dann lackiere ich mir die Fußnägel und denke an Muscheln.

    ***

    Als ich noch ein Kind war, habe ich einmal eine noch ganze, geschlossene Muschel gefunden, als der bretonische Markt vorbei war und keine Stände mehr zu sehen waren. Es war keine Miesmuschel, sondern so eine helle, geriffelte. Ich nahm sie mit und bat meine Mutter, mir das Schalentier zuzubereiten. Sie hatte aber keine Ahnung von der Muschelzubereitung, warf den Straßenfund einfach in kochendes Wasser, und als das arme Tier aufgegangen war, legte sie es mir auf einen Teller. Ich friemelte das fleischige Stückchen mit Gabel und Fingern heraus, steckte es in den Mund und biss zu. ‚Beurck‘ sagt der Franzose, ich sagte einfach ‚iiieh‘ und spuckte das Ding wieder aus. Ich schob die Unterlippe vor und schmollte, wie ich es damals ständig tat. Wahrscheinlich wegen des angenehmen bilabialen Erlebnisses. Die Muschel erinnerte mich an Gummi – so wie die Tintenfischringe, die mein Opa beim Italiener aß und mich immer wieder probieren ließ. Da war aber wenigstens Panade dran. So wie an Wiener Schnitzel. Essen gehen war etwas, was wir vor allem mit den Großeltern machten. ‚Zum Italiener‘ war wie Ferien. Unter der Decke hingen Fischernetze mit Plastikkrebsen und -fischen, aus den Lautsprechern kam ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘ und dann: klitzekleine warme Brötchen mit sahneweicher Kräuterbutter, die im Töpfchen schon ganz gelb geworden war. Konnte es etwas Besseres geben? Für mich kaum …

    Bretonische Crêpes vielleicht. Manchmal wurde auf dem Bauernhof eine lange Tafel aufgebaut, und Monsieur Draoulec bereitete mit viel gesalzener Butter die besten, dünnsten Pfannkuchen der Welt zu. Dazu floss für die Erwachsenen der Cidre in Strömen, für uns Kinder gab es die üblichen Sirupgetränke. Ich durfte allerdings mal am Glas meines Vaters nippen und fand den Cidre gar nicht schlecht, woraufhin ich heimlich alle Cidrereste aus diversen Gläsern unbemerkt austrank und am nächsten Tag den ersten Kater meines Lebens hatte. Seither bin ich in Sachen Cidre ein gebranntes Kind.

    Apropos, eines Nachts weckten unsere Eltern uns und trieben uns in aller Eile aus dem Haus. Der Hühnerstall nebenan stand in Flammen. Ich war hin und weg. An die Hühner habe ich gar nicht gedacht – ich hatte noch nie ein brennendes Haus gesehen. Es war im Dunkel der Nacht ein fantastisch-infernalisches Spektakel. Außerdem durften wir mitten in der Nacht wach sein – etwas, was ich durch wiederkehrendes Die-Treppe-Herunterschleichen immer wieder, meist ohne Erfolg, zu erreichen versuchte: Ich habe Durst (trink ein Glas Wasser und dann ab ins Bett); ich habe Hunger (wir haben eben gegessen, zisch ab); ich habe Angst (wir sind hier und passen auf, du brauchst keine Angst zu haben); kann ich noch ein bisschen mit vorm Kamin sitzen (jetzt reicht’s aber, jetzt wird geschlafen)! Dann blieb nur noch die übliche Taschenlampe unter der Bettdecke, solange niemand petzte (die hat wieder die Taschenlampe an, ich kann nicht schlafen).

    Jedenfalls war mir die ganze Aufregung der Erwachsenen angesichts der Flammen ein Rätsel. Die Feuerwehr kam und löschte das Feuer. Die Hühner waren alle tot. Ein paar Tage später durften wir mal rein in die schwarz-verkohlte Ruine, und da habe ich einen Klumpen gefunden, wie ein riesiger Edelstein. Geschmolzenes Glas. Dieses Pseudojuwel habe ich immer noch. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet diesen Schatz aus der Kindheit aufgehoben habe.

    Um die Hühner tat es mir leid, zumal wir in anderen Jahren dabei helfen durften, sie einzufangen, wenn bei Familie Draoulec Hühnchen auf dem Speiseplan stand. Hühner einfangen war ein großer Spaß, ich rannte so lange immer hinter dem am nächsten herumhüpfenden Huhn her, bis ich eins hatte. Einmal habe ich allerdings gesehen, wie zwei Hühner an den Füßen aufgehängt im Stall an einer Stange baumelten, aus den Schnäbeln lief Blut in zwei Eimer, und die Hühner flatterten noch mit den Flügeln. Das war mir unangenehm, und ich hab mich schnell aus dem Staub gemacht. Später habe ich aber der alten Madame Draoulec dabei zugeschaut, wie sie einem Huhn alle Federn abgerupft hat, bis es so aussah wie die Hühner im Supermarkt.

    Die Episode mit der Gräte war übrigens nicht das einzige Nahtoderlebnis, das ich in der Bretagne hatte. Als ich elf war, verbrachten wir wieder einmal die Ferien auf dem Hof der Familie Draoulec. Ich bekam Bauchschmerzen und wurde ziemlich unleidlich. Der Dorfarzt diagnostizierte eine Magenverstimmung und verordnete Lindenblütentee – ein weiteres Lebensmittel, das mir seither verleidet ist, was meine Liebe zur Bretagne aber nicht geschmälert hat. Jedenfalls brachte mich der vermaledeite Kräuterpunsch nicht voran. Im Gegenteil. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich blieb im Bett und kannte nach zwei Tagen alle Astlöcher und jede Kurve der Maserung an den Wänden des Gemachs, die aus groben Brettern bestanden. Ich sah dort Gesichter und Tiere; ganze Geschichten spielten sich auf dem Holz ab. Ich würde es gern meiner Fantasie zuschreiben, vielleicht habe ich aber auch deliriert. In der dritten Nacht meines Krankendaseins wurde mein Gejammer so unerträglich, dass meine Eltern mich ins Auto trugen und zum nächsten Krankenhaus fuhren, das immerhin eine gute Stunde entfernt war. Es war eine akute Blinddarmentzündung. Ich wurde operiert und bekam nun jeden Tag Besuch von der Familie, immer ein kleines Geschenk im Gepäck, eine Karte mit einem Pierrot (diese melancholischen Clowns waren damals ganz groß in Mode), ein Tagebuch – und sogar einen Arztkoffer. Meine Brüder, die mich zuvor als Memme verlacht hatten, schlichen demütig um mich herum, und ich genoss es sehr. Zu meinem Glück war ich in einer Privatklinik gelandet, hatte ein eigenes Zimmer, formidable Verpflegung (meine erste Crème Caramel!) und dazu Schwester Fride, die aus dem Elsass stammte und deutsch mit mir sprach. Alles in allem ein Erlebnis, mit dem ich nach den Ferien prahlen konnte – und trotzdem war ich froh, als wir wieder auf dem Hof ankamen und meine Mutter die Tür zu unserem Häuschen aufschloss.

    ***

    Ich höre den Schlüssel im Schloss. Mein Freund kommt herein und setzt sich mir gegenüber.

    „Wie wär’s, sollen wir zur Kirmes gehen, ein Crêpe essen und du erzählst mir, was dich ärgert?“

    Was habe ich da für einen Goldschatz! Viel besser als geschmolzenes Glas!

    „Es tut mir leid …“, sage ich, „ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Ich fange an, hektisch den Herd zu putzen.

    „Lass doch mal die Putzerei, und setz dich wieder.“ Ich setze mich und suche erneut nach einer Erklärung.

    „Ich erkenne mich selbst nicht wieder, mich strengt alles so furchtbar an. Ich könnte ständig ausrasten – wegen nichts.“

    „Hat das was mit mir zu tun?“

    „Nein, auf keinen Fall. Es ist einfach gerade alles Scheiße. Ich kann mich zu nichts aufraffen, ich schlafe schlecht, ich weiß auch nicht. Ich sehe nur noch schwarz. Dabei war ich immer so positiv …“ Ich fange an zu heulen. Wie ein Kind, das nicht mehr weiterlaufen will. Er ist ratlos. Ich bin ratlos. Ich will gerettet werden und weiß, dass ich es selbst tun muss. Ich wünschte, ich wäre wieder acht. Da mir nichts Besseres einfällt, schniefe ich:

    „Lass uns Urlaub in der Bretagne buchen, ja?“

    „Okay.“

    Okay? Einfach so? Ich kann es nicht fassen. Ich werde Muscheln sammeln, keinen Fisch essen, jede Menge Crêpes verschlingen und keinen Cidre konsumieren. Außerdem nehme ich einen Stapel Bücher mit und lese, wann ich will, auch ohne Taschenlampe. Er massiert sich die Schläfen wie meine Eltern nach durchfahrener Nacht.

    „Aber du weißt, dass das nicht die Lösung ist, oder?“ Ich weiß es. Ich bin ja kein Kind mehr.

    Die Fotos sind im bretonischen Plogoff entstanden.

  • … der Trauer

    … der Trauer

    Die Trauer ist eine Hausbesetzerin.

    Sie ist nach deinem Tod in das Haus eingezogen,
    das ich bin.

    Ihre wechselnden Begleiterinnen heißen
    Wut, Verzweiflung und Bestürzung.

    Hätten wir einen Vertrag,
    wäre die Trauer Hauptmieterin.

    Oft kommt sie spät im Dunkeln,
    hält mich wach oder stört meine Träume.

    Manchmal kehrt sie aber auch erst
    am Morgen zurück.

    Dann komme ich vom Bäcker,
    und sie hat sich unbemerkt reingeschlichen.

    Sobald ich sie bemerke,
    fallen meine Tränen auf die Brötchentüte.

    Die Trauer hat in dem Haus,
    das ich bin, Chaos verbreitet.

    Freude und Zuversicht
    haben sich in ihren Kammern versteckt.

    Das Inventar, das mein Geist arrangiert hat,
    hat die Trauer beschädigt. 

