Schlagwort: Urlaub

  • Plogoff

    Plogoff

    „Kann ich Ihnen helfen?“

    Der Bademeister, schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß, athletisch, vielleicht 25-jährig, hat wohl bemerkt, dass ich seit gut zehn Minuten das Becken umkreise und mit steigender Ungeduld das Wasser absuche.

    „Ich suche meinen Freund.“ Sagt man in meinem Alter eigentlich noch ‚Freund‘? Nicht vielleicht eher ‚Lebensgefährte‘ oder sowas?

    „Wie sieht er denn aus?“ Tja, was soll ich sagen. Schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß …

    „So wie Sie.“ Meine schlechte Laune und dass ich wohl etwa doppelt so alt wie er sein mag, verhüten wahrscheinlich, dass er das als Anmache versteht. Wir schauen jetzt beide ratlos aufs Wasser. Es ist voller Bademeister-Kopien (oder Freund-Kopien), dazwischen hin und wieder eine kreischende Frau, die von einem der Tätowierten auf die Schultern genommen oder durch die Luft geworfen wird. Wie sind wir auf die blöde Idee verfallen, uns in diesem Freibad zu treffen? Man muss für die Schließfächer selbst ein Schloss mitbringen. Wusste ich nicht. Immerhin habe ich das Handtuch meines Freundes (oder Lebenspartners) und seine Tasche auf dem Rasen gefunden und mein Handtuch mit meiner Tasche danebengelegt. Jetzt stehe ich hier mit leuchtenden Fußnägeln und düsterer Laune, neben mir der Bademeister, der nur ‚hm‘ murmelt.

    „Danke, ich denke, das hat keinen Zweck“, sage ich miesepetrig und mache mich auf den Weg zu meinem Handtuch. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommt mein schwarzhaariger, tätowierter Freund freudestrahlend, pitschnass und quietschfidel wie ein 10-Jähriger auf mich zugehüpft, lässt sich schwungvoll neben mir nieder und umarmt mich mit chlorwassernassen Armen. Ich rümpfe die Nase.

    „Da bist du ja endlich!“

    Wir sagen es gleichzeitig. Er enthusiastisch, ich vorwurfsvoll. Ich will am liebsten sofort wieder gehen. Auf keinen Fall will ich in das überfüllte Becken. Was ist bloß los mit mir?

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte es nicht genug Freibadtage für mich geben. Je voller das Becken, umso toller. Es sei denn, es waren Ferien und ein Strand in erreichbarer Nähe. Das war noch besser. Um dorthin zu gelangen, packten meine Eltern den grünen Ford Taunus voll. Mein Vater hatte zwei Kisten gebaut, die genau den Fußraum füllten bis zur Kante der umgeklappten Sitze. Die Kisten wurden vollgepackt, dann der komplette Raum darüber, bedeckt von einer dünnen, eigens zugeschnittenen Schaumstoffmatratze, und obenauf lagen wir – meine Brüder und ich – in unseren Schlafsäcken. Sicherheitsgurte waren damals noch gänzlich unbekannt oder zumindest gänzlich ungenutzt. Mitten in der Nacht fuhren wir los – und natürlich schliefen wir die meiste Zeit nicht, sondern raubten unseren Eltern den letzten Nerv. Ich muss mal, wann sind wir da, mir ist schlecht … In einer Kühlbox waren Getränke – und vor allem etwas, das es nur auf dem Weg in den Urlaub gab: Erfrischungsstäbchen. Mit denen wurden wir ruhiggestellt, meist nur für kurze Zeit, aber immerhin. Bis heute sind diese zuckrig-schokoladigen Süßwaren für mich der Inbegriff des Urlausbeginns. Der Biss in die knusprige Schoko-Zuckerhülle, gefolgt von dem künstlichen Aroma des flüssigen Innenlebens – herrlich!

    Kamen wir endlich in einem Dorf in Frankreich an, sagen wir in der Provence oder der Bretagne, verließen wir Kinder das Ferienhaus – während sich die Eltern die Schläfen massierten und nach durchfahrener Nacht die Füße hochlegten – und kannten nach drei Stunden den Ort mit all seinen Geheimnissen und Offensichtlichkeiten. Wo waren Tiere, wo gab es etwas Verfallenes, wo konnte man ein Eis kaufen? Waren diese lebenswichtigen Fragen geklärt und das erste Eis gegessen, gingen meine Brüder mit dem Ball auf den Sportplatz, während ich heimkehrte und leise den Kühlschrank durchforstete nach etwas, was den Straßenkatzen schmecken könnte. Die Eltern hatten eingekauft, sich dann hingelegt und ahnten nicht, dass ich die Rinden von allen verfügbaren Käsesorten abschnitt und in kleine Stückchen teilte. Mit dieser Ausbeute rannte ich durchs mittägliche Dorf, wo die lavendelfarbenen Fensterläden geschlossen und kaum jemand in den Gassen unterwegs war. Traf ich auf eine Katze, wurde sie von mir mit Käserinde gefügig gemacht. Vor allem die lädierten Modelle standen hoch in meiner Gunst. Zerzaustes Fell und angenagte Ohren, Humpelpfoten und Einäugige gingen mir besonders ans Kinderherz. Auch ein Katzenbiss, der eine entzündete, stark geschwollene Hand und einen Besuch beim örtlichen Landarzt nach sich zog, konnte daran nichts ändern.

