Schlagwort: Reise

  • … einem unbekannten Mann (1992)

    … einem unbekannten Mann (1992)

    Die Kuppe ihres rechten Zeigefingers fühlte sich taub an. Der Rest ihrer Hand umschloss die Dose mit dem Pfefferspray, die sich auf ihrer ganzen Interrailtour unbenutzt in der rechten Jackentasche befunden hatte. Wie lange saß sie jetzt wohl schon auf diesem braunen Cordsofa, jederzeit bereit, die Hand aus der Tasche zu ziehen und abzudrücken? Zwei Stunden vielleicht? Sie schwitzte, ein Tropfen rann an ihrer Schläfe herunter, und sie hörte ihren eigenen Atem, schnell wie nach einem 100-Meter-Lauf, viel schneller, als sie wollte. Sie versuchte sich zu beruhigen. Der Mann schien von alldem nichts zu bemerken. Er saß mit etwas Abstand neben ihr, sein Blick schweifte unstet umher, blieb mal an ihr hängen, irrlichterte dann weiter, während er ununterbrochen redete.

    Mehr als 48 Stunden Zugreise lagen bereits hinter ihr, als ihre Wege sich kreuzten. Von Südspanien, wo sie sich von ihrem Reisebegleiter getrennt hatte, bis Groningen war sie ohne Pause unterwegs gewesen und dann hundemüde, mit abgelaufenem Ticket und ohne Geld für die Weiterfahrt, kurz vor der deutschen Grenze gestrandet. Allein nachts am menschenleeren Bahnhof von Groningen, zu erledigt für klare Gedanken, war sie einfach mitgegangen, als der fremde, ältere Herr vorbeikam und sie in fast lupenreinem Deutsch angesprochen hatte. Was sie denn hier ganz allein mache. Ach, so ein Pech, nichts mehr im Portemonnaie und kein Fahrschein. Sie könne jedenfalls nicht die ganze Nacht am Bahnhof bleiben, sie dürfe bei ihm, ganz in der Nähe, ausruhen. Nur ganz kurz hatte sie gezögert, dann hatte die Aussicht auf ein paar Stunden Schlaf in einer warmen Wohnung sie ihm folgen lassen.

    Kaum hatte sie die Treppe erklommen und den engen, schummrigen Flur betreten, hörte sie, wie er die Wohnungstür von innen abschloss. Sie drehte sich um, und in ihrem Hirn sagte eine tausendfach gehörte Stimme ‚Geh nie mit fremden Männern mit‘, während er den Schlüssel lächelnd in seine Hosentasche steckte. Adrenalin flutete ihren Körper, die Müdigkeit war verschwunden.

    „Nehmen Sie Platz dort auf dem Sofa“, hatte der Mann mit Nachdruck gesagt, und sie hatte den Rucksack neben dem Sofa abgestellt, während ihre Synapsen fieberhaft Kontakt zueinander suchten.

    „Dürfte ich ganz kurz Ihr Telefon benutzen?“ Sie hatte versucht, so arglos und fröhlich zu klingen wie nur möglich. Er hatte sie angeschaut und genickt. Sie hatte die Nummer ihrer Mutter gewählt, die nach einigem Klingeln übernächtigt und mit schläfriger Stimme ans Telefon ging. Langsam und deutlich sagte sie:

    „Hallo Mama, ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass ich heute in Groningen bei einem netten Herrn in der Nähe vom Bahnhof die Zeit bis zum nächsten Zug verbringe. Morgen bin ich dann wieder zurück! Schlaf gut!“ Dann hatte sie schnell aufgelegt, um besorgten Nachfragen zuvorzukommen, und sich aufs Sofa gesetzt, wo sie seither unbeweglich und so still wie möglich saß, während eine nicht enden wollende Flut an Wörtern ihre Ohren überschwemmte und das Denken erschwerte.

    „Als ich noch gearbeitet habe, hatte ich immer Gebäck im Haus für Besucher, aber jetzt nicht mehr. Draußen funktioniert die Straßenlaterne schon seit zwei Jahren nicht mehr. Ich habe bei der Stadt angerufen, aber es passiert nichts. Na ja. Groningen ist schön, Sie sollten ein Weilchen hierbleiben …“

    Was sollte das bedeuten? Was wollte er von ihr? Sie hier gefangen halten? Sie zwang sich zu einem Lächeln, aber er schaute jetzt in den nur durch eine funzelige Tischleuchte erhellten Nebenraum, in dem ein Tisch stand, auf dem ein paar Papiere lagen, viel mehr konnte sie nicht sehen.

    „Ich habe Post bekommen vom Einwohnermeldeamt …“ Sie konnte ihm nicht folgen. Was der Mann sagte, wirkte auf sie vollkommen willkürlich und zusammenhanglos. Wie alt mochte er sein? Vielleicht sechzig? Inzwischen war die Müdigkeit zurück und wechselte sich mit der mühsam in Schach gehaltenen Panik ab. Ohne den Inhalt seiner Worte richtig aufzunehmen, stoben ihre Gedanken wild durcheinander. Würde sie mit ihm kämpfen müssen? War er einfach nur ein Spinner? Oder etwa ein Vergewaltiger, ein Mörder? Wenn sie ihn mit Pfefferspray lahmlegte – wie kam sie aus der Wohnung? Sollte sie laut schreien – oder würde ihn das aggressiv machen? Irgendwo tickte eine Uhr, die sie aber nicht sah. Wie spät mochte es mittlerweile sein? Vier Uhr morgens?

    Immer wieder sah er auf seine Armbanduhr. Sie konnte nicht erkennen, welche Zeit sie anzeigte, aber sie war ihm um kurz nach Mitternacht am Bahnhof begegnet. Ihrem Empfinden nach waren sicher vier bis fünf Stunden vergangen. Es schien, als würde es im Nebenraum langsam heller werden, als der Mann sagte:

    „Sie haben schönes Haar. Wie in der Werbung.“ Er hatte seinen Arm auf die Rückenlehne des Sofas gelegt und sich zu ihr gedreht. Sie erstarrte, warf ihm einen kurzen, gehetzten Blick zu, schaute dann wieder geradeaus, um ihn bloß nicht zu irgendetwas einzuladen. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, und öffnete minimal die Lippen, um durch den Mund einzuatmen. Das half ein bisschen. Auch er hatte den Kopf wieder weggedreht und redete weiter. Die Werbung sei ja heutzutage meistens widerlich und obszön. Das Wort obszön hallte hinter ihrer Stirn nach, während er weiter schwadronierte. Das Atmen fiel ihr schwer, sie sah an sich herunter, um sicherzugehen, dass ihr nichts den Brustkorb zusammendrückte. Da war nichts, trotzdem hatte sie Angst, keine Luft mehr zu bekommen und ohnmächtig zu werden.

    „Einfach ruhig atmen und stillsitzen“, sagte sie sich selbst in Gedanken. Er sprach weiter. Sie nahm nur einzelne Begriffe auf – Militär, Supermarkt, Nachbarn, Straßenbahn oder Massenpanik – und wünschte sich verzweifelt, sie wäre einfach allein am Bahnhof geblieben.

    Dann irgendwann schaute er wieder auf seine Uhr und seufzte. Was bedeutete das? Der Mann stand auf und ging zu dem Tisch, auf dem die einsame Leuchte ihre Arbeit tat. Er zog eine Schublade auf und griff hinein. Sie starrte auf seine Hand, die nach etwas suchte, hielt den Atem an und machte sich bereit aufzuspringen. Ihre rechte Hand umklammerte das Pfefferspray, die linke, die auf ihrem Knie lag, begann heftig zu zittern. Ohne Eile wandte er sich ihr zu und hielt ihr einen Geldschein hin. Sie musste an einen Köder denken und war unfähig, etwas zu tun, außer zwischen dem Geldschein und seinem fahlen, von einem grauen Haarkranz umgebenen Gesicht hin und her zu schauen.