    Worte und Gefühle sind überall verstreut.
    Ob ich sie alle wiederfinde?

    Über allem liegen dunkle Tücher und Dreck,
    den die Trauer reingebracht hat.

    Ist sie außer Haus und ich habe geputzt,
    fühlt es sich fast wie zuvor an.

    Doch dann finde ich meine Seele, die früher ruhig im Körbchen lag,
    ängstlich und verwirrt unter dem Tisch.

    Ich muss ihr gut zureden,
    damit sie herauskommt und sich streicheln lässt.

    Dann beruhigt sie sich,
    streift aber noch eine Weile misstrauisch umher.

    Ich sage ihr: Ich habe die Trauer nicht eingeladen.
    Sie hat sich durch ihre Penetranz eine Art Hausrecht erworben.

    Seit die Trauer eingezogen ist,
    habe ich das Haus, das ich bin, vernachlässigt.

    Die Trauer nimmt zu viel Raum ein
    und hindert mich an Reparaturen.

    Das Fundament bröckelt, es regnet rein.
    In mir ist kein Ort der Geborgenheit mehr. 

    Ich geistere durch die Zimmer und verlasse mein Obdach,
    wenn die Trauer zu dominant und raumgreifend wird. 

    Ich irre auf fremden Wegen umher.
    Ich bin nicht bei mir.

    Ich hoffe, die Trauer räumt alles wieder zurück,
    bevor sie irgendwann auszieht.

    Dann bin ich wieder bei mir,
    und sie darf hin und wieder zu Besuch kommen.

    Das Titelfoto ist im Garten des Landguts der französischen Schriftstellerin George Sand in der französischen Region Centre-Val de Loire entstanden, das Bild unten an der Pointe du Millier in der Bretagne.

  • … einer Frau auf der Flucht

    … einer Frau auf der Flucht

    „Ich weiß nicht, ob ich jetzt Dreck am Stecken habe. Ich weiß nur: Sie sind hinter mir her!“

    Hilke war außer Atem, während sie auf dem Barhocker an ihrem Stammtisch Platz nahm. Die braunen Haare waren elektrisch aufgeladen und verliehen ihrem Kopf etwas wattebauschartiges. Gebrauchter Wattebausch. Wofür gebraucht? Gehen wir nicht weiter in die Tiefe. Tom sah sie mit weit geöffnetem Mund und nur halb so weit geöffneten Augen an. Tom, dessen Wortschatz ohnehin nicht zu den elaboriertesten zählte, stellte die seinem intellektuellen Vermögen nach einzig richtige Frage:

    „Hä?“

    „Ja, das ist schwierig!“, entgegnete sie in so atemberauendem Tempo, dass er nur „Jrich“ verstand und noch einmal „Hä?“ entgegnete.

    „Mann!“ Hilke liebte Tom – irgendwie –, aber er war langsaaaaam. Cafébesitzerin Britta kam an den Tisch gehüpft, um die Bestellung aufzunehmen. In dem Moment fuhr draußen vor dem Café „Abhängi“ sehr langsam ein schwarzer Lieferwagen vorbei. Panisch schlug sich Hilke die Hände vors Gesicht. Tom, das tumbe Ei, öffnete die Augen ein wenig mehr.

    „Ich muss weg“, rief Hilke ihm über die Distanz von 30 cm zu, sprang auf, der Barhocker knallte auf den Boden, und sie verschwand durch die Hintertür, die eigentlich eine Seitentür war und zur selben Straße leitete wie der Haupteingang. 

    Nun werdet ihr euch wundern. Ich kann’s euch erklären. Hilke ist 34. Nach dem Musikstudium hat sie alles darangesetzt, als Klarinettistin Fuß zu fassen. Das hat auch ganz passabel geklappt. Denn sie ist gut. Und auch recht gutaussehend. So gut und so gutaussehend, dass sie sich vor einigen Jahren trotz Freiberuflichkeit getraut hat, eine kleine 1-Zimmer-Wohnung in ihrer Wahl-Heimatstadt zu kaufen. Natürlich ist die Bude noch lange nicht abbezahlt, aber Hilke war guten Mutes. Dann kam Corona. Keine Engagements mehr. Keine Auftritte, keine Aufnahmen. Sie hatte schon alle Quellen ausgeschöpft, sich Geld geliehen, ihre Ersparnisse verbraucht. Keine Betriebsausgaben, also keine Soforthilfe. Hartz 4? Dann würde sie die Wohnung aufgeben müssen. Zurück zu den Eltern. DAS durfte nicht passieren. Und dann ereignete sich Folgendes …

    Scheine. Große und kleine. Hilke, über der seit Monaten die Pleitegeier kreisten, stockte der Atem.

    Als Hilke wirklich keine Hoffnung mehr hatte, öffnete sie eines Tages die Wohnungstür – und vor ihrem noch nicht abbezahlten Domizil stand eine Tasche. Kein schönes Exemplar. Ein eher altertümliches Modell. Sie hob die Tasche auf, die etwas muffig roch, und beschloss, im Haus herumzufragen. Sie ging nach oben zu dem schicken Pärchen, über das sie nichts wusste. Die rümpften die Nasen angesichts der Tasche. Offensichtlich nicht ihre. Daneben, bei Familie Kleinschmidt, wusste man auch nichts darüber. Hilkes stets barfüßiger Nachbar Detlef wollte mit dem Trageteil nichts zu tun haben. Der greise Herr Mertens im 2. Stockwerk öffnete nicht, und dessen Nachbarin Frau Davidoff wusste zwar nichts über dieses Trageungetüm, aber sehr viel über die Nachbarschaft, das sie unbedingt loswerden musste.

    Hilke trug die Tasche also in ihre Wohnung. Und öffnete sie. Ihr glaubt es nicht: Sie war voller Geld. Scheine. Große und kleine. Hilke, über der seit Monaten die Pleitegeier kreisten, stockte der Atem. Sie japste richtiggehend nach Luft. Hahaaaaahhhhhmmmm. Dann fing sie an zu zählen. Sie zählte und zählte – das dauerte! Und was soll ich euch sagen? Es waren 2 Millionen Euro. 2 Millionen! Habt ihr schon mal 2 Millionen gezählt? Als sie endlich fertig war, wollte Hilke Tom davon berichten, aber dazu kam es ja nicht. Besser so. Wer weiß, was die Transuse gemacht hätte. Jedenfalls. Hilke versteckte die Tasche mit den zwei Millionen in ihrer 1-Zimmer-Wohnung. Gar nicht so leicht. In der Spülmaschine schien ihr ein geeigneter Platz. Sie drehte das Wasser ab und schickte eine WhatsApp-Nachricht an Tom.

    „Muss dich treffen. In 30 Minuten im ‚Abhängi‘!“ Dass sie Tom dort traf, wisst ihr bereits. Aber zwischen Spülmaschine und Abhängi passierte noch etwas.

    Während Hilke noch mit Geldzählen beschäftigt war, fuhr auf der anderen Straßenseite ein dunkler Lieferwagen vor, ein bisschen holprig, denn der Fahrer hatte erst kürzlich seinen Führerschein gemacht. Im Wagen saßen Juri und Andrzej aus Polen, die in Deutschland versuchten, Geld für den Lebensunterhalt ihrer vielköpfigen Familien zu verdienen. Beide streng gläubige Katholiken, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Da es unglaublich schwierig ist, an Geld zu kommen, hatten sie diesen nicht ganz sauberen Job angenommen: arglosen Mitmenschen gegen Barzahlung der ersten Rate einen superschnellen, aber nur in der Fantasie existierenden Glasfaserkabelinternetanschluss andrehen (für den Hilke sehr empfänglich gewesen wäre). Zum Ausgleich beteten die beiden viel und sprachen sich gegenseitig Mut zu. Bekommen hatten sie die Arbeit, weil sie entgegen ihres Charakters ein bisschen schmierig und gefährlich aussahen. Juri mit Pornobalken über den dicken Lippen und zurückgegelten Haaren, Andrzej aufgrund einer seltenen Augenkrankheit stets mit verspiegelter Sonnenbrille, tiefen Aknenarben aus seiner Jugendzeit und einer schwarzen Lederjacke, die sein verstorbener Bruder ihm vermacht hatte. Nostalgiker, alle beide. Während sie noch im Wagen saßen, sagte Andrzej:

    „Wieso haben sie uns ausgerechnet einen dunklen Lieferwagen gegeben? In Krimis haben die Schufte immer solche Autos. Was Weißes wäre viel besser gewesen.“

    In dem Moment klingelte Juris Handy. Der allmittägliche Anruf seines dreijährigen Söhnchens Lukasz vorm Schlafengehen. Der Kleine sang seinem Papa was vor, während dem treusorgenden Vater in der Ferne dicke Tränen in den salzwassergetränkten Schnauzbart tropften und Andrzej ergriffen seine Hand drückte. Nun, als die rührende Szene vorbei war, studierten die beiden ihre Adressliste. Hilke Baumann.

    Es war Kismet. All ihre Sorgen waren verpufft.

    Nachdem Hilke die Tasche in der Spülmaschine verstaut hatte, schlenderte sie die paar Stufen von ihrer Hochparterre-Wohnung in Hochstimmung zur Haustür. Ihr waren soeben zwei Millionen Euro vor die Tür gestellt worden. Die Haustür war geschlossen gewesen. Niemand im Haus wusste etwas. In ihrem Kopf war es dann ganz schnell gegangen: Sie war jetzt die rechtmäßige Besitzerin des Geldes. Es war Kismet. All ihre Sorgen waren verpufft. Und diese großartige Neuigkeit wollte sie nun mit Tom teilen. Der Typ ist sexy, keine Frage – aber meiner Meinung nach eine völlig hohle Fritte. Doch wen interessiert schon meine Meinung …

    Als Hilke die Haustür öffnete, standen dort zwei Typen. Zwielichtige Gestalten in dunklen Klamotten. Verspiegelte Sonnenbrille, Lederjacke, Gelhaare – Ganoven! Der größere sagte mit rollendem R:

    „Suche Frau, äh…“ schaute auf einen zerknitterten Zettel in seiner unglaublich großen Hand und vollendete den Satz mehr schlecht als recht „…Ilke Baumann. Kennen?“

    Hilke schaute ihn an, als stünde sie in einem Feuerkreis, während es Geldscheine regnet. Verdammt, so schnell hatten sie herausgefunden, wer das Geld hatte?