    In der Provence war es auch in den Osterferien schon heiß. In den Sommerferien erst recht. Das Meer war weit weg, also musste das örtliche Freibad herhalten. Es lag am Ortsrand und hatte nur ein einziges winziges Becken. Unser Vater, der gegen Schwimmbäder und Chlorwasser eine tiefe Abneigung hegte, musste hartnäckig bearbeitet werden, den einen oder anderen Familienausflug mit uns dorthin zu unternehmen. Hatten wir ihn lange genug genervt, begaben wir uns, bepackt mit Badesachen, Handtüchern, Schirm, Verpflegung und Sonnencreme, auf die lange Straße hinaus aus dem Dorf. Mir erschien sie als Kind unendlich lang, vielleicht waren es aber nur ein paar Hundert Meter. Die Hitze flimmerte über der Straße, auf der der Teer schmolz, und machte alles ein bisschen unscharf, und in den Ginstersträuchern am Straßenrand knisterte und knackte es. Die Grillen, die man selten sah, aber immer hörte, veranstalteten einen Mordsradau, als wollten sie uns vor irgendetwas warnen. Hitzschlag vielleicht? Waren wir dann da, setzte sich unser Vater strohbehütet und missgelaunt auf sein Handtuch und las, während unsere Mutter uns in den Badepausen Baguette reichte, belegt mit dem Erzeugnis, dessen Rinde ich bereits großzügig entfernt hatte. Meine Brüder sprangen vom Beckenrand und döppten sich gegenseitig unter, während ich es liebte zu tauchen und meine Bahnen unter Wasser zu ziehen.

    Manchmal fuhren wir auch zu einem der Bäche, die sich durch die provenzalischen Berge schlängeln. Dann saßen wir auf großen, flachen, sonnenerhitzten Steinen, picknickten und badeten in den vereinzelten Becken, die Natur oder Mensch gestaut hatte. Natürlich bauten wir auch selbst kleine Staudämme aus Steinen und Treibgut. Das Wasser war eiskalt, und wir wateten darin herum bis wir lila angelaufene Lippen und Zehen hatten. Um uns herum stoben die Wasserläufer auseinander, wenn wir uns gegenseitig jagten. Wurden es allerdings zu viele von den sechsbeinigen Spinnenwesen, ergriff ich selbst die Flucht und beobachtete sie von einem felsigen Aussichtspunkt aus.

    Mein Taschengeld trug ich zum Lädchen am Dorfplatz und kaufte Schokoriegel. Raider, das heute Twix heißt, oder tam, das später zu Lion wurde. Als ich das erste Mal Lion aß, geriet ich ad hoc in eine temporäre Abhängigkeit. Ich glaube, die Ladeninhaberin musste meinetwegen Extrabestellungen aufgeben. Ich aß die Riegel schichtweise – also erst die Schoko-Karamell- beziehungsweise Schoko-Karamell-Puffreis-Schicht, dann den Keks oder die Waffel. Meine Mutter versuchte erfolglos, mir das abzugewöhnen. Sicher, man konnte auch einfach abbeißen, aber das war nur der halbe Spaß. Das war wie ein Schwimmbadbesuch ohne Proviant oder ein Dorf ohne Katzen. Einmal traf ich ein anderes deutsches Mädchen in meinem Alter, das dabei war, die Katzen zu füttern. Von dem Tag an waren wir für den Rest der Ferien unzertrennlich und stromerten tagtäglich zusammen durchs Dorf, erkundeten den Schlosspark, die eine oder andere Ruine und sammelten Galläpfel, hart und trocken und rund wie Murmeln. Wenn man mit der Nagelfeile den Stielansatz abfeilte, hatte man perfekte Kugeln. Meine Brüder hatten ein Hühnergehege entdeckt und machten sich einen Spaß daraus, wie wild mit einem Salatblatt vor dem Gitter herumzufuchteln. Die gierig herangelaufenen Hühner bewegten ihre Köpfe wie irre Technotänzer hinter dem Salatblatt her, bis sie anfingen zu torkeln, als hätten sie zu viel Cidre getrunken. Das sah ziemlich lustig aus, aber die Tiere taten mir auch leid, deswegen brachte ich ihnen heimlich – um meinen Ruf bei meinen Brüdern nicht zu ruinieren – später ein paar Gemüsereste als Wiedergutmachung und konnte deutlich sehen, dass das Federvieh mir mit freundlichen Blicken und Gurrlauten Absolution erteilte. Dass von den Einkäufen ein nicht unerheblicher Teil verschwand (und, wie wir wissen, bei den Tieren des Dorfes landete), nahmen unsere Eltern mit Gleichmut auf. Aber wehe, man vergriff sich an den kostbaren Persipanrauten namens ‚Calissons d’Aix‘. Das konnte einen schon mal den Nachtisch kosten oder einen Teil des Taschengeldes.