    „Der nächste Zug geht in einer halben Stunde“, sagte er, „hiermit müssten Sie es bis nach Hause schaffen.“ Sie hob zögernd und ungläubig die linke Hand, darauf gefasst, dass er es nicht ernst meinte, und nahm vorsichtig den Schein.

    Er ging zur Tür, zog den Schlüssel aus der Hosentasche und schloss auf, ohne sie anzuschauen. Er betätigte die Klinke und die Wohnungstür gab den Weg frei. Wie in Trance, mit trockenem Mund und wackligen Knien bewegte sie sich Richtung Tür, immer noch die rechte Hand in der Tasche. Zum ersten Mal seit Stunden hatte er aufgehört zu reden und folgte ihr mit seinem Blick, während sie an ihm vorbeiging – bemüht, keine schnelle Bewegung zu machen.

    „Danke“, sagte sie tonlos, als sie das Treppenhaus erreicht hatte, und ging nun Stufe für Stufe hinunter, ohne sich umzudrehen. In rasanter Abfolge schossen Fragen durch ihr überreiztes Gehirn. Hatte der Anruf bei ihrer Mutter sie gerettet? Wollte der Mann ihr gar nichts Böses? Würde er ihr folgen? Plötzlich kamen ihre galoppierenden Gedanken bei der Haustür zum Stehen. Wäre das Ganze nur ein übles Spiel und die Tür abgesperrt? Der Muskel unter ihren Rippen stolperte schmerzhaft. Sie steckte hektisch den Geldschein in die linke Jackentasche und packte energisch die Klinke. Sie drückte den Hebel nach unten und stemmte sich mit so viel Wucht gegen die Haustür, dass sie fast auf den Gehsteig fiel. Sie schnappte überrascht nach Luft und rannte los. Rannte und rannte – bis sie am Gleis ankam, wo sie in der Nacht eine Entscheidung getroffen hatte, die sie so nie wieder treffen würde.

    Diese Kurzgeschichte mit dem Titel „Groningen, 1992“ wurde mit dem 1. Preis Prosa des Autorenkreises Ruhr-Mark ausgezeichnet.

  • … Portugalete

    … Portugalete

    Bei Sonnenschein flaniert es sich ziemlich entspannt an der Promenade des baskischen Städtchens Portugalete, nordwestlich von Bilbao gelegen. Hier befindet sich die älteste Schwebefähre der Welt (erbaut 1893). Sie ist nach wie vor in Betrieb und zählt seit 2006 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

    Die Biscaya-Brücke verbindet die Orte
    Portugalete und Getxo. Sie besteht aus zwei 45 m hohen Stahltürmen, verbunden durch ein 160 m langes horizontales Traggerüst. Daran aufgehängt ist eine 14×10 m große Transportkabine, die eine Nutzlast von bis zu 22 t transportieren kann und sechs PKW sowie Passagieren Platz bietet.

    Ein hübscher kleiner Park, ein Musikpavillon im Schatten von Platanen, historische Gebäude und kreativ-künstlerisch gestaltete Kleinodien – bemalte Mülltonnen, interaktive Wandbilder und vieles mehr – machen den Besuch zu einem überraschenden Erlebnis. Ich jedenfalls habe den kurzen Aufenthalt sehr genossen und kann Bilbao-Reisenden einen Abstecher empfehlen …

  • … der Kindheit

    … der Kindheit

    „Kann ich Ihnen helfen?“

    Der Bademeister, schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß, athletisch, vielleicht 25-jährig, hat wohl bemerkt, dass ich seit gut zehn Minuten das Becken umkreise und mit steigender Ungeduld das Wasser absuche.

    „Ich suche meinen Freund.“ Sagt man in meinem Alter eigentlich noch ‚Freund‘? Nicht vielleicht eher ‚Lebensgefährte‘ oder sowas?

    „Wie sieht er denn aus?“ Tja, was soll ich sagen. Schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß …

    „So wie Sie.“ Meine schlechte Laune und dass ich wohl etwa doppelt so alt wie er sein mag, verhüten wahrscheinlich, dass er das als Anmache versteht. Wir schauen jetzt beide ratlos aufs Wasser. Es ist voller Bademeister-Kopien (oder Freund-Kopien), dazwischen hin und wieder eine kreischende Frau, die von einem der Tätowierten auf die Schultern genommen oder durch die Luft geworfen wird. Wie sind wir auf die blöde Idee verfallen, uns in diesem Freibad zu treffen? Man muss für die Schließfächer selbst ein Schloss mitbringen. Wusste ich nicht. Immerhin habe ich das Handtuch meines Freundes (oder Lebenspartners) und seine Tasche auf dem Rasen gefunden und mein Handtuch mit meiner Tasche danebengelegt. Jetzt stehe ich hier mit leuchtenden Fußnägeln und düsterer Laune, neben mir der Bademeister, der nur ‚hm‘ murmelt.

    „Danke, ich denke, das hat keinen Zweck“, sage ich miesepetrig und mache mich auf den Weg zu meinem Handtuch. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommt mein schwarzhaariger, tätowierter Freund freudestrahlend, pitschnass und quietschfidel wie ein 10-Jähriger auf mich zugehüpft, lässt sich schwungvoll neben mir nieder und umarmt mich mit chlorwassernassen Armen. Ich rümpfe die Nase.

    „Da bist du ja endlich!“

    Wir sagen es gleichzeitig. Er enthusiastisch, ich vorwurfsvoll. Ich will am liebsten sofort wieder gehen. Auf keinen Fall will ich in das überfüllte Becken. Was ist bloß los mit mir?

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte es nicht genug Freibadtage für mich geben. Je voller das Becken, umso toller. Es sei denn, es waren Ferien und ein Strand in erreichbarer Nähe. Das war noch besser. Um dorthin zu gelangen, packten meine Eltern den grünen Ford Taunus voll. Mein Vater hatte zwei Kisten gebaut, die genau den Fußraum füllten bis zur Kante der umgeklappten Sitze. Die Kisten wurden vollgepackt, dann der komplette Raum darüber, bedeckt von einer dünnen, eigens zugeschnittenen Schaumstoffmatratze, und obenauf lagen wir – meine Brüder und ich – in unseren Schlafsäcken. Sicherheitsgurte waren damals noch gänzlich unbekannt oder zumindest gänzlich ungenutzt. Mitten in der Nacht fuhren wir los – und natürlich schliefen wir die meiste Zeit nicht, sondern raubten unseren Eltern den letzten Nerv. Ich muss mal, wann sind wir da, mir ist schlecht … In einer Kühlbox waren Getränke – und vor allem etwas, das es nur auf dem Weg in den Urlaub gab: Erfrischungsstäbchen. Mit denen wurden wir ruhiggestellt, meist nur für kurze Zeit, aber immerhin. Bis heute sind diese zuckrig-schokoladigen Süßwaren für mich der Inbegriff des Urlausbeginns. Der Biss in die knusprige Schoko-Zuckerhülle, gefolgt von dem künstlichen Aroma des flüssigen Innenlebens – herrlich!