    „Nein, bin nur zu Besuch hier!“, sagte sie sehr kurz angebunden, während der Muskel unter ihren Rippen einen wilden afrikanischen Tanz vollführte. Sie sah so verschreckt aus, dass Juri Mitleid bekam und die Hand ausstreckte, um ihr, die seiner lang nicht gesehenen Schwester Ilonka in jungen Jahren so sehr ähnelte, den Arm zu tätscheln. Hilke schrie auf.

    „Bitte tun Sie mir nichts!“

    Juri schreckte zurück, während sich die junge Frau zwischen den beiden hindurchdrängte und schnell, aber sehr steif davonlief, als hätte die Natur ihre Knie ausgespart. An der nächsten Ecke drehte sie sich extrem auffällig um – sie konnte nicht anders, denn sie war emotional ferngesteuert – und sah die beiden Ganoven (was sollten sie anderes ein?) in einen schwarzen Lieferwagen einsteigen. Genauso wie sie es aus Krimis kannte. Die restlichen 150 Meter zum Café rannte sie schneller, als sie es je bei den Bundesjugendspielen vermocht hätte. Tom saß bereits an ihrem Stammplatz und starrte mit sinnentleerten Augen auf sein Smartphone, während sie hechelnd und immer wieder mit den Augen den Außen- und Innenraum sowie Gäste und Passanten abtastend wie eine lauernde Katze auf ihn zu schlich.

    Als sie zufällig aus dem Fenster schaute, sah sie einen dunklen Lieferwagen vorbeifahren.

    Das Gespräch zwischen Hilke und Tom war ziemlich einseitig und uninformativ, wie ihr bereits wisst. Dass die beiden vermeintlichen Ganoven, die offensichtlich auf der Suche nach dem Geld waren und Hilke bereits ins Visier genommen hatten, lediglich zwei vollkommen harmlose Kleinkriminelle waren, wusste sie nicht. Und hier beginnt der ganze Irrsinn …

    Nachdem der Lieferwagen – seltsamerweise ohne quietschende Reifen – verschwunden war, kehrte Hilke in ihre Wohnung zurück. Dabei drehte sie sich auf den 500 zurückzulegenden Metern etwa 100 Mal um die eigene Achse. Die Passanten begannen schon, über sie zu sprechen. Zuhause angelangt, versuchte sie die Haustür mit dem Schlüssel ihrer Eltern, dem Kellerschlüssel, dem Fahrrad- und dem Briefkastenschlüssel zu öffnen, bevor ihre zitternden Hände endlich das richtige Öffnungswerkzeug am Schlüsselanhänger „Süße Maus“ gefunden hatten.

    Wie sie es aus dem Tatort kannte, machte sie kein Licht, sondern schlich mehr oder weniger lautlos in die Küche (wenn man davon absieht, dass sie geräuschvoll über ihre Puschen direkt auf Omis gedrechselten Stuhl fiel, der knallend zu Boden ging und Nachbar Detlef aus einer Yoga-Yaga-Vaga-Übung riss). Endlich angekommen, zog sie die verhängnisvolle Tasche aus der Spülmaschine und drückte sie sich innig ans Herz.

    „Ich geb dich nie mehr her!“ wisperte sie in Gollum-Manier und entsann einen Plan. Noch in der Nacht rechnete sie aus, wieviel Geld auf ihrem Konto sein musste, um sämtliche Daueraufträge für ein Jahr zu decken. Strom und Wasser hatte man ihr eh schon abgestellt – umso besser, denn Hilke würde die Stadt verlassen. Mit der Tasche. Am nächsten Morgen war sie die erste Kundin in der Sparkasse und zahlte das notwendige Geld fürs Jahr in bar ein. Der Bankangestellte sah sie zweifelnd an, während er die Echtheit der Scheine prüfte. Hilke war peinlich berührt.

    „Ja, ich hab Geld von meinem Opa bekommen, sie wissen ja, wie die alten Leute sind …“

    Währenddessen war der 26-jährige Student Lutz nur wenige Kilometer entfernt in seinem jüngst erworbenen dunklen Lieferwagen unterwegs zu seinem Opa Herbert, der ihm das Geld dafür überlassen hatte. Endlich könnte Lutz ganz flexibel Europa bereisen – ein Traum, den Opa Herbert bestens nachvollziehen konnte. Sobald Lutz den Wagen ausgebaut haben würde, sollte es losgehen. Aber vorher würden Großvater und Enkel gemeinsam den Kauf begießen. Mit einer guten Flasche Piesporter Goldkehlchen, beste Mosellage, die der alte Herr extra aus dem Keller heraufgeholt hat. Die entscheidende Information aber, die ich euch geben muss, ist: Opa Herbert wohnt in derselben Straße wie Hilke. Er in Nummer 38, sie im Eckhaus mit der Nummer 17. Während Lutz sich also der Straße näherte, kehrte Hilke aus der Bank zurück und packte das Geld in eine Plastiktüte, die sie sorgfältig zusammen mit den notwendigsten Habseligkeiten in ihren Wanderrucksack stopfte. Als sie zufällig aus dem Fenster schaute, sah sie einen dunklen Lieferwagen vorbeifahren.

    „Oh Gott!“ Es war also schon zu spät für eine zivilisierte Flucht. Sie würde aus dem Fenster springen müssen.

    Lutz hatte bereits während der Hinfahrt bemerkt, dass der klapprige Lieferwagen immer wieder hustete und stotterte. Just als er in Opa Herberts Straße einbog, verabschiedete sich der Motor, und Lutz schaffte es gerade noch auf den Parkstreifen zu rollen. Vor der Nummer 17 hauchte das Vehikel sein Leben aus, und Lutz machte sich zu Fuß auf die letzten Meter zum Ziel.

    Die gedungenen Mörder waren also schon auf dem Weg in ihre Wohnung.

    Zur selben Zeit zog Hilke in aller Hast ihre rosa Lieblingsjacke mit blauen Punkten über, schulterte den Rucksack und öffnete das Fenster. Vor ihrem inneren Auge sprang Wonderwoman anmutig wie eine Gazelle von einer Klippe. Vor den Augen der Nachbarin von gegenüber fiel Hilke wie ein schwerer, nasser Sack von der Fensterbank und kam ziemlich unglücklich auf. Sie humpelte vorsichtig zur Hausecke und spinxte um die Ecke in ihre Straße. Der Lieferwagen hatte inzwischen vor ihrem Haus geparkt, kein Mensch war zu sehen. Die gedungenen Mörder waren also schon auf dem Weg in ihre Wohnung. Was blieb? Die Flucht durch die Gärten der Nachbarschaft …

    Als sie ein abgelegenes Gartenhäuschen gefunden hatte, pausierte sie, um nachzudenken. Sie hatte genügend Thriller gelesen, um zu wissen, dass sie ihr Handy loswerden musste. Bloß nicht nachverfolgbar sein! Außerdem wussten die Schweine, wie sie aussah. Sie musste sich verändern. Im Gartenhaus fand sie eine rostige Schere, mit der sie beherzt ihr langes Haar abschnitt. Prinz-Eisenherz-Pottschnitt mit schrägem Pony. Mit etwas gutem Willen würde das als eigenwillig-modern durchgehen. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und machte sich auf den Weg zu C&A. Dort würde sie sich ein paar neue Klamotten, Hüte, Brillen, Schals und eine unauffällige Jacke anschaffen, um dann bis auf weiteres zu verschwinden. Doch zuvor zerschnitt sie mit der Rosenschere ihre SIM-Karte, die sie gemeinsam mit dem Handy in einen Mülleimer am Wegesrand warf. Sie hatte zum Glück immer noch ihr analoges Adressbüchlein mit van-Gogh-Design, das sie mit in den Rucksack getan hatte. Tom würde sie eine Mail schicken von irgendeinem Internetcafé aus. Geld hatte sie ja zum Glück im Übermaß, sie würde also keinen Bankautomaten aufsuchen müssen. Nur wie kam sie weg, ohne irgendwelche Tickets zu buchen? Sie wusste schließlich nicht, wie gut diese Kriminellen organisiert waren. Und wo sollte sie hin? Als sie C&A verlassen hatte und auf dem Weg über die Wirtschaftswege Richtung Autobahn war, kam ihr die Idee! Sie würde versuchen, die französische Kommune zu erreichen, in der sie nach dem Abi ein paar Monate verbracht hatte. Nahe einer kleinen südfranzösischen Gemeinde am Arsch der Welt würde man sie nicht finden. Hinkommen müsste sie per Anhalter. Die Idee war genial. Acht Stunden später hatte sie die ersten 320 Kilometer bis Karlsruhe geschafft.

    Es war dunkel und Hilke hundemüde. Sie war an einer Autobahnraststätte gestrandet, wo sie Pommes und Kaffee zu sich nahm, dann das Papierset vom Tablett nahm und „France“ auf die Rückseite schrieb. Nachdem sie 10,40 Euro bezahlt hatte, was ihr an diesem Tag – ganz anders als in sämtlichen vorangegangenen Jahren ihres Erwachsenenlebens – kein bisschen weh tat, suchte sie den Parkplatz nach französischen Nummernschildern ab. Im selben Moment fuhr langsam ein dunkler Transporter auf den Parkplatz. Hilke machte einen Hechtsprung ins Gebüsch, ein Schwarm Vögel stob aus dem Unterholz auf und ihre Hand glitschte auf etwas aus. Der Lieferwagen kam direkt neben ihr zum Stehen und heraus blickte eine junge Frau mit Dreadlocks.

    „Alles okay bei Ihnen?“ Hilke hyperventilierte sich aus dem Grünstreifen heraus und japste.