    Am herrlichsten waren die Urlaube auf dem Bauernhof in der Bretagne. Wir rannten durch die Maisfelder und ernteten hin und wieder einen kleinen unreifen Kolben, um zwischendurch darauf herumzukauen und uns einzubilden, wir könnten allein in der Wildnis überleben. Es gab Hunde, Katzen und Hühner, die frei überall herumliefen – und Kühe, die mit dicken Eutern zwischen dem Stall und der Weise hin und her pilgerten. Morgens ging eins von uns Kindern mit der Blechkanne zum Stall, und Monsieur Draoulec, der Landwirt, füllte uns die Kanne mit euterwarmer Milch, die ganz dickflüssig war und ein bisschen nach Karamell schmeckte. Der Geschmack ist unvergesslich.  

    Wurde ein neues Kälbchen geboren, war das natürlich ein Riesenereignis für uns Kinder. Wir durften es streicheln, und es nahm eine ganze Kinderhand in sein Kalbsmäulchen, um zahnlos daran herumzulutschen, was mich mit großer Begeisterung erfüllte. Anschließend wischte ich die Hand an meiner Latzhose ab und rannte in meinen Clogs zur Scheune, wo es uns erlaubt war, ganz oben auf die gestapelten Heuballen zu klettern und von da herunterzuspringen. Das musste man vor lauter Glück und Freude in manchen Momenten einfach tun. Fand ich eine Katze im Heu, konnte ich ewig dort liegen, das Felltier kraulen und seinem Schnurren zuhören. Die Ewigkeit dauerte meist nicht wirklich lang – eine Kinderewigkeit ist eben eine andere als eine Erwachsenenewigkeit. Normalerweise hatte die Katze nach einigen Minuten zu viel von meinen Liebesbekundungen und suchte das Weite.

    ***

    Wir haben inzwischen auch das Weite gesucht, das Freibad verlassen und sitzen im Auto. Ich habe mich strikt geweigert ins Wasser zu gehen oder überhaupt noch länger zu bleiben.

    „So ein verkacktes Schwimmbad, in dem alle gleich aussehen“, wettere ich. Der Schwarzhaarige an meiner Seite grinst.

    „Danke für das Kompliment“, sagt er und nimmt es mir gar nicht übel. Ich ärgere mich nur noch mehr.

    „Was ist denn los?“ will er wissen.

    „Nichts“, grummele ich. Er ist ein kluger Mann und lässt das so stehen. Ich bin leider keine kluge Frau.

    „So einfach gibst du dich zufrieden? Es interessiert dich anscheinend gar nicht wirklich, was los ist.“ Meine Güte, bin ich eine blöde Kuh. Das denkt er sich wohl auch, denn er entgegnet:

    „Ich gehe jetzt Kaffee trinken, und du kannst dir in Ruhe überlegen, was dir stinkt.“ Das Auto kommt in einer Parkbucht zum Stehen. Ich koche. Zu Unrecht, wie ich weiß. Was soll ich machen. Er steigt aus und lässt mich einfach sitzen. Ich starre in der Gegend rum. Mein Blick fällt auf die Muscheln, die seit dem letzten Urlaub im Auto mitfahren. Ich seufze. Muscheln sammeln …

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte ich davon einfach nicht genug kriegen. Im Bretagne-Urlaub fuhren wir jeden zweiten Tag ans Meer. An die Küste von Finistère. Kilometerlange Strände und versteckte Buchten wurden von mir barfuß abgelaufen, Sandkorn für Sandkorn, auf der Suche nach den Schätzen des Meeres, die da waren: Jakobsmuscheln, die besten Exemplare waren natürlich die, an denen beide Flügelchen unversehrt waren; Sepiaschalen, die ich für meine Kanarienvögel mit nach Hause nahm und an denen sich die Trillermätze mit Wonne die Schnäbel wetzten; Austern, möglichst groß, die daheim zu Seifenschalen umfunktioniert wurden; und natürlich alle anderen Herrlichkeiten, die es am Strand gab – Teile von Krebsen, bunt-schillernde Schneckenhäuser, von fingernagel- bis handtellergroß; und Schmetterlingsmuscheln in zarten Lila- und Rosétönen wie die Himmelsnuancen an kalten Tagen – in solchen Farben sollte man Fußnägel lackieren, fand ich als Kind.