    Kamen wir endlich in einem Dorf in Frankreich an, sagen wir in der Provence oder der Bretagne, verließen wir Kinder das Ferienhaus – während sich die Eltern die Schläfen massierten und nach durchfahrener Nacht die Füße hochlegten – und kannten nach drei Stunden den Ort mit all seinen Geheimnissen und Offensichtlichkeiten. Wo waren Tiere, wo gab es etwas Verfallenes, wo konnte man ein Eis kaufen? Waren diese lebenswichtigen Fragen geklärt und das erste Eis gegessen, gingen meine Brüder mit dem Ball auf den Sportplatz, während ich heimkehrte und leise den Kühlschrank durchforstete nach etwas, was den Straßenkatzen schmecken könnte. Die Eltern hatten eingekauft, sich dann hingelegt und ahnten nicht, dass ich die Rinden von allen verfügbaren Käsesorten abschnitt und in kleine Stückchen teilte. Mit dieser Ausbeute rannte ich durchs mittägliche Dorf, wo die lavendelfarbenen Fensterläden geschlossen und kaum jemand in den Gassen unterwegs war. Traf ich auf eine Katze, wurde sie von mir mit Käserinde gefügig gemacht. Vor allem die lädierten Modelle standen hoch in meiner Gunst. Zerzaustes Fell und angenagte Ohren, Humpelpfoten und Einäugige gingen mir besonders ans Kinderherz. Auch ein Katzenbiss, der eine entzündete, stark geschwollene Hand und einen Besuch beim örtlichen Landarzt nach sich zog, konnte daran nichts ändern.

    In der Provence war es auch in den Osterferien schon heiß. In den Sommerferien erst recht. Das Meer war weit weg, also musste das örtliche Freibad herhalten. Es lag am Ortsrand und hatte nur ein einziges winziges Becken. Unser Vater, der gegen Schwimmbäder und Chlorwasser eine tiefe Abneigung hegte, musste hartnäckig bearbeitet werden, den einen oder anderen Familienausflug mit uns dorthin zu unternehmen. Hatten wir ihn lange genug genervt, begaben wir uns, bepackt mit Badesachen, Handtüchern, Schirm, Verpflegung und Sonnencreme, auf die lange Straße hinaus aus dem Dorf. Mir erschien sie als Kind unendlich lang, vielleicht waren es aber nur ein paar Hundert Meter. Die Hitze flimmerte über der Straße, auf der der Teer schmolz, und machte alles ein bisschen unscharf, und in den Ginstersträuchern am Straßenrand knisterte und knackte es. Die Grillen, die man selten sah, aber immer hörte, veranstalteten einen Mordsradau, als wollten sie uns vor irgendetwas warnen. Hitzschlag vielleicht? Waren wir dann da, setzte sich unser Vater strohbehütet und missgelaunt auf sein Handtuch und las, während unsere Mutter uns in den Badepausen Baguette reichte, belegt mit dem Erzeugnis, dessen Rinde ich bereits großzügig entfernt hatte. Meine Brüder sprangen vom Beckenrand und döppten sich gegenseitig unter, während ich es liebte zu tauchen und meine Bahnen unter Wasser zu ziehen.

    Manchmal fuhren wir auch zu einem der Bäche, die sich durch die provenzalischen Berge schlängeln. Dann saßen wir auf großen, flachen, sonnenerhitzten Steinen, picknickten und badeten in den vereinzelten Becken, die Natur oder Mensch gestaut hatte. Natürlich bauten wir auch selbst kleine Staudämme aus Steinen und Treibgut. Das Wasser war eiskalt, und wir wateten darin herum bis wir lila angelaufene Lippen und Zehen hatten. Um uns herum stoben die Wasserläufer auseinander, wenn wir uns gegenseitig jagten. Wurden es allerdings zu viele von den sechsbeinigen Spinnenwesen, ergriff ich selbst die Flucht und beobachtete sie von einem felsigen Aussichtspunkt aus.

    Mein Taschengeld trug ich zum Lädchen am Dorfplatz und kaufte Schokoriegel. Raider, das heute Twix heißt, oder tam, das später zu Lion wurde. Als ich das erste Mal Lion aß, geriet ich ad hoc in eine temporäre Abhängigkeit. Ich glaube, die Ladeninhaberin musste meinetwegen Extrabestellungen aufgeben. Ich aß die Riegel schichtweise – also erst die Schoko-Karamell- beziehungsweise Schoko-Karamell-Puffreis-Schicht, dann den Keks oder die Waffel. Meine Mutter versuchte erfolglos, mir das abzugewöhnen. Sicher, man konnte auch einfach abbeißen, aber das war nur der halbe Spaß. Das war wie ein Schwimmbadbesuch ohne Proviant oder ein Dorf ohne Katzen. Einmal traf ich ein anderes deutsches Mädchen in meinem Alter, das dabei war, die Katzen zu füttern. Von dem Tag an waren wir für den Rest der Ferien unzertrennlich und stromerten tagtäglich zusammen durchs Dorf, erkundeten den Schlosspark, die eine oder andere Ruine und sammelten Galläpfel, hart und trocken und rund wie Murmeln. Wenn man mit der Nagelfeile den Stielansatz abfeilte, hatte man perfekte Kugeln. Meine Brüder hatten ein Hühnergehege entdeckt und machten sich einen Spaß daraus, wie wild mit einem Salatblatt vor dem Gitter herumzufuchteln. Die gierig herangelaufenen Hühner bewegten ihre Köpfe wie irre Technotänzer hinter dem Salatblatt her, bis sie anfingen zu torkeln, als hätten sie zu viel Cidre getrunken. Das sah ziemlich lustig aus, aber die Tiere taten mir auch leid, deswegen brachte ich ihnen heimlich – um meinen Ruf bei meinen Brüdern nicht zu ruinieren – später ein paar Gemüsereste als Wiedergutmachung und konnte deutlich sehen, dass das Federvieh mir mit freundlichen Blicken und Gurrlauten Absolution erteilte. Dass von den Einkäufen ein nicht unerheblicher Teil verschwand (und, wie wir wissen, bei den Tieren des Dorfes landete), nahmen unsere Eltern mit Gleichmut auf. Aber wehe, man vergriff sich an den kostbaren Persipanrauten namens ‚Calissons d’Aix‘. Das konnte einen schon mal den Nachtisch kosten oder einen Teil des Taschengeldes.

    Am herrlichsten waren die Urlaube auf dem Bauernhof in der Bretagne. Wir rannten durch die Maisfelder und ernteten hin und wieder einen kleinen unreifen Kolben, um zwischendurch darauf herumzukauen und uns einzubilden, wir könnten allein in der Wildnis überleben. Es gab Hunde, Katzen und Hühner, die frei überall herumliefen – und Kühe, die mit dicken Eutern zwischen dem Stall und der Weise hin und her pilgerten. Morgens ging eins von uns Kindern mit der Blechkanne zum Stall, und Monsieur Draoulec, der Landwirt, füllte uns die Kanne mit euterwarmer Milch, die ganz dickflüssig war und ein bisschen nach Karamell schmeckte. Der Geschmack ist unvergesslich.  

    Wurde ein neues Kälbchen geboren, war das natürlich ein Riesenereignis für uns Kinder. Wir durften es streicheln, und es nahm eine ganze Kinderhand in sein Kalbsmäulchen, um zahnlos daran herumzulutschen, was mich mit großer Begeisterung erfüllte. Anschließend wischte ich die Hand an meiner Latzhose ab und rannte in meinen Clogs zur Scheune, wo es uns erlaubt war, ganz oben auf die gestapelten Heuballen zu klettern und von da herunterzuspringen. Das musste man vor lauter Glück und Freude in manchen Momenten einfach tun. Fand ich eine Katze im Heu, konnte ich ewig dort liegen, das Felltier kraulen und seinem Schnurren zuhören. Die Ewigkeit dauerte meist nicht wirklich lang – eine Kinderewigkeit ist eben eine andere als eine Erwachsenenewigkeit. Normalerweise hatte die Katze nach einigen Minuten zu viel von meinen Liebesbekundungen und suchte das Weite.

    ***

    Wir haben inzwischen auch das Weite gesucht, das Freibad verlassen und sitzen im Auto. Ich habe mich strikt geweigert ins Wasser zu gehen oder überhaupt noch länger zu bleiben.