    „Nein, nein, alles gut.“

    „Entspann dich“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen, während sie auf die Toilette zusteuerte, um die Fäkalien von ihrer Hand zu waschen, in denen sie sich abgestützt hatte. Als sie wieder heraustrat, kamen ihr drei Frauen entgegen.

    Ihr Französisch war etwas eingerostet, aber das würde schon wieder werden.

    „Können wir disch mitnehmen? Wir aben dein Schild gese’en. Du möschtest nach France?“

    „Ja, fantastisch, wohin fahrt ihr denn genau?“

    „Lyon“, lautete die Antwort. Jetzt lief es wie am Schnürchen. Lyon – von da war es nicht mehr weit. Sie stieg hinten in den altersschwachen Renault der lustigen Damen ein und sank alsbald in einen tiefen Schlaf, den Rucksack fest im Arm. Es dämmerte, als Hilke am Busbahnhof von Lyon aus dem Wagen der hilfsbereiten Französinnen ausstieg. Der nächste Bus nach Montpellier fuhr um 9.40 Uhr. Hilke kaufte ein Ticket. Ihr Französisch war etwas eingerostet, aber das würde schon wieder werden. In der „Bar du Terminal“ orderte sie einen Café Crème und versuchte sich wieder ein bisschen „einzuhören“. Hatte sie das richtig verstanden? Unterhielten sich die drei alten Männer am Nachbartisch über einen Raub in Deutschland?

    „Un vol en Allemagne?“ Am Flughafen? Ach so, nein, die Schwiegertochter des einen hatte einen Flug nach Deutschland gebucht. Un vol vers l’Allemagne. Nur nicht durchdrehen. Jetzt schaute einer von ihnen rüber. Sie schaute weg. Nur nicht auffallen. Ganz ehrlich – wieso sie meinte, diese alten Recken könnten ihr was wollen, ist mir schleierhaft. Jedenfalls ging sie zur Toilette, um sich in Ruhe zu vergewissern, dass ihr Geld noch in der Tüte war. Als sie zurückkam, starrten sie die drei alten Herren unverhohlen an.

    „Êtes-vous cette actrice canadienne?“, fragte sie der offensichtliche Wortführer, dessen Haut wie ihre alte Ledertasche vom Flohmarkt aussah. Hilke war der einzige andere Gast im Lokal.

    „Moi?“ Nein, sie war keine Schauspielerin – hahaha. Obwohl… Irgendwie schon. Aber jedenfalls keine kanadische. Beim Bezahlen gönnte sie sich noch eine Packung Gauloises, obwohl sie nicht rauchte, es aber für ratsam hielt, so französisch wie möglich zu erscheinen. Unauffällig zu sein. Als sie in den Bus einstieg, übersah sie die vierte Stufe, die es zu überwinden galt, und schlug mit lautem Getöse in den Gang. Die Gespräche der bereits auf ihren Sitzen befindlichen Mitreisenden verstummten, sodann sprang ungefähr die Hälfte von ihnen auf, um ihr zu helfen. Ohlala! Jetzt hatte sie jeder im Bus gesehen – mehr noch: Dass sie keine Französin war, hatten sie an ihrem Gestotter sicher bemerkt.

    „Äh. Merci. Äh. Pardon. Äh.“ Da halfen auch keine gallischen Zigaretten.

    Die viereinhalb Stunden bis Montpellier hatte sie unbewegt wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht auf ihrem Platz verbracht. Als sie den Bus verließ, war ihr Entschluss gereift, die letzte Etappe besser wieder per Anhalter hinter sich zu bringen. Zu viele Menschen waren ihr unheimlich. Da hatten die potenziellen Verfolger zu viele Optionen, in der Menge unterzutauchen und unbemerkt zu bleiben. Am Busbahnhof in Montpellier wechselte sie das Outfit, setzte eine andere Brille auf und eine Mütze. Außerdem kaufte sie im nahegelegenen Kaufhaus „Le Bon Marché“ eine ganze Palette an Haarfarben. Ihr meint, sie habe übertrieben? Möglicherweise. Vom Busbahnhof aus folgte sie zu Fuß den Schildern Richtung Autobahn. Als sie einen Zubringer erreicht hatte, stellte sie sich mit einem Schild „Millau“ an den Straßenrand. Keine 5 Minuten später hielt ein roter Bulli mit deutschem Nummernschild. Argwöhnisch lugte Hilke hinein. Eine orange gekleidete Frau mittleren Alters rief:

    „Millau, oui!“

    „Sind Sie allein?“, entgegnete Hilke. Die Frau war erstaunt.

    „Ja. Toll, dass du deutsch sprichst, mein Französisch ist miserabel.“ Tatsächlich sah der Bulli ziemlich leer aus, und Hilke kletterte auf den Beifahrersitz.

    „Ich bin Lakschmi“, sagte die Orange. „Und du?“

    „Ich heiße Nina“, sagte Hilke. Bloß nichts über ihre Identität preisgeben. Besser zur Offensive übergehen, bevor sie ausgefragt wurde. Eine gute Taktik, denn Lakschmi war ausgesprochen auskunftsfreudig.

    „Und was willst du in Millau, Lakschmi?“ Es stellte sich heraus, dass die hilfsbereite Bullibesitzerin auf dem Weg zu einem Ashram auf dem Larzac, dem sich neben Millau erhebenden Berg, unterwegs war. Das traf sich! Die Kommune lag ebenfalls auf dem Larzac. Lakschmi war eine Sannyasin, eine Anhängerin des Gurus Bhagwan. Hilke lächelte und nickte hin und wieder. Lakschmi war so nett, am Bahnhof von Millau kurz anzuhalten. Hilke suchte sich eine ruhige Ecke, nahm einiges Bargeld aus der Plastiktüte, verstaute es in ihrem Portemonnaie und deponierte die Tüte dann in einem Schließfach, das für 48 Stunden 2 Euro kostete. Fast 2 Millionen Euro mit in die Kommune zu nehmen, wo in Gemeinschaftssälen, Zelten oder Hängematten geschlafen wurde, war ihr zu heikel.

    In einer Kommune herrschte doch sicher eine ziemliche Fluktuation?!

    Lakschmi setzte Hilke etwa 20 Minuten später auf der Hauptstraße des Hochplateaus auf dem Larzac ab und Hilke ging die letzten Kilometer zu Fuß. Sie erreichte die Kommune rechtzeitig zum Abendessen. Der junge Typ an der Rezeption sagte ihr, es sein kein Problem, sie eine Weile aufzunehmen. Sie hoffte, dass niemand von damals mehr hier war. In einer Kommune herrschte doch sicher eine ziemliche Fluktuation?! Nachdem sie ihr Bett im Schlafsaal zugewiesen bekommen hatte, fand sie sich im Essraum ein. Der greise Kommunenanführer Hervé, von dem Hilke angenommen hatte, er hätte längst das Zeitliche gesegnet, erkannte sie sofort, obwohl 15 Jahre ins Land gegangen waren. Er begrüßte sie vor einem kleinen Kreis Umstehender enthusiastisch:

    „Ilk! Was für eine schöne Pläsier, dass du wieder bei uns bist!“

    Sie tauschten Küsschen, wie man es in Frankreich macht. Dabei flüsterte sie ihm ins Ohr:

    „Hervé, ich heiße nicht mehr Hilke, ich bin jetzt Lakschmi.“

    Ein anderer Name fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.

    „Ah bon!“, er lächelte verständnisvoll. „Du bist jetzt also eine Sannyasin?“

    „Wie bitte?“

    „Bhagwan, Osho?!“

    „Bhagwan, Sannyasin? Ach so, ja, jajaja, klar.“ Das kam ihr gerade recht – eine Sekte! Das Problem an der Sache war nur, dass Hervé vor dem gemeinsamen Abendessen verkündete, wie sehr er sich über Ilks Rückkehr freute, die jetzt als Sannyasin Lakschmi hieß, was wiederum dazu führte, dass die Kommunenmitglieder nach dem Essen begannen, sie auszufragen darüber, wie es war eine Sannyasin zu sein, warum sie nicht in Orange gekleidet sei und vieles mehr. Hilke kam in arge Bedrängnis – sie wusste nicht einmal, ob der Guru noch lebte oder nicht – hätte sie mal besser aufgepasst statt jetzt nach Ausreden zu suchen. Sie versuchte also, das Ganze mit einem von Weisheit erleuchteten Gesichtsausdruck wegzulächeln und verabschiedete sich bald mit dem Hinweis, es sei Zeit für ihre Meditation.

    Während Hilke sich von einer namenlosen Tramperin in eine Nina und dann eine Lakschmi verwandelte, rätselten daheim Tom und Britta über ihren Verbleib und ihr merkwürdiges Verhalten vor ihrem Verschwinden.

    Hilke war tatsächlich angekommen. Sie machte noch einen kleinen Spaziergang über das Gelände. Da wurde ihr plötzlich schlagartig klar, dass sie sich bei Tom melden musste, bevor er zur Polizei ging und man anfing, sie zu suchen. Schlimm genug, dass diese Ganoven hinter ihr her waren. Die Kommune hatte sich in den letzten 15 Jahren ziemlich gemausert: Es gab einen Computer, den jeder nutzen durfte, aber man musste sich basisdemokratisch abstimmen, wann … Der nächste Termin war in 20 Minuten. Sie war nervös. Vielleicht sollte sie tatsächlich mit dem Meditieren anfangen. Als sie endlich am Computer saß, vergewisserte sie sich zunächst, dass der Bildschirm von nirgendwo einsehbar war. Dann suchte sie nach hack.chat, einem absolut sicheren Mail-Dienst, von dem im letzten Tatort die Rede gewesen war. Gab es den wirklich? Tatsächlich! Sie legte sich eine Adresse zu und schrieb:

    „Hallo Tom, mach dir keine Sorgen, mir war nach einem Tapetenwechsel, ich komme bald wieder. Bitte lass alle wissen, dass ich wohlauf bin und schreib mir nur noch an diese Adresse. Mein Handy hat den Geist aufgegeben😉 – Küsschen, Hilke“

    So, das war erstmal erledigt. In Kürze würde sie sich aus der Ferne von ihrem hübschen, aber nicht sehr schlauen Freund trennen. Wenn sie etwas brauchte, dann wäre es ein Komplize, nicht ein Dämlack wie Tom. In dieser Nacht schlief sie wie ein Stein – nicht wie ein unbeweglicher Felsen, sondern wie ein Flusskiesel, den man übers Wasser hüpfen lässt. Sie wälzte sich mal hierhin, mal dorthin und gab gurgelnde Geräusche von sich, mit denen sie mal wieder viel Aufmerksamkeit auf sich zog.