    Wenn man dann mit all den Fundstücken zu dem Platz zurückkam, an dem die Familie campierte, bekamen wir riesige, dünne Scheiben Wassermelone, die uns Clownsgesichter zauberten. Und dann gab es natürlich noch den Sirup, der im Supermarkt in 1l-Blechflaschen verkauft wurde – Minze, Zitrone oder Himbeere. Mein Favorit war der giftgrüne Minzsirup, der mit Wasser vermischt eine etwas bekömmlichere Farbe annahm und gefahrlos getrunken werden konnte. Mein erstes Mal Minzsirup war eine geschmackliche Offenbarung wie später das erste Mal Datteln im Speckmantel. Heute käme ich nicht mehr darauf so etwas ungesundes wie Sirup zu trinken. Mit Wasser verdünnt wird im Urlaub nur noch Pastis – auch nicht gesund, aber immerhin aus Kräutern.

    Natürlich gab es die Schätze aus dem Meer auch hin und wieder auf den Teller. Ich mochte Fisch, der in der kargen Küche des bretonischen Steinhäuschens zubereitet und am Tisch vorm Kamin verspeist wurde. Bis zu dem Tag, an dem ich anscheinend zu sehr geschlungen hatte und eine Gräte tief in meinem Kinderhals steckenblieb. Ich würgte und hustete und kriegte einen roten Kopf. Meine Brüder betrachteten mich mit erwartungsvollem Interesse. Zum ersten Mal in meinem zu dem Zeitpunkt achtjährigen Leben fühlte ich das Ende nahen. Mein Vater rannte los und holte eine Pinzette, meine Mutter riss mir den Mund auf, und in herausragender Teamarbeit befreiten sie mich von dem Mörderteil und schenkten mir ein zweites Mal das Leben. Ich habe bis zur Studienzeit keinen Fisch mehr gegessen – und wenn, dann habe ich ihn zum Erstaunen meiner Kommilitonen mit der Gabel auf dem Teller püriert, bevor ich ihn probiert habe. Bis heute traue ich Fischen nur noch über den Weg, wenn ich sie im Meer oder anderen Gewässern schwimmen sehe.

    ***

    Im Moment schwimmt vor mir ein Teebeutel, ich blase Trübsal und schäme mich für mein kindisches Verhalten. Am liebsten möchte ich mich entschuldigen, aber ich will auch noch schmollen – so wie früher als Kind. Ich gehe runter zum dm an der Ecke. Ich brauche Trostnahrung. Erstmals seit Jahrzehnten kaufe ich mir ein Lion. Und dazu einen Nagellack. Farbe: Flieder. In Gedanken streiche ich Flieder und schreibe Schmetterlingsmuschel. Zurück in der Wohnung esse ich den Schokoriegel nach guter alter Manier Schicht für Schicht. Dann lackiere ich mir die Fußnägel und denke an Muscheln.

    ***

    Als ich noch ein Kind war, habe ich einmal eine noch ganze, geschlossene Muschel gefunden, als der bretonische Markt vorbei war und keine Stände mehr zu sehen waren. Es war keine Miesmuschel, sondern so eine helle, geriffelte. Ich nahm sie mit und bat meine Mutter, mir das Schalentier zuzubereiten. Sie hatte aber keine Ahnung von der Muschelzubereitung, warf den Straßenfund einfach in kochendes Wasser, und als das arme Tier aufgegangen war, legte sie es mir auf einen Teller. Ich friemelte das fleischige Stückchen mit Gabel und Fingern heraus, steckte es in den Mund und biss zu. ‚Beurck‘ sagt der Franzose, ich sagte einfach ‚iiieh‘ und spuckte das Ding wieder aus. Ich schob die Unterlippe vor und schmollte, wie ich es damals ständig tat. Wahrscheinlich wegen des angenehmen bilabialen Erlebnisses. Die Muschel erinnerte mich an Gummi – so wie die Tintenfischringe, die mein Opa beim Italiener aß und mich immer wieder probieren ließ. Da war aber wenigstens Panade dran. So wie an Wiener Schnitzel. Essen gehen war etwas, was wir vor allem mit den Großeltern machten. ‚Zum Italiener‘ war wie Ferien. Unter der Decke hingen Fischernetze mit Plastikkrebsen und -fischen, aus den Lautsprechern kam ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘ und dann: klitzekleine warme Brötchen mit sahneweicher Kräuterbutter, die im Töpfchen schon ganz gelb geworden war. Konnte es etwas Besseres geben? Für mich kaum …

    Bretonische Crêpes vielleicht. Manchmal wurde auf dem Bauernhof eine lange Tafel aufgebaut, und Monsieur Draoulec bereitete mit viel gesalzener Butter die besten, dünnsten Pfannkuchen der Welt zu. Dazu floss für die Erwachsenen der Cidre in Strömen, für uns Kinder gab es die üblichen Sirupgetränke. Ich durfte allerdings mal am Glas meines Vaters nippen und fand den Cidre gar nicht schlecht, woraufhin ich heimlich alle Cidrereste aus diversen Gläsern unbemerkt austrank und am nächsten Tag den ersten Kater meines Lebens hatte. Seither bin ich in Sachen Cidre ein gebranntes Kind.