    „So ein verkacktes Schwimmbad, in dem alle gleich aussehen“, wettere ich. Der Schwarzhaarige an meiner Seite grinst.

    „Danke für das Kompliment“, sagt er und nimmt es mir gar nicht übel. Ich ärgere mich nur noch mehr.

    „Was ist denn los?“ will er wissen.

    „Nichts“, grummele ich. Er ist ein kluger Mann und lässt das so stehen. Ich bin leider keine kluge Frau.

    „So einfach gibst du dich zufrieden? Es interessiert dich anscheinend gar nicht wirklich, was los ist.“ Meine Güte, bin ich eine blöde Kuh. Das denkt er sich wohl auch, denn er entgegnet:

    „Ich gehe jetzt Kaffee trinken, und du kannst dir in Ruhe überlegen, was dir stinkt.“ Das Auto kommt in einer Parkbucht zum Stehen. Ich koche. Zu Unrecht, wie ich weiß. Was soll ich machen. Er steigt aus und lässt mich einfach sitzen. Ich starre in der Gegend rum. Mein Blick fällt auf die Muscheln, die seit dem letzten Urlaub im Auto mitfahren. Ich seufze. Muscheln sammeln …

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte ich davon einfach nicht genug kriegen. Im Bretagne-Urlaub fuhren wir jeden zweiten Tag ans Meer. An die Küste von Finistère. Kilometerlange Strände und versteckte Buchten wurden von mir barfuß abgelaufen, Sandkorn für Sandkorn, auf der Suche nach den Schätzen des Meeres, die da waren: Jakobsmuscheln, die besten Exemplare waren natürlich die, an denen beide Flügelchen unversehrt waren; Sepiaschalen, die ich für meine Kanarienvögel mit nach Hause nahm und an denen sich die Trillermätze mit Wonne die Schnäbel wetzten; Austern, möglichst groß, die daheim zu Seifenschalen umfunktioniert wurden; und natürlich alle anderen Herrlichkeiten, die es am Strand gab – Teile von Krebsen, bunt-schillernde Schneckenhäuser, von fingernagel- bis handtellergroß; und Schmetterlingsmuscheln in zarten Lila- und Rosétönen wie die Himmelsnuancen an kalten Tagen – in solchen Farben sollte man Fußnägel lackieren, fand ich als Kind.

    Wenn man dann mit all den Fundstücken zu dem Platz zurückkam, an dem die Familie campierte, bekamen wir riesige, dünne Scheiben Wassermelone, die uns Clownsgesichter zauberten. Und dann gab es natürlich noch den Sirup, der im Supermarkt in 1l-Blechflaschen verkauft wurde – Minze, Zitrone oder Himbeere. Mein Favorit war der giftgrüne Minzsirup, der mit Wasser vermischt eine etwas bekömmlichere Farbe annahm und gefahrlos getrunken werden konnte. Mein erstes Mal Minzsirup war eine geschmackliche Offenbarung wie später das erste Mal Datteln im Speckmantel. Heute käme ich nicht mehr darauf so etwas ungesundes wie Sirup zu trinken. Mit Wasser verdünnt wird im Urlaub nur noch Pastis – auch nicht gesund, aber immerhin aus Kräutern.

    Natürlich gab es die Schätze aus dem Meer auch hin und wieder auf den Teller. Ich mochte Fisch, der in der kargen Küche des bretonischen Steinhäuschens zubereitet und am Tisch vorm Kamin verspeist wurde. Bis zu dem Tag, an dem ich anscheinend zu sehr geschlungen hatte und eine Gräte tief in meinem Kinderhals steckenblieb. Ich würgte und hustete und kriegte einen roten Kopf. Meine Brüder betrachteten mich mit erwartungsvollem Interesse. Zum ersten Mal in meinem zu dem Zeitpunkt achtjährigen Leben fühlte ich das Ende nahen. Mein Vater rannte los und holte eine Pinzette, meine Mutter riss mir den Mund auf, und in herausragender Teamarbeit befreiten sie mich von dem Mörderteil und schenkten mir ein zweites Mal das Leben. Ich habe bis zur Studienzeit keinen Fisch mehr gegessen – und wenn, dann habe ich ihn zum Erstaunen meiner Kommilitonen mit der Gabel auf dem Teller püriert, bevor ich ihn probiert habe. Bis heute traue ich Fischen nur noch über den Weg, wenn ich sie im Meer oder anderen Gewässern schwimmen sehe.

    ***

    Im Moment schwimmt vor mir ein Teebeutel, ich blase Trübsal und schäme mich für mein kindisches Verhalten. Am liebsten möchte ich mich entschuldigen, aber ich will auch noch schmollen – so wie früher als Kind. Ich gehe runter zum dm an der Ecke. Ich brauche Trostnahrung. Erstmals seit Jahrzehnten kaufe ich mir ein Lion. Und dazu einen Nagellack. Farbe: Flieder. In Gedanken streiche ich Flieder und schreibe Schmetterlingsmuschel. Zurück in der Wohnung esse ich den Schokoriegel nach guter alter Manier Schicht für Schicht. Dann lackiere ich mir die Fußnägel und denke an Muscheln.

    ***

    Als ich noch ein Kind war, habe ich einmal eine noch ganze, geschlossene Muschel gefunden, als der bretonische Markt vorbei war und keine Stände mehr zu sehen waren. Es war keine Miesmuschel, sondern so eine helle, geriffelte. Ich nahm sie mit und bat meine Mutter, mir das Schalentier zuzubereiten. Sie hatte aber keine Ahnung von der Muschelzubereitung, warf den Straßenfund einfach in kochendes Wasser, und als das arme Tier aufgegangen war, legte sie es mir auf einen Teller. Ich friemelte das fleischige Stückchen mit Gabel und Fingern heraus, steckte es in den Mund und biss zu. ‚Beurck‘ sagt der Franzose, ich sagte einfach ‚iiieh‘ und spuckte das Ding wieder aus. Ich schob die Unterlippe vor und schmollte, wie ich es damals ständig tat. Wahrscheinlich wegen des angenehmen bilabialen Erlebnisses. Die Muschel erinnerte mich an Gummi – so wie die Tintenfischringe, die mein Opa beim Italiener aß und mich immer wieder probieren ließ. Da war aber wenigstens Panade dran. So wie an Wiener Schnitzel. Essen gehen war etwas, was wir vor allem mit den Großeltern machten. ‚Zum Italiener‘ war wie Ferien. Unter der Decke hingen Fischernetze mit Plastikkrebsen und -fischen, aus den Lautsprechern kam ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘ und dann: klitzekleine warme Brötchen mit sahneweicher Kräuterbutter, die im Töpfchen schon ganz gelb geworden war. Konnte es etwas Besseres geben? Für mich kaum …

    Bretonische Crêpes vielleicht. Manchmal wurde auf dem Bauernhof eine lange Tafel aufgebaut, und Monsieur Draoulec bereitete mit viel gesalzener Butter die besten, dünnsten Pfannkuchen der Welt zu. Dazu floss für die Erwachsenen der Cidre in Strömen, für uns Kinder gab es die üblichen Sirupgetränke. Ich durfte allerdings mal am Glas meines Vaters nippen und fand den Cidre gar nicht schlecht, woraufhin ich heimlich alle Cidrereste aus diversen Gläsern unbemerkt austrank und am nächsten Tag den ersten Kater meines Lebens hatte. Seither bin ich in Sachen Cidre ein gebranntes Kind.