    Was war in den Kartons gewesen? Eine Nachricht für Sie? Toms Kopf?

    Am nächsten Tag wurde Hilke „Ilk“ alias Lakschmi für die Küchenarbeit eingeteilt bis zur basisdemokratischen Réunion drei Tage später, bei der wöchentlich die Aufgaben verteilt wurden. Der Koch, Jean-Yves, war ein mürrischer, schweigsamer Typ, mit dem sie bestens auskam. Je weniger geredet wurde, desto besser. Ebenfalls in die Essenszubereitung involviert war die schüchterne Schottin Mary, deren Englisch Hilke ebenso wenig verstand wie deren Französisch, weshalb hier die Kommunikation auf non-verbale Mittel beschränkt blieb. In der Mittagspause döste Hilke unter einer großen Platane. Da kam der Rezeptionstyp, Yvan, zu ihr herübergeschlendert.

    „Sex?“, fragte er.

    „Was?“ entgegnete sie empört.

    „War ja nur eine Frage – wir sind hier schließlich eine Kommune. Ich dachte, du hast vielleicht auch Lust.“

    „Ach nö, grad nicht. Sorry.“ Sie erinnerte sich. Damals mit 19 hatte sie das alles sehr spannend gefunden. Jetzt gerade hatte sie wirklich andere Sorgen als diesen Lustmolch, der sich mit über seinem Gemächt gespannter Hose trollte. „Bleah, igitt – jeder mit jedem, was hat mich damals geritten?“, dachte Hilke. Meiner Meinung nach wäre die Frage etwas anders zu stellen. Aber was macht das schon.

    Kurze Zeit später sah sie einen dunklen Lieferwagen auf das Gelände rollen und sprang auf. Aus der Ferne sah sie zwei dunkel gekleidete Kerle Richtung Kücheneingang gehen. Sie trugen irgendwelche Pakete. Wenige Minuten später kehrten sie zum Lieferwagen zurück und brausten davon. Was war in den Kartons gewesen? Eine Nachricht für Sie? Toms Kopf? Eine tote Katze und eine Grußkarte: „Wir wollen das Geld, sonst bist du bald so tot wie dieses Tier“? Hilke wurde heiß und kalt. So mussten sich die Wechseljahre anfühlen, aber jetzt war es nur ein Wechselbad der Gefühle. Panik, Neugier, Schrecken, Fluchtgedanken, Hoffnung. Sie bemühte sich, beiläufig zur Küche zu gehen, dabei schwankte sie, als hätte sie zu viel Pastis unter der französischen Sonne getrunken. Jean-Yves war ungerührt damit beschäftigt, eine Palette glückliche Bio-Eier in eine Schüssel zu schlagen und schenkte ihr keinerlei Beachtung.

    „Salut“, sagte sie. Er brummte. „Ist was für mich abgegeben worden?“

    „Klar“, entgegnete er. Sie erschauderte. „Ein Haufen Arbeit, also – vite! Kartoffeln schälen!“

    „Was haben die beiden Typen gewollt?“, fragte sie so beiläufig, als wären gerade Freddy Krueger und Travis Bickle durch die Küche gelatscht. Jean-Yves warf ihr einen schrägen Blick zu.

    „Welche Typen?“

    „Na, die beiden mit den großen Paketen“.

    „Jacques und Rémy aus Roquefort mit der Käselieferung waren die letzten Typen, die ich hier gesehen habe – die sind vor 10 Minuten wieder in ihren Lieferwagen gestiegen und abgefahren. Meinst du die? Hast du dich verliebt? Soll ich den Kontakt herstellen oder was?“

    Jean-Yves hatte mehrere Sätze am Stück gesprochen, das ging ihm gegen den Strich. Er warf ihr einen Sparschäler zu und machte eine unwirsche Handbewegung Richtung Kartoffeln. Er hatte sicher noch nie jemanden gesehen, der sich so heiter den Erdäpfeln widmete wie Hilke an diesem Tag. Zudem hatte sie bei ihrem letzten Ausflug nach Millau eine Postkarte gekauft – wie in jeder verschlafenen französischen Kleinstadt hatte sie eine Sarah-Kay-Postkarte aus den 70ern ergattert, die man absolut keiner Provenienz zuordnen konnte. Sie schrieb an ihre Eltern.

    „Liebe Mami, lieber Papi, ich habe mich auf eine Reise begeben, zurzeit läuft ja eh nicht viel. Mir geht’s gut, ich melde mich wieder. LG Hilke“, adressiert an die Anschrift ihrer Eltern in Germany. Als Mary drei Tage später nach Schottland zurückkehrte, drückte sie ihr die Karte und einen 5-Euro-Schein in die Hand mit der Bitte, die Karte von Edinburgh aus abzuschicken. Falsche Fährten legen! „A joke!“, erläuterte Hilke. Mary nickte, lächelte – und verschwand aus dieser Geschichte.

    Olaf. Er sprach kaum und verhielt sich merkwürdig.

    Etwa zehn Tage nach Hilkes Ankunft in der Kommune tauchte Olaf auf. Olaf. Er sprach kaum und verhielt sich merkwürdig. Was in der Kommune niemand wusste: Olaf war Biologe. Sein Fachgebiet waren seltene Bergblumen. Er war einer Spezies auf der Spur, die es angeblich nur auf dem Larzac gab. Da er seit Jahren erfolglos forschte und sein Budget äußerst begrenzt war, hatte er eine günstige Möglichkeit zur Übernachtung gesucht. Ich meine, ist doch klar, dass so jemand im Laufe der Zeit sonderbar wird. Da er sich zwar an den täglichen Arbeiten beteiligte, aber ansonsten nichts über sich preisgab, beäugte Hilke ihn misstrauisch und achtete stets darauf, nicht mit ihm allein zu sein. Alle zwei Tage ließ sie sich von irgendwem nach Millau mitnehmen, um die 2 Euro ins Schließfach zu werfen. An Tag 12 ihres Aufenthalts war es wieder so weit. Da niemand nach Millau musste, machte sie sich auf den Weg zur Hauptstraße, um per Anhalter zu fahren. Sie nahm einen kleinen Pfad, der sich durch die Felsenlandschaft schlängelte. Plötzlich stand sie Olaf gegenüber, der ein Sträußchen Blumen in der Hand hielt. Sie erstarrte. Er ebenfalls. Dann schaute er auf die Blumen und sagte:

    „Les belles mortelles. Haben eine lange Tradition als Grabblumen.“

    Dann warf er ihr einen rätselhaften Blick zu. Hilke beeilte sich an die Straße zu kommen. Was wollte er ihr sagen? Die schönen Sterblichen? War das eine Warnung? Sie konnte ja nicht ahnen, dass dies der botanische Name der seltenen Blume war. Hilke dachte über ihre Flucht nach, Olaf wollte ihr ans Leder, sie ins Grab befördern, das war ihr jetzt ganz klar. Natürlich erst, wenn er ihr ihren Fast-2-Millionen-Schatz abgenommen hätte. Sie würde in den Schlafsaal schleichen und sich dann mit ihrem Rucksack davonmachen. Sie wusste von einem Gehöft, das Ziegenkäse produzierte. Dort wollte sie unter neuer Identität Arbeit finden.

    Es gelang. Hilke war mit ihren Sachen auf dem Weg zur „Fromagerie Pasteur“, 20 Kilometer von der Kommune entfernt. Sie hatte sich die Haare an einem Bach platinblond gefärbt (so eine Umweltsauerei, das hätte sie in ihrem vorigen Leben niemals getan, aber jetzt ging es eben um mehr, es ging ums ÜBERleben!) und war nun mit neuer Identität unterwegs. Als Nora heuerte sie an und bekam eine Kammer zugeteilt. Nachdem sie sich häuslich eingerichtet hatte, indem sie ihren Rucksack unter den Schrank geschoben hatte, trat sie aus dem Zimmer. Zeitgleich öffnete sich die Tür neben ihrer. Heraus kam: Lakschmi! Verdammt!

    „Nina! Tolle Haarfarbe!“

    „Was machst du denn hier?“, stotterte Hilke.

    „Na, ich hab mich hier für ein paar Tage eingemietet. Im Ashram war’s so trubelig.“

    Von unten rief die Chefin herauf:

    „Nora, du kannst jetzt mit der Arbeit beginnen!“

    Lakschmi schaute fragend.

    „Wer ist denn Nora?“

    Hilke fragte sich, wie sie aus der Situation wieder herauskommen sollte.

    „Äh, ja,“, sie wurde rot, räusperte sich, verschluckte sich, hustete, „das bin ich.“

    „Du? Aber du bist doch Nina!“

    „Jetzt nicht mehr, also du …“, sie hatte einen Geistesblitz, „du warst doch auch nicht immer Lakschmi, oder?!“

    Lakschmi sah sie befremdet an.

    „Bei uns Sannyasin nimmt man einen neuen Namen an, wenn man der Gemeinschaft beitritt. Und welcher Gemeinschaft bist du beigetreten?“

    Hilke war drauf und dran, die Kommune als Grund für die Namensänderung vorzuschieben, besann sich aber gerade rechtzeitig eines Besseren. Sie biss sich auf die Unterlippe, während Lakschmi erwartungsvoll dastand.

    Sie hoffte einfach, Lakschmi würde die Klappe halten und ihr ihre hanebüchene Geschichte abkaufen.

    „Aaaalso … also ich hatte diese Namensänderung beim Amt vor längerer Zeit beantragt und habe gestern erfahren, dass der Antrag durch ist.“

    „Ach, ich dachte, das geht nur in Ausnahmefällen“, argwöhnte Lakschmi. Wieso war die Orange denn jetzt so nervig, wo sie doch sonst nichts als Peace im Hirn hatte.