    Apropos, eines Nachts weckten unsere Eltern uns und trieben uns in aller Eile aus dem Haus. Der Hühnerstall nebenan stand in Flammen. Ich war hin und weg. An die Hühner habe ich gar nicht gedacht – ich hatte noch nie ein brennendes Haus gesehen. Es war im Dunkel der Nacht ein fantastisch-infernalisches Spektakel. Außerdem durften wir mitten in der Nacht wach sein – etwas, was ich durch wiederkehrendes Die-Treppe-Herunterschleichen immer wieder, meist ohne Erfolg, zu erreichen versuchte: Ich habe Durst (trink ein Glas Wasser und dann ab ins Bett); ich habe Hunger (wir haben eben gegessen, zisch ab); ich habe Angst (wir sind hier und passen auf, du brauchst keine Angst zu haben); kann ich noch ein bisschen mit vorm Kamin sitzen (jetzt reicht’s aber, jetzt wird geschlafen)! Dann blieb nur noch die übliche Taschenlampe unter der Bettdecke, solange niemand petzte (die hat wieder die Taschenlampe an, ich kann nicht schlafen).

    Jedenfalls war mir die ganze Aufregung der Erwachsenen angesichts der Flammen ein Rätsel. Die Feuerwehr kam und löschte das Feuer. Die Hühner waren alle tot. Ein paar Tage später durften wir mal rein in die schwarz-verkohlte Ruine, und da habe ich einen Klumpen gefunden, wie ein riesiger Edelstein. Geschmolzenes Glas. Dieses Pseudojuwel habe ich immer noch. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet diesen Schatz aus der Kindheit aufgehoben habe.

    Um die Hühner tat es mir leid, zumal wir in anderen Jahren dabei helfen durften, sie einzufangen, wenn bei Familie Draoulec Hühnchen auf dem Speiseplan stand. Hühner einfangen war ein großer Spaß, ich rannte so lange immer hinter dem am nächsten herumhüpfenden Huhn her, bis ich eins hatte. Einmal habe ich allerdings gesehen, wie zwei Hühner an den Füßen aufgehängt im Stall an einer Stange baumelten, aus den Schnäbeln lief Blut in zwei Eimer, und die Hühner flatterten noch mit den Flügeln. Das war mir unangenehm, und ich hab mich schnell aus dem Staub gemacht. Später habe ich aber der alten Madame Draoulec dabei zugeschaut, wie sie einem Huhn alle Federn abgerupft hat, bis es so aussah wie die Hühner im Supermarkt.

    Die Episode mit der Gräte war übrigens nicht das einzige Nahtoderlebnis, das ich in der Bretagne hatte. Als ich elf war, verbrachten wir wieder einmal die Ferien auf dem Hof der Familie Draoulec. Ich bekam Bauchschmerzen und wurde ziemlich unleidlich. Der Dorfarzt diagnostizierte eine Magenverstimmung und verordnete Lindenblütentee – ein weiteres Lebensmittel, das mir seither verleidet ist, was meine Liebe zur Bretagne aber nicht geschmälert hat. Jedenfalls brachte mich der vermaledeite Kräuterpunsch nicht voran. Im Gegenteil. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich blieb im Bett und kannte nach zwei Tagen alle Astlöcher und jede Kurve der Maserung an den Wänden des Gemachs, die aus groben Brettern bestanden. Ich sah dort Gesichter und Tiere; ganze Geschichten spielten sich auf dem Holz ab. Ich würde es gern meiner Fantasie zuschreiben, vielleicht habe ich aber auch deliriert. In der dritten Nacht meines Krankendaseins wurde mein Gejammer so unerträglich, dass meine Eltern mich ins Auto trugen und zum nächsten Krankenhaus fuhren, das immerhin eine gute Stunde entfernt war. Es war eine akute Blinddarmentzündung. Ich wurde operiert und bekam nun jeden Tag Besuch von der Familie, immer ein kleines Geschenk im Gepäck, eine Karte mit einem Pierrot (diese melancholischen Clowns waren damals ganz groß in Mode), ein Tagebuch – und sogar einen Arztkoffer. Meine Brüder, die mich zuvor als Memme verlacht hatten, schlichen demütig um mich herum, und ich genoss es sehr. Zu meinem Glück war ich in einer Privatklinik gelandet, hatte ein eigenes Zimmer, formidable Verpflegung (meine erste Crème Caramel!) und dazu Schwester Fride, die aus dem Elsass stammte und deutsch mit mir sprach. Alles in allem ein Erlebnis, mit dem ich nach den Ferien prahlen konnte – und trotzdem war ich froh, als wir wieder auf dem Hof ankamen und meine Mutter die Tür zu unserem Häuschen aufschloss.