    Apropos, eines Nachts weckten unsere Eltern uns und trieben uns in aller Eile aus dem Haus. Der Hühnerstall nebenan stand in Flammen. Ich war hin und weg. An die Hühner habe ich gar nicht gedacht – ich hatte noch nie ein brennendes Haus gesehen. Es war im Dunkel der Nacht ein fantastisch-infernalisches Spektakel. Außerdem durften wir mitten in der Nacht wach sein – etwas, was ich durch wiederkehrendes Die-Treppe-Herunterschleichen immer wieder, meist ohne Erfolg, zu erreichen versuchte: Ich habe Durst (trink ein Glas Wasser und dann ab ins Bett); ich habe Hunger (wir haben eben gegessen, zisch ab); ich habe Angst (wir sind hier und passen auf, du brauchst keine Angst zu haben); kann ich noch ein bisschen mit vorm Kamin sitzen (jetzt reicht’s aber, jetzt wird geschlafen)! Dann blieb nur noch die übliche Taschenlampe unter der Bettdecke, solange niemand petzte (die hat wieder die Taschenlampe an, ich kann nicht schlafen).

    Jedenfalls war mir die ganze Aufregung der Erwachsenen angesichts der Flammen ein Rätsel. Die Feuerwehr kam und löschte das Feuer. Die Hühner waren alle tot. Ein paar Tage später durften wir mal rein in die schwarz-verkohlte Ruine, und da habe ich einen Klumpen gefunden, wie ein riesiger Edelstein. Geschmolzenes Glas. Dieses Pseudojuwel habe ich immer noch. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet diesen Schatz aus der Kindheit aufgehoben habe.

    Um die Hühner tat es mir leid, zumal wir in anderen Jahren dabei helfen durften, sie einzufangen, wenn bei Familie Draoulec Hühnchen auf dem Speiseplan stand. Hühner einfangen war ein großer Spaß, ich rannte so lange immer hinter dem am nächsten herumhüpfenden Huhn her, bis ich eins hatte. Einmal habe ich allerdings gesehen, wie zwei Hühner an den Füßen aufgehängt im Stall an einer Stange baumelten, aus den Schnäbeln lief Blut in zwei Eimer, und die Hühner flatterten noch mit den Flügeln. Das war mir unangenehm, und ich hab mich schnell aus dem Staub gemacht. Später habe ich aber der alten Madame Draoulec dabei zugeschaut, wie sie einem Huhn alle Federn abgerupft hat, bis es so aussah wie die Hühner im Supermarkt.

    Die Episode mit der Gräte war übrigens nicht das einzige Nahtoderlebnis, das ich in der Bretagne hatte. Als ich elf war, verbrachten wir wieder einmal die Ferien auf dem Hof der Familie Draoulec. Ich bekam Bauchschmerzen und wurde ziemlich unleidlich. Der Dorfarzt diagnostizierte eine Magenverstimmung und verordnete Lindenblütentee – ein weiteres Lebensmittel, das mir seither verleidet ist, was meine Liebe zur Bretagne aber nicht geschmälert hat. Jedenfalls brachte mich der vermaledeite Kräuterpunsch nicht voran. Im Gegenteil. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich blieb im Bett und kannte nach zwei Tagen alle Astlöcher und jede Kurve der Maserung an den Wänden des Gemachs, die aus groben Brettern bestanden. Ich sah dort Gesichter und Tiere; ganze Geschichten spielten sich auf dem Holz ab. Ich würde es gern meiner Fantasie zuschreiben, vielleicht habe ich aber auch deliriert. In der dritten Nacht meines Krankendaseins wurde mein Gejammer so unerträglich, dass meine Eltern mich ins Auto trugen und zum nächsten Krankenhaus fuhren, das immerhin eine gute Stunde entfernt war. Es war eine akute Blinddarmentzündung. Ich wurde operiert und bekam nun jeden Tag Besuch von der Familie, immer ein kleines Geschenk im Gepäck, eine Karte mit einem Pierrot (diese melancholischen Clowns waren damals ganz groß in Mode), ein Tagebuch – und sogar einen Arztkoffer. Meine Brüder, die mich zuvor als Memme verlacht hatten, schlichen demütig um mich herum, und ich genoss es sehr. Zu meinem Glück war ich in einer Privatklinik gelandet, hatte ein eigenes Zimmer, formidable Verpflegung (meine erste Crème Caramel!) und dazu Schwester Fride, die aus dem Elsass stammte und deutsch mit mir sprach. Alles in allem ein Erlebnis, mit dem ich nach den Ferien prahlen konnte – und trotzdem war ich froh, als wir wieder auf dem Hof ankamen und meine Mutter die Tür zu unserem Häuschen aufschloss.

    ***

    Ich höre den Schlüssel im Schloss. Mein Freund kommt herein und setzt sich mir gegenüber.

    „Wie wär’s, sollen wir zur Kirmes gehen, ein Crêpe essen und du erzählst mir, was dich ärgert?“

    Was habe ich da für einen Goldschatz! Viel besser als geschmolzenes Glas!

    „Es tut mir leid …“, sage ich, „ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Ich fange an, hektisch den Herd zu putzen.

    „Lass doch mal die Putzerei, und setz dich wieder.“ Ich setze mich und suche erneut nach einer Erklärung.

    „Ich erkenne mich selbst nicht wieder, mich strengt alles so furchtbar an. Ich könnte ständig ausrasten – wegen nichts.“

    „Hat das was mit mir zu tun?“

    „Nein, auf keinen Fall. Es ist einfach gerade alles Scheiße. Ich kann mich zu nichts aufraffen, ich schlafe schlecht, ich weiß auch nicht. Ich sehe nur noch schwarz. Dabei war ich immer so positiv …“ Ich fange an zu heulen. Wie ein Kind, das nicht mehr weiterlaufen will. Er ist ratlos. Ich bin ratlos. Ich will gerettet werden und weiß, dass ich es selbst tun muss. Ich wünschte, ich wäre wieder acht. Da mir nichts Besseres einfällt, schniefe ich:

    „Lass uns Urlaub in der Bretagne buchen, ja?“

    „Okay.“

    Okay? Einfach so? Ich kann es nicht fassen. Ich werde Muscheln sammeln, keinen Fisch essen, jede Menge Crêpes verschlingen und keinen Cidre konsumieren. Außerdem nehme ich einen Stapel Bücher mit und lese, wann ich will, auch ohne Taschenlampe. Er massiert sich die Schläfen wie meine Eltern nach durchfahrener Nacht.

    „Aber du weißt, dass das nicht die Lösung ist, oder?“ Ich weiß es. Ich bin ja kein Kind mehr.

    Die Fotos sind im bretonischen Plogoff entstanden.

  • … Audierne

    … Audierne

    Im Außenbereich der Bar ‚La Cambuse‘ ist gut sitzen und auf die Promenade am Hafen gucken. Zwischen dem Wasser und der Straße stapeln sich die ‚Casiers‘, die Fangkörbe, in denen die Fischersleute hier Langustinen aus dem Meer holen.

    Hauptwirtschaftszweig – neben dem Tourismus – ist in Audierne die Fischerei. Davon zeugt die große Fischhalle, die dafür sorgt, dass der Ort sich ein bisschen von all den anderen pittoresken (ehemaligen) Fischereihäfen der Bretagne unterscheidet. Audierne sagt: Fühl dich willkommen, aber wir haben auch noch was anderes zu tun, als nur Kaffee zu servieren und Souvenirs zu verkaufen.

    Sympathisch. Alltäglich. Und doch von der typisch bretonischen Schönheit, der durch den kleinen Makel der wirklich nicht schönen Fischhalle etwas angenehm Normales, Bodenständiges anhaftet.

    Natürlich werden auch in Audierne Andenken verkauft: regionaltypische, aber auch skulpturale Töpferwaren, Trödel, Kleidung, Nippes und vieles mehr. Es gibt reichlich Lokale aller Art direkt am Wasser oder eine Etage höher in der oberhalb verlaufenden Parallelstraße.  

    Soweit der Eindruck eines ersten kurzen Abstechers nach Audierne, der Lust gemacht hat auf eine etwas ausgiebigere Visite.