    „Jaaaa … ach, es gab viel Gewalt bei mir zuhause. Traurige Geschichte, ich will jetzt gar nicht jammern oder so. Aber ich habe mit meinem Namen immer unschöne Erinnerungen verbunden. Musste ich alles auf dem Amt aufrollen, war schwer. Hm. Also: Ab jetzt bin ich Nora.“ Sie versuchte, ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

    „Lakschmi, bitte respektiere das, es ist echt wichtig für mich, mich von meinen Traumata und meinem belasteten Namen zu trennen. Ich BIN JETZT NORA.“

    Lakschmi sah betroffen drein. Hatte sie sie überzeugt? Hilkes Gedanken verhedderten sich, und sie fürchtete, dass ihr bald die Ausreden ausgehen würden. Zum Glück sagte Lakschmi nur bedeutungsschwer:

    „Alles klar. Ich werde für dich chanten.“ Hilke, die nun Nora hieß, beeilte sich dem Ruf der Chefin zu folgen und fragte sich, was genau Lakschmi zum Chanten bewog: dass sie eine arme Traumatisierte war oder eine himmelschreiende Lügnerin. Sie hoffte einfach, Lakschmi würde die Klappe halten und ihr ihre hanebüchene Geschichte abkaufen.

    Bereits am nächsten Tag, während Hilke ins Ziegenmelken eingeführt wurde, kam es zu einem Zwischenfall. Als sie gerade den Stall verließ, kam ihr der notgeile Yvan entgegen.

    „Eh, salut …“ – weiter kam er nicht, denn Hilke drehte sich auf dem Absatz um und rannte zu ihrer Kammer, wo sie sich einschloss und vom Fenster aus beobachtete, wie das Sexmonster sich mit ihrer neuen Chefin unterhielt, die hin und wieder verstohlen in ihre Richtung linste. Nachdem Yvan mit einer großen Kühltasche gegangen war, kam Hilke wieder heraus. Mist, sie war aufgeflogen. Sie musste nochmal wechseln. Die Chefin sagte:

    „Da war gerade einer von den Kommunarden, die hier immer ihren Ziegenkäse kaufen, der fragte, seit wann denn Lakschmi hier ist. Ich hab gesagt, seit vier Tagen. Da meinte er, das sei unmöglich, sie sei bis gestern in der Kommune gewesen. Sehr seltsam.“

    Die Haare wurden Apfelgrün. Ziemlich auffällig hier in der Provinz, aber es ließ sich jetzt nicht ändern.

    Erwartungsgemäß erklärte Lakschmi später, sie kenne die Kommune nicht. Das Ganze war Hilke trotzdem zu heikel. Sie beschloss schleunigst wieder abzureisen. Trotz aller Befürchtungen fand sie eine plausible Ausrede: Ihr Vater sei krank, sie müsse nach Hause zurück, erklärte sie und machte sich mal wieder auf den Weg zum Bahnhof in Millau. Sie warf die 2 Euro ins Schließfach und färbte sich erneut die Haare, diesmal auf der Bahnhofstoilette. Sie sollten schwarz werden, aber offenbar war die chemische Veränderung von Platinblond zu Ebenholzschwarz keine gute Idee. Die Haare wurden Apfelgrün. Ziemlich auffällig hier in der Provinz, aber es ließ sich jetzt nicht ändern. Sie fragte ein bisschen herum und erfuhr, dass es auf dem Larzac, gut 50 Kilometer von der Kommune und ebenso weit von der Käserei entfernt einen Reiterhof gäbe. Derweil erzählte Yvan allen, die es wissen wollten (oder auch nicht), Lakschmi wäre jetzt blond und bei der Ziegenkäserei beschäftigt. Die ganze Gegend sprach über die seltsame Ausländerin, die offenbar Identitätsprobleme hatte.

    Bevor sie zum Reiterhof aufbrach, bestellte sich Hilke am zentralen Platz von Millau einen Kaffee und suchte die Toilette der „Bar de la Place“ auf. Als sie zurückkehrte, sah sie zwei Männer draußen sitzen. Mit dem Rücken zu ihr. Gegeltes Haar, Lederjacke. Spontan setzten die Wechseljahre ein. Heiß, kalt, heiß, kalt. Bevor sie flüchten konnte, stand der Lederjackenmann auf und drehte sich zu ihr um. Er war eine Frau. Typ Monica Bellucci mit öliger Kurzhaarfrisur. Das war alles zu viel. Hilke wurde ohnmächtig, ging mitsamt Kaffeehausstuhl zu Boden und wachte kurz darauf neben der Theke auf. Sie war fertig mit den Nerven. Fertig mit den Nerven, aber reich. Also gönnte sie sich ein Taxi zum Pferdeparadies, das nun ihr neues Zuhause werden sollte.

    Mit grünen Haaren und dem neuen Namen Lola checkte sie im Reiterhof der lebhaften Isabelle ein. Arbeit gab es zurzeit keine, aber sie könne sich gern als Gast einmieten. Ein bisschen Abstand und Erholung würden ihr guttun. Auf die Frage nach ihrem Personalausweis, die ihr nun erstmals gestellt wurde, täuschte sie vor, ihn grad nicht zu finden, aber eine Anzahlung sei kein Problem. Mittlerweile war sie ein Ausreden-Profi. Hilke fand nach ein paar Tagen mit den Pferden Gefallen am Landleben in Frankreich. Ihr Französisch war inzwischen so gut, dass man kaum noch merkte, dass sie keine Einheimische war. Sie fragte sich, ob sie nicht einfach für immer in „douce France“ untertauchen sollte. Etwa drei Wochen später musste sie ihr gemütliches Domizil wieder verlassen, es kam eine Gruppe an, Isabelle hatte keinen Platz mehr für Hilke. Sie fand eine Mitfahrgelegenheit nach Millau. Am Bahnhof stellte sie mit Schrecken fest, dass sie seit mehreren Wochen kein Geld mehr ins Schließfach geworfen hatte. Die Digitalanzeige forderte jetzt über 300 Euro. So viel hatte sie nicht mehr. Ihr Geld war im Schließfach. Aber für einen Kaffee reichte es noch. Sie setzte sich in die Bahnhofsbar und starrte auf den laufenden Fernseher. Sie war in Gedanken versunken, als ihr plötzlich bewusste wurde, dass Tom auf der Bildfläche flimmerte.

    „Damit hätte ich niemals gerechnet“, sagte er gerade. Dann erschien Hilkes Konterfei auf dem Bildschirm.

    „Gesucht wird diese Frau, die dringend verdächtigt wird, ihrem 94-jährigen Nachbarn Erich Mertens, der tot in seiner Wohnung gefunden wurde, 2 Millionen Euro entwendet zu haben. Das Geld hatte der Rentner kurz vor seinem Tod vom Konto abgehoben.“

    Wieso hatte sie trotz ihrer grünen Haare und der großen Sonnenbrille das Gefühl, alle Blicke seien auf sie gerichtet?

    Soweit ich weiß, hat Hilke noch am selben Tag die 300 Euro für das Schließfach zusammengebettelt („man hat mich bestohlen, ich brauche Geld für die Heimreise“) und ist untergetaucht. Unter welchem Namen und mit welcher Haarfarbe? Was weiß denn ich!

    Das Foto ist in Cucuron (Provence) entstanden.

  • … einem Schwarm von damals

    … einem Schwarm von damals

    Wer war nicht schockverliebt in Jean-Marc Barr, damals, 1988? Ich saß mit meiner französischen Austauschfreundin Sophie in Paris im Kino. Es lief ‚Le Grand Bleu‘ (Im Rausch der Tiefe). Die sphärischen Klänge der Filmmusik lullten mich ein, während ich ein ums andere Mal mit dem schönen, weltentrückten Apnoetaucher ins tiefe Blau hinabglitt. Als ich wieder auf der Straße stand, hatte Jean-Marc Barr alle vom Sockel gestoßen, die ich bis dato angehimmelt hatte: Errol Flynn, John Lennon, Captain Kirk und ein paar Mitschüler. Ich sah den Film natürlich später zuhause noch einmal, fand Jean Reno albern und Rosanna Arquette dämlich, war wieder betört vom hübschen Jean-Marc.

    „Neun Monate haben wir gedreht, und ich bin zweimal fast ertrunken. Dieser Film hat mein Leben verändert.“
    Jean-Marc Barr

    Jahrzehnte habe ich nicht mehr an ihn gedacht – bis ich plötzlich in Dinard vor einer Tür stehe, an der sein Name prangt. Was, hier wohnt Jean-Marc Barr? Nein, natürlich nicht. Auch nicht Catherine Deneuve oder Sandrine Bonnaire. Nein, hier hat der bretonische Badeort den Vorsitzenden seiner Filmfestivaljurys ein Denkmal gesetzt. Nicht, weil die sich hier am Strand umgekleidet hätten für die große Gala, sondern weil die Kojen am Wasser zu den Wahrzeichen der Stadt zählen und sich für eine solche Hommage eignen (wahrscheinlich auch, weil es hier reichlich Türen gibt – es sind noch einige frei. Vielleicht für Omar Sy oder Léa Seydoux?!).

    Als ich aus meinen Erinnerungen aufwache, sehe ich jenseits des Wassers Saint-Malo, erstmals von Dinard aus. Es ist tatsächlich eine völlig neue Perspektive – und die Nachbarstadt ein echtes Kontrastprogramm. Dort die alte Piratenfestung, hier die mondäne Filmstadt mit einem altehrwürdigen Kino, mehreren Grand-Hotels und entspannt-gehobener Atmosphäre. Nahezu alles sehr schön, wenngleich ich auf das Casino hätte verzichten können. Allemal einen Tagesausflug wert, aber ich würde trotzdem immer das nicht weit entfernte Dinan vorziehen; hört sich fast genauso an, ist aber viel malerischer. Empfehlen kann ich für das Logement in Reichweite von Saint-Malo, Dinard und Dinan die Ferienwohnungen von Elodie in Minihic-sur-Rance. Mit viel Liebe zum Detail gestaltet und in einem entzückenden Dorf gelegen. Unten weitere Impressionen aus der Festivalstadt … 

    Alle Fotos sind in Dinard entstanden.