    ***

    Ich höre den Schlüssel im Schloss. Mein Freund kommt herein und setzt sich mir gegenüber.

    „Wie wär’s, sollen wir zur Kirmes gehen, ein Crêpe essen und du erzählst mir, was dich ärgert?“

    Was habe ich da für einen Goldschatz! Viel besser als geschmolzenes Glas!

    „Es tut mir leid …“, sage ich, „ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Ich fange an, hektisch den Herd zu putzen.

    „Lass doch mal die Putzerei, und setz dich wieder.“ Ich setze mich und suche erneut nach einer Erklärung.

    „Ich erkenne mich selbst nicht wieder, mich strengt alles so furchtbar an. Ich könnte ständig ausrasten – wegen nichts.“

    „Hat das was mit mir zu tun?“

    „Nein, auf keinen Fall. Es ist einfach gerade alles Scheiße. Ich kann mich zu nichts aufraffen, ich schlafe schlecht, ich weiß auch nicht. Ich sehe nur noch schwarz. Dabei war ich immer so positiv …“ Ich fange an zu heulen. Wie ein Kind, das nicht mehr weiterlaufen will. Er ist ratlos. Ich bin ratlos. Ich will gerettet werden und weiß, dass ich es selbst tun muss. Ich wünschte, ich wäre wieder acht. Da mir nichts Besseres einfällt, schniefe ich:

    „Lass uns Urlaub in der Bretagne buchen, ja?“

    „Okay.“

    Okay? Einfach so? Ich kann es nicht fassen. Ich werde Muscheln sammeln, keinen Fisch essen, jede Menge Crêpes verschlingen und keinen Cidre konsumieren. Außerdem nehme ich einen Stapel Bücher mit und lese, wann ich will, auch ohne Taschenlampe. Er massiert sich die Schläfen wie meine Eltern nach durchfahrener Nacht.

    „Aber du weißt, dass das nicht die Lösung ist, oder?“ Ich weiß es. Ich bin ja kein Kind mehr.

  • Audierne

    Audierne

    Im Außenbereich der Bar ‚La Cambuse‘ ist gut sitzen und auf die Promenade am Hafen gucken. Zwischen dem Wasser und der Straße stapeln sich die ‚Casiers‘, die Fangkörbe, in denen die Fischersleute hier Langustinen aus dem Meer holen.

    Hauptwirtschaftszweig – neben dem Tourismus – ist in Audierne die Fischerei. Davon zeugt die große Fischhalle, die dafür sorgt, dass der Ort sich ein bisschen von all den anderen pittoresken (ehemaligen) Fischereihäfen der Bretagne unterscheidet. Audierne sagt: Fühl dich willkommen, aber wir haben auch noch was anderes zu tun, als nur Kaffee zu servieren und Souvenirs zu verkaufen.

    Sympathisch. Alltäglich. Und doch von der typisch bretonischen Schönheit, der durch den kleinen Makel der wirklich nicht schönen Fischhalle etwas angenehm Normales, Bodenständiges anhaftet.

    Natürlich werden auch in Audierne Andenken verkauft: regionaltypische, aber auch skulpturale Töpferwaren, Trödel, Kleidung, Nippes und vieles mehr. Es gibt reichlich Lokale aller Art direkt am Wasser oder eine Etage höher in der oberhalb verlaufenden Parallelstraße.  

    Soweit der Eindruck eines ersten kurzen Abstechers nach Audierne, der Lust gemacht hat auf eine etwas ausgiebigere Visite.

    Von Audierne aus geht es mit der Fähre zur Ile de Sein, deren Einwohnerschaft im 2. Weltkrieg besonders engagiert in der Résistance war. Die Insel gehörte 1946 zu den fünf Städten, die die Auszeichnung ‚Ordre de la Libération‘ erhielten.