    Von Audierne aus geht es mit der Fähre zur Ile de Sein, deren Einwohnerschaft im 2. Weltkrieg besonders engagiert in der Résistance war. Die Insel gehörte 1946 zu den fünf Städten, die die Auszeichnung ‚Ordre de la Libération‘ erhielten.

  • … Rotterdam

    … Rotterdam

    Alle sprechen von Amsterdam, aber auch Rotterdam ist eine Reise wert. Da ich bereits beruflich darüber geschrieben habe, möchte ich auf diesen Beitrag über diese tolle Stadt verweisen. Zwei Empfehlungen, die im Beitrag fehlen: das Fenix Museum, das dem Thema Migration gewidmet ist, und das vegane Restaurant Spirit Rotterdam, das wirklich überragend leckere Vielfalt bietet.

    Das Foto unten zeigt übrigens das ‚Weiße Haus‘ ein denkmalgeschütztes Bürogebäude von 1898, das zur Bauzeit mit 45 Metern als höchstes Bürogebäude und erster Wolkenkratzer Europas galt.

  • … denen da oben

    … denen da oben

    Error – Error – Error

    Um Himmels Willen! Was ist denn jetzt schon wieder? Das rote Lämpchen blinkt regelmäßig, unaufhörlich – und nervtötend. Jedes Blinken wird durch ein akustisches Alarmsignal begleitet. Tröt!

    Trööt!

    Tröööt!

    Erst mal die Lautsprecher ausstellen. Er seufzt. Schon wieder Ärger mit diesem verfluchten Programm. Dabei war er damals so stolz darauf gewesen. Sein erstes selbstgeschriebenes Programm. Der Startpunkt seiner steilen Karriere. Damals war auch das Betriebssystem „Kosmos“ noch ganz neu gewesen, Nachfolger von „Schwarzloch“. Mittlerweile war es etwas in die Jahre gekommen, aber er war immer noch zufrieden damit. Das Ganze war ja eigentlich nur eine Spielerei gewesen, eine ABM gegen seine Langeweile. Der Launch seines Erstlings jedenfalls glich zwar eher einer Bastelstunde, aber das Ergebnis war dann doch bahnbrechend. Zugegeben, es hatte schon relativ schnell die ersten Probleme gegeben. Irgendein Apple-Fehler. Das Programm erstellte plötzlich unerwartete Instanzen von den Objekten, die er anfangs definiert hatte (ohne zu wissen, was genau er mit ihnen anfangen wollte) und fing an, sich selbst zu behindern. Daraufhin hatte er zunächst den Cleaner eingesetzt und dann das Programm mit den zehn heftigsten Viren getestet, die er kannte, darunter fR0grAin und C4ildsdEaTh#, die für unvorstellbares Chaos gesorgt hatten. Das Programm lief trotzdem weiter, das widerstandsfähige Ding, und – dem Himmel sei Dank – auch Updates ließen sich machen. Allerdings kam mit jedem Update ein neues Problem hinzu. Das Programm fing an sich selbst zu zerstören. Die Instanzen wurden immer mehr und scannten schon das gesamte Dateisystem, wie er dem Protokoll entnehmen konnte. Allerdings fehlten vielen von ihnen entscheidende Funktionen, sie verursachten einen Crash nach dem anderen. Er seufzte wieder und kraulte sich seinen aus der Form geratenen Hipsterbart. Ein weiteres Update würde sich wohl kaum lohnen. Er musste dem Übel an die Wurzel. Was tun? Das Programm komplett überarbeiten? Wenigstens die Default-Einstellungen? Schwierig. Die Sache hatte ihn schon so viel Zeit gekostet. Allein das Thema Sprachversionen …

    Ah, eine E-Mail. Von seinem belämmerten Sohn, der sich für einen Guru hält. Was will er? Schon wieder Geld? Kein Wunder, wenn er immer so großzügig an jeden Penner Brot und Wein verschenkt. Er hat ja auch nach der Schule nichts gelernt. „Wie wär’s mit Zimmermann?“ hatte er ihm vorgeschlagen. „Laaaangweilig“, war die Antwort gewesen. Klar, es war ja auch viel einfacher, von den Lizenzeinnahmen des berühmten Vaters zu leben. Wenn er das damals geahnt hätte, als er das Kind adoptiert hatte – aber die Familie lebte nun mal in wirklich prekären Verhältnissen. Er hatte es für eine ziemlich gute Idee gehalten. Nun ja. Es blinkt, und er hat plötzlich eine wirklich gute Idee – wie sein Sohn sich nützlich machen kann. Schließlich gibt es eine einzige Sache, mit der der Faulpelz sich auskennt: Computer. Er schreibt: „Komm her, wenn du was willst.“

    Eine Stunde später taucht das Faultier endlich auf, das ja nur die paar Schritte von Wolke 7 zu seiner Cloud machen musste. „Wenn du Geld brauchst, musst du erst etwas für mich erledigen.“ Augenrollen. Er überträgt seinem Ziehsohn die Aufgabe, das Programm zu bereinigen. Und siehe da: Der Junge stürzt sich mit Begeisterung in die Arbeit. Der Filius taucht mit seinem VR-Anzug, diesem neumodischen Teil, ab, um die neuronalen Netzwerke der Instanzen umzutrainieren. Als er wieder auftaucht, soll er natürlich erklären, was genau er gemacht hat und ob alles gut gelaufen ist. „Ich hab den Instanzen jede Menge Guidelines verpasst, jetzt läuft alles wieder.“ Der Junge sieht allerdings zerzaust aus, es muss anstrengend gewesen sein. Ob er auch keine Probleme beim Logout gehabt habe? „Nö, alles easy“, ist die Antwort – das Lächeln hängt dabei allerdings etwas schief. Das Blinken hat aufgehört. Halleluja, gerade rechtzeitig zur Mittagspause. Gabriel ruft schon: „Mein Gott, das Essen ist fertig!“ Hoffentlich nicht schon wieder Manna.

    Als er aus der Mittagspause zurückkommt, traut er seinen Augen nicht: Es blinkt wie zuvor. Error! Error! Sein Sohn, der Idiot, hat sich mit dem Geld, das er ihm dankbar in die Hand gedrückt hat, aus dem Staub gemacht. Das Wort „Error“ drängt sich wieder in sein Blickfeld, diesmal auf einem anderen Bildschirm. What? Das Programm hat angefangen, ein anderes Programm zu infizieren. Die Instanzen haben biometrische Footprints im Programm „Mond“ hinterlassen. Alles virtuell natürlich, aber trotzdem: Was soll er tun? Zu allem Überfluss scheint das Ganze jetzt auch noch Auswirkungen auf die Lüftung zu haben, die inzwischen lautstark auf Touren kommt. Eine Überhitzung droht. Vielleicht hilft ein simples Plug-in? Damals hatte das Hilfsprogramm „Ten norms“ gut geholfen. Aber jetzt? Nein, ihm reicht’s. Nachdem er auf install.exe für eine saubere Version von „Mond“ geklickt hat, schaut er auf die andere Seite des Co-Working-Lofts. Vielleicht bietet er die Lizenz für das schrottreife Programm „Erde“ einfach dieser Luzie Fair zum Kauf an. Sie war schon immer scharf darauf gewesen.

    Die Fotos sind im bretonischen Carnac am Strand entstanden. Da gibt es viel Himmel, und da oben ist vielleicht mehr los, als man von unten so denkt. Wer weiß …

  • … einer unsterblichen Liebe

    … einer unsterblichen Liebe

    Wenn ich heute an deinem Grab stehe, denke ich oft an unsere Sommer, die die reinste Wonne waren. Du schautest mir von deinem schattigen Lieblingsplatz aus bei der Gartenarbeit zu. Pausierte ich auf der Terrasse, geselltest du dich zu mir. Bienensummen und einträchtige Stille erfüllten die Luft. Im Winter saß ich oft auf dem Sofa, dein Kopf auf meinem Bein, meine Hand an deinem Hals. Wenn ich jetzt morgens aufwache, bin ich allein und denke an dich.