  • … denen da oben

    … denen da oben

    Error – Error – Error

    Um Himmels Willen! Was ist denn jetzt schon wieder? Das rote Lämpchen blinkt regelmäßig, unaufhörlich – und nervtötend. Jedes Blinken wird durch ein akustisches Alarmsignal begleitet. Tröt!

    Trööt!

    Tröööt!

    Erst mal die Lautsprecher ausstellen. Er seufzt. Schon wieder Ärger mit diesem verfluchten Programm. Dabei war er damals so stolz darauf gewesen. Sein erstes selbstgeschriebenes Programm. Der Startpunkt seiner steilen Karriere. Damals war auch das Betriebssystem „Kosmos“ noch ganz neu gewesen, Nachfolger von „Schwarzloch“. Mittlerweile war es etwas in die Jahre gekommen, aber er war immer noch zufrieden damit. Das Ganze war ja eigentlich nur eine Spielerei gewesen, eine ABM gegen seine Langeweile. Der Launch seines Erstlings jedenfalls glich zwar eher einer Bastelstunde, aber das Ergebnis war dann doch bahnbrechend. Zugegeben, es hatte schon relativ schnell die ersten Probleme gegeben. Irgendein Apple-Fehler. Das Programm erstellte plötzlich unerwartete Instanzen von den Objekten, die er anfangs definiert hatte (ohne zu wissen, was genau er mit ihnen anfangen wollte) und fing an, sich selbst zu behindern. Daraufhin hatte er zunächst den Cleaner eingesetzt und dann das Programm mit den zehn heftigsten Viren getestet, die er kannte, darunter fR0grAin und C4ildsdEaTh#, die für unvorstellbares Chaos gesorgt hatten. Das Programm lief trotzdem weiter, das widerstandsfähige Ding, und – dem Himmel sei Dank – auch Updates ließen sich machen. Allerdings kam mit jedem Update ein neues Problem hinzu. Das Programm fing an sich selbst zu zerstören. Die Instanzen wurden immer mehr und scannten schon das gesamte Dateisystem, wie er dem Protokoll entnehmen konnte. Allerdings fehlten vielen von ihnen entscheidende Funktionen, sie verursachten einen Crash nach dem anderen. Er seufzte wieder und kraulte sich seinen aus der Form geratenen Hipsterbart. Ein weiteres Update würde sich wohl kaum lohnen. Er musste dem Übel an die Wurzel. Was tun? Das Programm komplett überarbeiten? Wenigstens die Default-Einstellungen? Schwierig. Die Sache hatte ihn schon so viel Zeit gekostet. Allein das Thema Sprachversionen …

    Ah, eine E-Mail. Von seinem belämmerten Sohn, der sich für einen Guru hält. Was will er? Schon wieder Geld? Kein Wunder, wenn er immer so großzügig an jeden Penner Brot und Wein verschenkt. Er hat ja auch nach der Schule nichts gelernt. „Wie wär’s mit Zimmermann?“ hatte er ihm vorgeschlagen. „Laaaangweilig“, war die Antwort gewesen. Klar, es war ja auch viel einfacher, von den Lizenzeinnahmen des berühmten Vaters zu leben. Wenn er das damals geahnt hätte, als er das Kind adoptiert hatte – aber die Familie lebte nun mal in wirklich prekären Verhältnissen. Er hatte es für eine ziemlich gute Idee gehalten. Nun ja. Es blinkt, und er hat plötzlich eine wirklich gute Idee – wie sein Sohn sich nützlich machen kann. Schließlich gibt es eine einzige Sache, mit der der Faulpelz sich auskennt: Computer. Er schreibt: „Komm her, wenn du was willst.“

    Eine Stunde später taucht das Faultier endlich auf, das ja nur die paar Schritte von Wolke 7 zu seiner Cloud machen musste. „Wenn du Geld brauchst, musst du erst etwas für mich erledigen.“ Augenrollen. Er überträgt seinem Ziehsohn die Aufgabe, das Programm zu bereinigen. Und siehe da: Der Junge stürzt sich mit Begeisterung in die Arbeit. Der Filius taucht mit seinem VR-Anzug, diesem neumodischen Teil, ab, um die neuronalen Netzwerke der Instanzen umzutrainieren. Als er wieder auftaucht, soll er natürlich erklären, was genau er gemacht hat und ob alles gut gelaufen ist. „Ich hab den Instanzen jede Menge Guidelines verpasst, jetzt läuft alles wieder.“ Der Junge sieht allerdings zerzaust aus, es muss anstrengend gewesen sein. Ob er auch keine Probleme beim Logout gehabt habe? „Nö, alles easy“, ist die Antwort – das Lächeln hängt dabei allerdings etwas schief. Das Blinken hat aufgehört. Halleluja, gerade rechtzeitig zur Mittagspause. Gabriel ruft schon: „Mein Gott, das Essen ist fertig!“ Hoffentlich nicht schon wieder Manna.

    Als er aus der Mittagspause zurückkommt, traut er seinen Augen nicht: Es blinkt wie zuvor. Error! Error! Sein Sohn, der Idiot, hat sich mit dem Geld, das er ihm dankbar in die Hand gedrückt hat, aus dem Staub gemacht. Das Wort „Error“ drängt sich wieder in sein Blickfeld, diesmal auf einem anderen Bildschirm. What? Das Programm hat angefangen, ein anderes Programm zu infizieren. Die Instanzen haben biometrische Footprints im Programm „Mond“ hinterlassen. Alles virtuell natürlich, aber trotzdem: Was soll er tun? Zu allem Überfluss scheint das Ganze jetzt auch noch Auswirkungen auf die Lüftung zu haben, die inzwischen lautstark auf Touren kommt. Eine Überhitzung droht. Vielleicht hilft ein simples Plug-in? Damals hatte das Hilfsprogramm „Ten norms“ gut geholfen. Aber jetzt? Nein, ihm reicht’s. Nachdem er auf install.exe für eine saubere Version von „Mond“ geklickt hat, schaut er auf die andere Seite des Co-Working-Lofts. Vielleicht bietet er die Lizenz für das schrottreife Programm „Erde“ einfach dieser Luzie Fair zum Kauf an. Sie war schon immer scharf darauf gewesen.

    Die Fotos sind im bretonischen Carnac am Strand entstanden. Da gibt es viel Himmel, und da oben ist vielleicht mehr los, als man von unten so denkt. Wer weiß …

  • … einer unsterblichen Liebe

    … einer unsterblichen Liebe

    Wenn ich heute an deinem Grab stehe, denke ich oft an unsere Sommer, die die reinste Wonne waren. Du schautest mir von deinem schattigen Lieblingsplatz aus bei der Gartenarbeit zu. Pausierte ich auf der Terrasse, geselltest du dich zu mir. Bienensummen und einträchtige Stille erfüllten die Luft. Im Winter saß ich oft auf dem Sofa, dein Kopf auf meinem Bein, meine Hand an deinem Hals. Wenn ich jetzt morgens aufwache, bin ich allein und denke an dich.

    Gehe ich abends schlafen, vermisse ich deine Nähe. Die einvernehmlichen Blicke vor dem Zu-Bett-Gehen, dein allabendlicher letzter Rundgang, um nach dem Rechten zu sehen, während ich schon in mein Buch vertieft war. Dein Lebensrhythmus, der dich in einem Moment spielerisch-übermütig, im nächsten verträumt-faulenzerisch sein ließ. All das fehlt mir so sehr.

    Sechzehn Monate sind vergangen seit dem Begräbnis, und manchmal fühle ich mich dir trotzdem immer noch so verbunden. Als wir uns damals begegneten, hatte dein Blick so etwas Flehentliches, das hat mich sehr gerührt und magisch angezogen. Die Sprachbarriere und unsere Mentalitätsunterschiede haben uns beide nie interessiert. So ist es eben, wenn man aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammt. Du warst auffallend schreckhaft, das hat bis zum Ende nicht ganz aufgehört. Ein lautes Knallen, ein aufheulender Motor, und du bist zusammengezuckt. Warum? Ich weiß es nicht. Ich habe ja nicht das Geringste über dein Leben vor unserer Begegnung erfahren. In dieser Hinsicht warst du sehr geheimnisvoll und diskret. Du hast aber stets meine Nähe gesucht, bist sogar direkt bei mir eingezogen. Ich wollte es ja auch so.

    Jede Nacht haben wir zusammen verbracht – abgesehen von den Urlauben. Das Reisen war nicht so deins, also bin ich Mal für Mal ohne dich weggefahren. Kehrte ich zurück, erwartetest du mich voller Sehnsucht und Zärtlichkeit. Überhaupt warst du jederzeit ausgesprochen liebevoll. Das hat alsbald meine Freunde für dich eingenommen. Lediglich meine Freundin Ute beharrte bis zum Schluss darauf, du seist ein eifersüchtiger Pascha, der sie spüren ließ, wenn sie nicht willkommen war. Sie war immer froh, mich allein vorzufinden, wenn sie kam. „Ist der Herr aushäusig unterwegs?“ pflegte sie dann mit einem ironischen, gehässigen Unterton zu fragen. In der Tat: Du hattest Besuch nicht besonders gern, aber du hast auch da höflich geschwiegen, auf deine elegante und zurückhaltende Art.

    Als die anderen – abgesehen von Ute – mit der Zeit registrierten, wie du mich fortwährend umwarbst, entwickelten sie tiefe Freundschaft und großen Respekt für dich. Und auch ich habe dich voll und ganz respektiert, trotz deiner vielen Facetten, die dich zuweilen schwer einschätzbar machten. Ängstlich warst du, geradezu verschreckt, aber zugleich ein Dandy und Flaneur. So kultiviert und apart. Ob du eitel warst ob deiner Schönheit? Ich bin mir nicht sicher. Lediglich nachdem dir ein Zahn gezogen worden war, nahm dein Gesicht manchmal diesen schiefen Ausdruck an, der mir etwas gequält erschien und dir ein leicht groteskes Aussehen verlieh.