  • Dinard

    Dinard

    Wer war nicht schockverliebt in Jean-Marc Barr, damals, 1988? Ich saß mit meiner französischen Austauschfreundin Sophie in Paris im Kino. Es lief ‚Le Grand Bleu‘ (Im Rausch der Tiefe). Die sphärischen Klänge der Filmmusik lullten mich ein, während ich ein ums andere Mal mit dem schönen, weltentrückten Apnoetaucher ins tiefe Blau hinabglitt. Als ich wieder auf der Straße stand, hatte Jean-Marc Barr alle vom Sockel gestoßen, die ich bis dato angehimmelt hatte: Errol Flynn, John Lennon, Captain Kirk und ein paar Mitschüler. Ich sah den Film natürlich später zuhause noch einmal, fand Jean Reno albern und Rosanna Arquette dämlich, war wieder betört vom hübschen Jean-Marc.

    „Neun Monate haben wir gedreht, und ich bin zweimal fast ertrunken. Dieser Film hat mein Leben verändert.“
    Jean-Marc Barr

    Jahrzehnte habe ich nicht mehr an ihn gedacht – bis ich plötzlich in Dinard vor einer Tür stehe, an der sein Name prangt. Was, hier wohnt Jean-Marc Barr? Nein, natürlich nicht. Auch nicht Catherine Deneuve oder Sandrine Bonnaire. Nein, hier hat der bretonische Badeort den Vorsitzenden seiner Filmfestivaljurys ein Denkmal gesetzt. Nicht, weil die sich hier am Strand umgekleidet hätten für die große Gala, sondern weil die Kojen am Wasser zu den Wahrzeichen der Stadt zählen und sich für eine solche Hommage eignen (wahrscheinlich auch, weil es hier reichlich Türen gibt – es sind noch einige frei. Vielleicht für Omar Sy oder Léa Seydoux?!).

    Als ich aus meinen Erinnerungen aufwache, sehe ich jenseits des Wassers Saint-Malo, erstmals von Dinard aus. Es ist tatsächlich eine völlig neue Perspektive – und die Nachbarstadt ein echtes Kontrastprogramm. Dort die alte Piratenfestung, hier die mondäne Filmstadt mit einem altehrwürdigen Kino, mehreren Grand-Hotels und entspannt-gehobener Atmosphäre. Nahezu alles sehr schön, wenngleich ich auf das Casino hätte verzichten können. Allemal einen Tagesausflug wert, aber ich würde trotzdem immer das nicht weit entfernte Dinan vorziehen; hört sich fast genauso an, ist aber viel malerischer. Empfehlen kann ich für das Logement in Reichweite von Saint-Malo, Dinard und Dinan die Ferienwohnungen von Elodie in Minihic-sur-Rance. Mit viel Liebe zum Detail gestaltet und in einem entzückenden Dorf gelegen. Unten weitere Impressionen aus der Festivalstadt … 

  • Carnac

    Carnac

    Error – Error – Error

    Um Himmels Willen! Was ist denn jetzt schon wieder? Das rote Lämpchen blinkt regelmäßig, unaufhörlich – und nervtötend. Jedes Blinken wird durch ein akustisches Alarmsignal begleitet. Tröt!

    Trööt!

    Tröööt!

    Erst mal die Lautsprecher ausstellen. Er seufzt. Schon wieder Ärger mit diesem verfluchten Programm. Dabei war er damals so stolz darauf gewesen. Sein erstes selbstgeschriebenes Programm. Der Startpunkt seiner steilen Karriere. Damals war auch das Betriebssystem „Kosmos“ noch ganz neu gewesen, Nachfolger von „Schwarzloch“. Mittlerweile war es etwas in die Jahre gekommen, aber er war immer noch zufrieden damit. Das Ganze war ja eigentlich nur eine Spielerei gewesen, eine ABM gegen seine Langeweile. Der Launch seines Erstlings jedenfalls glich zwar eher einer Bastelstunde, aber das Ergebnis war dann doch bahnbrechend. Zugegeben, es hatte schon relativ schnell die ersten Probleme gegeben. Irgendein Apple-Fehler. Das Programm erstellte plötzlich unerwartete Instanzen von den Objekten, die er anfangs definiert hatte (ohne zu wissen, was genau er mit ihnen anfangen wollte) und fing an, sich selbst zu behindern. Daraufhin hatte er zunächst den Cleaner eingesetzt und dann das Programm mit den zehn heftigsten Viren getestet, die er kannte, darunter fR0grAin und C4ildsdEaTh#, die für unvorstellbares Chaos gesorgt hatten. Das Programm lief trotzdem weiter, das widerstandsfähige Ding, und – dem Himmel sei Dank – auch Updates ließen sich machen. Allerdings kam mit jedem Update ein neues Problem hinzu. Das Programm fing an sich selbst zu zerstören. Die Instanzen wurden immer mehr und scannten schon das gesamte Dateisystem, wie er dem Protokoll entnehmen konnte. Allerdings fehlten vielen von ihnen entscheidende Funktionen, sie verursachten einen Crash nach dem anderen. Er seufzte wieder und kraulte sich seinen aus der Form geratenen Hipsterbart. Ein weiteres Update würde sich wohl kaum lohnen. Er musste dem Übel an die Wurzel. Was tun? Das Programm komplett überarbeiten? Wenigstens die Default-Einstellungen? Schwierig. Die Sache hatte ihn schon so viel Zeit gekostet. Allein das Thema Sprachversionen …