    Gehe ich abends schlafen, vermisse ich deine Nähe. Die einvernehmlichen Blicke vor dem Zu-Bett-Gehen, dein allabendlicher letzter Rundgang, um nach dem Rechten zu sehen, während ich schon in mein Buch vertieft war. Dein Lebensrhythmus, der dich in einem Moment spielerisch-übermütig, im nächsten verträumt-faulenzerisch sein ließ. All das fehlt mir so sehr.

    Sechzehn Monate sind vergangen seit dem Begräbnis, und manchmal fühle ich mich dir trotzdem immer noch so verbunden. Als wir uns damals begegneten, hatte dein Blick so etwas Flehentliches, das hat mich sehr gerührt und magisch angezogen. Die Sprachbarriere und unsere Mentalitätsunterschiede haben uns beide nie interessiert. So ist es eben, wenn man aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammt. Du warst auffallend schreckhaft, das hat bis zum Ende nicht ganz aufgehört. Ein lautes Knallen, ein aufheulender Motor, und du bist zusammengezuckt. Warum? Ich weiß es nicht. Ich habe ja nicht das Geringste über dein Leben vor unserer Begegnung erfahren. In dieser Hinsicht warst du sehr geheimnisvoll und diskret. Du hast aber stets meine Nähe gesucht, bist sogar direkt bei mir eingezogen. Ich wollte es ja auch so.

    Jede Nacht haben wir zusammen verbracht – abgesehen von den Urlauben. Das Reisen war nicht so deins, also bin ich Mal für Mal ohne dich weggefahren. Kehrte ich zurück, erwartetest du mich voller Sehnsucht und Zärtlichkeit. Überhaupt warst du jederzeit ausgesprochen liebevoll. Das hat alsbald meine Freunde für dich eingenommen. Lediglich meine Freundin Ute beharrte bis zum Schluss darauf, du seist ein eifersüchtiger Pascha, der sie spüren ließ, wenn sie nicht willkommen war. Sie war immer froh, mich allein vorzufinden, wenn sie kam. „Ist der Herr aushäusig unterwegs?“ pflegte sie dann mit einem ironischen, gehässigen Unterton zu fragen. In der Tat: Du hattest Besuch nicht besonders gern, aber du hast auch da höflich geschwiegen, auf deine elegante und zurückhaltende Art.

    Als die anderen – abgesehen von Ute – mit der Zeit registrierten, wie du mich fortwährend umwarbst, entwickelten sie tiefe Freundschaft und großen Respekt für dich. Und auch ich habe dich voll und ganz respektiert, trotz deiner vielen Facetten, die dich zuweilen schwer einschätzbar machten. Ängstlich warst du, geradezu verschreckt, aber zugleich ein Dandy und Flaneur. So kultiviert und apart. Ob du eitel warst ob deiner Schönheit? Ich bin mir nicht sicher. Lediglich nachdem dir ein Zahn gezogen worden war, nahm dein Gesicht manchmal diesen schiefen Ausdruck an, der mir etwas gequält erschien und dir ein leicht groteskes Aussehen verlieh.

    Zahn oder nicht – unzweifelhaft warst du eine stattliche Erscheinung, und natürlich rätselte ich darüber, was du überhaupt an mir fandest. Wenn ich von der Arbeit heimkam und du nicht da warst, fragte ich mich manchmal, ob du es dir bei einer anderen gut gehen ließest. Ob dir meine Bemühungen, deinen kulinarischen Geschmack zu treffen, nicht mehr gefielen, meine Fürsorge dir auf die Nerven fiel? Ging dir irgendetwas gegen den Strich? Ich weiß es nicht. Du kamst jedenfalls immer wieder zurück zu mir. Und ich wollte dich schließlich nie einschränken. Das geht bei jemandem wie dir auch gar nicht.

    Ich habe gelernt, dass Beziehungen ohne Freiheit nicht funktionieren. Man muss tolerieren können. Deine Marotten beispielsweise. Dein ewiger Waschzwang: Ob wir einen spannenden Film im Fernsehen sahen oder Freunde zu Besuch da waren, es konnte dich jederzeit überkommen. Deine übertriebene Körperpflege ließ mich oft heimlich unter meinen Achseln schnuppern, denn ich ging davon aus, dass du auch bei mir auf penible Reinlichkeit achtetest. Aber du warst in dieser Hinsicht vollkommen liberal. Selbst wenn mir zuweilen ein Darmwind entfuhr oder ich ein wenig verschwitzt war, ließest du mich deine Zuneigung uneingeschränkt spüren. Und meine Liebe für dich war ebenso grenzenlos. Daran änderte selbst deine strikte Weigerung nichts, deine Essgewohnheiten an meinen veganen Lebensstil anzupassen. Nein, immer musste es Fleisch sein. Ich stellte allerdings fest, dass selbst diese Uneinigkeiten in Grundsatzfragen unserer Beziehung nicht schadeten.

    Trotzdem – es gab auch schwierige Momente. In den Jahren unseres Zusammenlebens habe ich einige Male die ganze Nacht vergeblich auf dich gewartet. Als du dann wiederauftauchtest, warst du derart anhänglich, dass ich nicht weiter nachgeforscht habe. Ich sagte dann einfach „Komm, lass uns schmusen.“ Das taten wir viel und ausgiebig, eng aneinandergeschmiegt und ohne überflüssige Worte. Niemals hätte ich unsere einzigartige Verbindung gefährdet, dieses unvergleichliche Glück.

    Ich möchte nicht oberflächlich erscheinen, aber dein Äußeres hat mir mindestens ebenso sehr gefallen wie deine eigenwillige Persönlichkeit. Du warst ein sehr sportlicher Typ, geradezu athletisch. Du hattest, wie so viele, das Klettern für dich entdeckt. So wie das Reisen nichts für dich war, war das Klettern nie so meins. Ich machte mir oft Sorgen um dich, wenn ich dich in halsbrecherischer Höhe sah. Im Laufe der Jahre hatte ich zunehmend den Eindruck, du seist zu alt für dieses riskante Hobby, aber das habe ich dir natürlich nie gesagt. Man muss auch schweigen können. Darauf führe ich es übrigens zurück, dass es zwischen uns so gut lief. Auf das Schweigen. Streit gab es nie zwischen uns. Du gabst mir keinen Anlass dazu. So wenig Worte du machtest, so viel Empathie hattest du. War ich wütend, ließest du mich toben. War ich traurig, umgabst du mich mit samtener Anteilnahme. War ich fröhlich, warst du es ebenfalls. Mehr Loyalität kann man nicht erwarten.

    Natürlich – manchmal habe ich mich trotz allem ein bisschen geärgert. Dann konnte ich dich auch richtig anfauchen. Mein Hang zur Pedanterie im Haushalt ist legendär, und du hast nie gelernt, dass die Fußmatte genauso für dich da war wie für mich. Oder vielleicht war das einfach das letzte Quäntchen Aufsässigkeit, das du dir bewahrt hattest. Bei schlechtem Wetter habe ich oft hinter dir her geputzt. Je mehr ich gesagt habe „Warte mal, bleib stehen“, desto mehr Schritte hast du zurückgelegt und mir dabei genervte Blicke zugeworfen, die wohl heißen sollten: „Rutsch mir den Buckel runter.“ Habe ich es dann mit meiner Schimpferei übertrieben, konntest auch du die Krallen ausfahren. In der Hinsicht warst du ein bisschen ignorant und rücksichtslos. Aber das ist wirklich das Einzige, was ich zu bemängeln hatte. Und wie gern würde ich ein wenig Dreck in Kauf nehmen, hätte ich dich nur zurück.