    Zahn oder nicht – unzweifelhaft warst du eine stattliche Erscheinung, und natürlich rätselte ich darüber, was du überhaupt an mir fandest. Wenn ich von der Arbeit heimkam und du nicht da warst, fragte ich mich manchmal, ob du es dir bei einer anderen gut gehen ließest. Ob dir meine Bemühungen, deinen kulinarischen Geschmack zu treffen, nicht mehr gefielen, meine Fürsorge dir auf die Nerven fiel? Ging dir irgendetwas gegen den Strich? Ich weiß es nicht. Du kamst jedenfalls immer wieder zurück zu mir. Und ich wollte dich schließlich nie einschränken. Das geht bei jemandem wie dir auch gar nicht.

    Ich habe gelernt, dass Beziehungen ohne Freiheit nicht funktionieren. Man muss tolerieren können. Deine Marotten beispielsweise. Dein ewiger Waschzwang: Ob wir einen spannenden Film im Fernsehen sahen oder Freunde zu Besuch da waren, es konnte dich jederzeit überkommen. Deine übertriebene Körperpflege ließ mich oft heimlich unter meinen Achseln schnuppern, denn ich ging davon aus, dass du auch bei mir auf penible Reinlichkeit achtetest. Aber du warst in dieser Hinsicht vollkommen liberal. Selbst wenn mir zuweilen ein Darmwind entfuhr oder ich ein wenig verschwitzt war, ließest du mich deine Zuneigung uneingeschränkt spüren. Und meine Liebe für dich war ebenso grenzenlos. Daran änderte selbst deine strikte Weigerung nichts, deine Essgewohnheiten an meinen veganen Lebensstil anzupassen. Nein, immer musste es Fleisch sein. Ich stellte allerdings fest, dass selbst diese Uneinigkeiten in Grundsatzfragen unserer Beziehung nicht schadeten.

    Trotzdem – es gab auch schwierige Momente. In den Jahren unseres Zusammenlebens habe ich einige Male die ganze Nacht vergeblich auf dich gewartet. Als du dann wiederauftauchtest, warst du derart anhänglich, dass ich nicht weiter nachgeforscht habe. Ich sagte dann einfach „Komm, lass uns schmusen.“ Das taten wir viel und ausgiebig, eng aneinandergeschmiegt und ohne überflüssige Worte. Niemals hätte ich unsere einzigartige Verbindung gefährdet, dieses unvergleichliche Glück.

    Ich möchte nicht oberflächlich erscheinen, aber dein Äußeres hat mir mindestens ebenso sehr gefallen wie deine eigenwillige Persönlichkeit. Du warst ein sehr sportlicher Typ, geradezu athletisch. Du hattest, wie so viele, das Klettern für dich entdeckt. So wie das Reisen nichts für dich war, war das Klettern nie so meins. Ich machte mir oft Sorgen um dich, wenn ich dich in halsbrecherischer Höhe sah. Im Laufe der Jahre hatte ich zunehmend den Eindruck, du seist zu alt für dieses riskante Hobby, aber das habe ich dir natürlich nie gesagt. Man muss auch schweigen können. Darauf führe ich es übrigens zurück, dass es zwischen uns so gut lief. Auf das Schweigen. Streit gab es nie zwischen uns. Du gabst mir keinen Anlass dazu. So wenig Worte du machtest, so viel Empathie hattest du. War ich wütend, ließest du mich toben. War ich traurig, umgabst du mich mit samtener Anteilnahme. War ich fröhlich, warst du es ebenfalls. Mehr Loyalität kann man nicht erwarten.

    Natürlich – manchmal habe ich mich trotz allem ein bisschen geärgert. Dann konnte ich dich auch richtig anfauchen. Mein Hang zur Pedanterie im Haushalt ist legendär, und du hast nie gelernt, dass die Fußmatte genauso für dich da war wie für mich. Oder vielleicht war das einfach das letzte Quäntchen Aufsässigkeit, das du dir bewahrt hattest. Bei schlechtem Wetter habe ich oft hinter dir her geputzt. Je mehr ich gesagt habe „Warte mal, bleib stehen“, desto mehr Schritte hast du zurückgelegt und mir dabei genervte Blicke zugeworfen, die wohl heißen sollten: „Rutsch mir den Buckel runter.“ Habe ich es dann mit meiner Schimpferei übertrieben, konntest auch du die Krallen ausfahren. In der Hinsicht warst du ein bisschen ignorant und rücksichtslos. Aber das ist wirklich das Einzige, was ich zu bemängeln hatte. Und wie gern würde ich ein wenig Dreck in Kauf nehmen, hätte ich dich nur zurück.

    Du hast Schönheit, Gelassenheit, Verlässlichkeit und ein Übermaß an Emotionen in mein Leben gebracht. Aber nichts ist für die Ewigkeit. Als es dir immer schlechter ging, kamen die endlosen Arztbesuche, die uns mürbe machten. Du hast dich nicht gesträubt, aber es war dir sichtlich mühsam. Irgendwann sagten die Mediziner: „Wir können nichts machen, er will einfach nicht mehr.“ Das habe ich nicht verstanden. Wir hatten doch alles. Wir waren doch glücklich, du und ich? Aber du hast mir auch das nicht erklärt. Noch am Ende, als du gar keine Kraft mehr hattest, kamst du nachts ganz nah an mich heran. Lagst in meinen Armen, nur noch Haut und Knochen. Und als du dann gestorben bist, habe ich mit dir gesprochen, ganz leise und vorsichtig, während meine Tränen auf dich fielen. Aber ich glaube, als du die letzten krampfhaften Atemzüge getan hast, warst du schon ganz weit weg. Wenn ich heute vor unserem Haus der Nachbarin begegne, die ihren stumpfsinnigen Hund an der Leine hinter sich herzerrt, wird mir das Herz schwer. Ich erinnere mich daran, wie du den dummen Köter von deiner Seite des Zauns aus gefoppt hast. Auf deine raffinierte, etwas überhebliche Art, die mir immer so sehr imponiert hat.

    In solchen Momenten denke ich, ich hole wieder einen Kater aus dem Tierheim. Aber das wäre eben nur ein anderer Kater aus dem Tierheim.

    Die Fotos habe ich im südfranzösischen Örtchen Cassis aufgenommen. Der Text ist ein Wettbewerbsbeitrag aus dem Jahr 2019.
  • … den (Pseudo-)Tropen

    … den (Pseudo-)Tropen

    Oh, wie schön ist Panama! Panama? Nein, wir sind hier im bretonischen Quimper! Genauer im herrlichen Jardin de la Retraite.

    An der östlichen Stadtmauer gelegen, erstreckt sich dieser schöne Park mit seinen drei Bereichen – Palmen- und Trockengarten sowie tropische Pflanzen – über mehrere Terrassen und profitiert vom milden, durch den nahen Golfstrom begünstigte Klima. Die botanische Vielfalt inmitten der Stadt hat mich sehr begeistert!

  • … der Herrscherin der Piratenfestung

    … der Herrscherin der Piratenfestung

    Wer gern mit Möwen in Kontakt tritt, ist in Saint-Malo genau richtig. Die alte Piratenfestungsstadt mit Blick auf ein Meerwasserschwimmbecken und dicken Stadtmauern rund um die „Ville close“, die Altstadt, ist natürlich vor allem ein Touristenmagnet, aber eben auch ein Möwenmagnet. Vermutlich gibt es einen Zusammenhang zwischen beidem. Gastronomie und kleine Lädchen, Souvenirshops und Menschenmassen versperren zuweilen die Sicht, aber wer sich Zeit nimmt, um auf den Remparts, den Mauern, innezuhalten und einfach nur zu schauen und zu warten, der wird sich eher oder später Auge in Auge mit einer Möwe wiederfinden. Und mal ehrlich: Ist so eine Möwe nicht einfach toll?

    Ich empfehle die Lektüre des Buches „Alles Licht, das wir nicht sehen“ – eine sehr berührende Geschichte, deren Schauplätze Saint-Malo und Essen (in den 30er- und 40er-Jahren) sind. Unbedingt lesenswert!

  • … Lourmarin

    … Lourmarin

    Lourmarin, in den 70ern noch ein sehr verschlafenes provenzalisches Dörfchen mit einer Boulangerie, einem Restaurant und einem Lädchen, ist heute ein einziger Deko-Traum. Selbst die Fahrräder sind hier Deko. Das Restaurant hat sich vervielfacht und Gesellschaft durch zahlreiche Cafés und Galerien bekommen. In der Ferne kann man bei klarem Wetter die Montagne Sainte-Victoire sehen, die Cézanne in ihren Bann geschlagen hatte und von ihm vielfach auf Leinwand verewigt wurde. Hier gibt es tolle Wanderwege mit fantastischen Ausblicken. Wer es etwas entspannter angehen möchte, ist im Luberon gut aufgehoben, dem Kalksteinmassiv, an dessen Südrand sich Lourmarin befindet. Oder aber im Naturpark Sainte-Baume (Bild links). Wer weiß, vielleicht siehst du Wolfsspuren … Tipp für den Abend: Genieße deinen Apéro mit Blick auf den Hafen von La Ciotat (Bild rechts). À la tienne !

  • … mit dem heiligen Jean von Boiseau

    … mit dem heiligen Jean von Boiseau

    Chillen, chillen, chillen – sonst gibt es hier nichts zu tun in Saint-Jean-de-Boiseau. Es gibt hier überhaupt nicht viel außer dem hübschen Häuschen von Annick. Von hier aus empfiehlt sich ein Ausflug ins malerische Örtchen Pornic. Der traditionsreiche Badeort mit den schattigen Gassen und properen Fassaden ist recht weit von Corncarneau entfernt, aber auch hier hat Kommissar Dupin schon ermittelt – wahrscheinlich, weil die Kulisse einfach zauberhaft ist.