    Du hast Schönheit, Gelassenheit, Verlässlichkeit und ein Übermaß an Emotionen in mein Leben gebracht. Aber nichts ist für die Ewigkeit. Als es dir immer schlechter ging, kamen die endlosen Arztbesuche, die uns mürbe machten. Du hast dich nicht gesträubt, aber es war dir sichtlich mühsam. Irgendwann sagten die Mediziner: „Wir können nichts machen, er will einfach nicht mehr.“ Das habe ich nicht verstanden. Wir hatten doch alles. Wir waren doch glücklich, du und ich? Aber du hast mir auch das nicht erklärt. Noch am Ende, als du gar keine Kraft mehr hattest, kamst du nachts ganz nah an mich heran. Lagst in meinen Armen, nur noch Haut und Knochen. Und als du dann gestorben bist, habe ich mit dir gesprochen, ganz leise und vorsichtig, während meine Tränen auf dich fielen. Aber ich glaube, als du die letzten krampfhaften Atemzüge getan hast, warst du schon ganz weit weg. Wenn ich heute vor unserem Haus der Nachbarin begegne, die ihren stumpfsinnigen Hund an der Leine hinter sich herzerrt, wird mir das Herz schwer. Ich erinnere mich daran, wie du den dummen Köter von deiner Seite des Zauns aus gefoppt hast. Auf deine raffinierte, etwas überhebliche Art, die mir immer so sehr imponiert hat.

    In solchen Momenten denke ich, ich hole wieder einen Kater aus dem Tierheim. Aber das wäre eben nur ein anderer Kater aus dem Tierheim.

    Die Fotos habe ich im südfranzösischen Örtchen Cassis aufgenommen. Der Text ist ein Wettbewerbsbeitrag aus dem Jahr 2019.
  • … dem einarmigen Heinz (Kap. 1)

    … dem einarmigen Heinz (Kap. 1)

    Alle wichtigen Ereignisse in seinem Leben hatten an einem Donnerstag stattgefunden. Er war an einem Donnerstagnachmittag geboren, hatte an einem Donnerstag seinen Moped-Führerschein gemacht und kurz danach bei einem Unfall an einem Donnerstag seinen linken Arm verloren. An einem Donnerstag hatte er Margret, genannt Maggie, kennengelernt, und sie hatten natürlich an einem Donnerstag geheiratet, was wirklich ungewöhnlich war. Man heiratet schließlich nicht donnerstags. Aber so war es. An einem Donnerstag wurde ihre Tochter geboren, und vier Jahre später trug er Frau und Kind an einem Donnerstag zu Grabe. Auch das ungewöhnlich, aber wahr. Eine Beerdigung an einem Donnerstag, hatten die Leute getuschelt. Das war jetzt 30 Jahre her, und Heinz Wreszinski trauerte noch immer. Er war jetzt Anfang 60, in Altersteilzeit, und jeden ersten Donnerstag im Monat besuchte er den Ostpark, den Friedhof, wo seine geliebte Maggie und seine süße Fernanda die letzte Ruhe gefunden hatten. Unter einer gigantischen Linde waren die beiden Urnen versenkt worden. Und Heinz hatte sich während des Vorgangs und auch danach immer wieder gefragt, wie es sein konnte, dass die beiden Behältnisse gleich groß waren. Schließlich war Maggie eine stattliche, ziemlich mollige Schönheit gewesen. Und die kleine Fernanda mit den Streichholzärmchen und -beinchen schaffte es beim Versteckspiel auch mit vier noch, sich in den Wäschekorb zu quetschen.

    Heinz seufzte tief und vernehmlich, als er an diesem Donnerstag auf dem kleinen Steinbänkchen unter der Linde Platz nahm. Etwa zehn Minuten saß er einfach so da, hielt sein Gesicht in die warm leuchtende Oktobersonne und ließ die Gedanken schweifen. Dann tauschte er, wie immer, die roten und weißen Rosen in der grünen Plastikvase gegen die vertrockneten vom letzten Besuch, und wie immer dachte er daran, wie die schwangere Maggie, bekennender ABBA-Fan, ihm mitgeteilt hatte, das Kind solle Fernando heißen. Falls es ein Mädchen würde Fernanda. ‚If I had to do the same again, I would, my Friend, Fernanda’, sang er leise, während er die Blumen zurecht drapierte. Über ihm ließ der Herbstwind die Blätter rascheln, und außer ihm war niemand zu sehen. Zumindest sah Heinz niemanden, auch nicht die Frau, die ihn aus einiger Entfernung beobachtete.

    Die Fotos sind im Dortmunder Osten entstanden.

    Hier geht’s zu Kapitel 2.

  • … Wandersleuten in der Eifel

    … Wandersleuten in der Eifel

    Anfang Mai in der Eifel: ein Traum in Rapsgelbgrün. Unsere Unterkunft in der beschaulichen Ferienhaussiedlung am Riedener Waldsee, die gerade erst zum Saisonleben erwacht, ist gut ausgestattet. Vor allem gibt es eine Terrasse mit Seeblick, die für drei Tage zum Outdoor-Wohnzimmer avanciert. Wer nicht selbst kochen mag, geht ein paar Schritte zum italienischen Restaurant, das selbstverständlich ‚Al Lago‘ heißt. Hier gibt es leckeres Essen und ebensolche Getränke direkt am Wasser. Doch deswegen sind wir nicht hier.

    Wir wollen wandern – auf den Traumpfaden (orange ausgeschildert) und Traumpfädchen (blau gekennzeichnet), derer es hier zahlreiche gibt. Wir starten mit einem Pfädchen direkt am See zu einem ausgedehnten Spaziergang – und laufen uns sozusagen warm für den nächsten Tag, der dem Wacholderweg gewidmet ist. Start- und Endpunkt ist die Wacholderhütte. Unsere Gruppe besteht aus zehn Leuten unterschiedlichster Fitness-Levels, aber der Weg ist für alle gut zu schaffen. Wacholderheide, Wiesen und Waldstücke wechseln sich ab, weite Blicke, Vogelgesänge, Blütenvielfalt und Insektengewimmel geben reichlich Anlass, Bestimmungs-Apps zu vergleichen oder einfach zu genießen – dass die Sonne scheint, die Stimmung gut ist, wir in der wunderbaren Natur durchatmen und entspannen können.

    Irgendwann verliere ich Vor- und Nachhut aus dem Blick und biege gemäß der Beschilderung auf einen kleinen, steilen Pfad ab. Nur noch wenige Hundert Meter durch den Wald, und ich stehe wieder vor der Wacholderhütte, wo nach und nach alle eintrudeln. Ein letztes Highlight der Tour ist die Einkehr. Ofenkartoffeln und Kuchen, je nach Geschmack, dazu Kalt- oder Heißgetränke. „Alles hausgemacht, alles lecker“, preist die emsige Eifelerin an, die uns mit Leckereien und guter Laune versorgt.

    Jetzt wären wir bereit für eine anspruchsvollere Tour, aber dafür reicht unsere Zeit nicht. Nächstes Mal.

  • … den (Pseudo-)Tropen

    … den (Pseudo-)Tropen

    Oh, wie schön ist Panama! Panama? Nein, wir sind hier im bretonischen Quimper! Genauer im herrlichen Jardin de la Retraite.

    An der östlichen Stadtmauer gelegen, erstreckt sich dieser schöne Park mit seinen drei Bereichen – Palmen- und Trockengarten sowie tropische Pflanzen – über mehrere Terrassen und profitiert vom milden, durch den nahen Golfstrom begünstigte Klima. Die botanische Vielfalt inmitten der Stadt hat mich sehr begeistert!