    Ah, eine E-Mail. Von seinem belämmerten Sohn, der sich für einen Guru hält. Was will er? Schon wieder Geld? Kein Wunder, wenn er immer so großzügig an jeden Penner Brot und Wein verschenkt. Er hat ja auch nach der Schule nichts gelernt. „Wie wär’s mit Zimmermann?“ hatte er ihm vorgeschlagen. „Laaaangweilig“, war die Antwort gewesen. Klar, es war ja auch viel einfacher, von den Lizenzeinnahmen des berühmten Vaters zu leben. Wenn er das damals geahnt hätte, als er das Kind adoptiert hatte – aber die Familie lebte nun mal in wirklich prekären Verhältnissen. Er hatte es für eine ziemlich gute Idee gehalten. Nun ja. Es blinkt, und er hat plötzlich eine wirklich gute Idee – wie sein Sohn sich nützlich machen kann. Schließlich gibt es eine einzige Sache, mit der der Faulpelz sich auskennt: Computer. Er schreibt: „Komm her, wenn du was willst.“

    Eine Stunde später taucht das Faultier endlich auf, das ja nur die paar Schritte von Wolke 7 zu seiner Cloud machen musste. „Wenn du Geld brauchst, musst du erst etwas für mich erledigen.“ Augenrollen. Er überträgt seinem Ziehsohn die Aufgabe, das Programm zu bereinigen. Und siehe da: Der Junge stürzt sich mit Begeisterung in die Arbeit. Der Filius taucht mit seinem VR-Anzug, diesem neumodischen Teil, ab, um die neuronalen Netzwerke der Instanzen umzutrainieren. Als er wieder auftaucht, soll er natürlich erklären, was genau er gemacht hat und ob alles gut gelaufen ist. „Ich hab den Instanzen jede Menge Guidelines verpasst, jetzt läuft alles wieder.“ Der Junge sieht allerdings zerzaust aus, es muss anstrengend gewesen sein. Ob er auch keine Probleme beim Logout gehabt habe? „Nö, alles easy“, ist die Antwort – das Lächeln hängt dabei allerdings etwas schief. Das Blinken hat aufgehört. Halleluja, gerade rechtzeitig zur Mittagspause. Gabriel ruft schon: „Mein Gott, das Essen ist fertig!“ Hoffentlich nicht schon wieder Manna.

    Als er aus der Mittagspause zurückkommt, traut er seinen Augen nicht: Es blinkt wie zuvor. Error! Error! Sein Sohn, der Idiot, hat sich mit dem Geld, das er ihm dankbar in die Hand gedrückt hat, aus dem Staub gemacht. Das Wort „Error“ drängt sich wieder in sein Blickfeld, diesmal auf einem anderen Bildschirm. What? Das Programm hat angefangen, ein anderes Programm zu infizieren. Die Instanzen haben biometrische Footprints im Programm „Mond“ hinterlassen. Alles virtuell natürlich, aber trotzdem: Was soll er tun? Zu allem Überfluss scheint das Ganze jetzt auch noch Auswirkungen auf die Lüftung zu haben, die inzwischen lautstark auf Touren kommt. Eine Überhitzung droht. Vielleicht hilft ein simples Plug-in? Damals hatte das Hilfsprogramm „Ten norms“ gut geholfen. Aber jetzt? Nein, ihm reicht’s. Nachdem er auf install.exe für eine saubere Version von „Mond“ geklickt hat, schaut er auf die andere Seite des Co-Working-Lofts. Vielleicht bietet er die Lizenz für das schrottreife Programm „Erde“ einfach dieser Luzie Fair zum Kauf an. Sie war schon immer scharf darauf gewesen.

    Die Fotos sind im bretonischen Carnac am Strand entstanden. Da gibt es viel Himmel, und da oben ist vielleicht mehr los, als man von unten so denkt. Wer weiß …

  • Norderney

    Norderney

    Auf der Insel genießen die Gäste entspannten Müßiggang, Radtouren durch die Dünen, Konzerte vor dem Conversationshaus und vor allem viel frische Luft. Das erinnert mich an die folgende kleine Wortspielerei aus dem Jahr 2020, in dem frische Luft eine ganz neue Relevanz bekam:

    LUFTREINIGUNGSGERÄT
    UFTREINIGUNGSGERÄT
    FTREINIGUNGSGERÄT
    TREINIGUNGSGERÄT
    REINIGUNGSGERÄT
    EINIGUNGSGERÄT
    INIGUNGSGERÄT
    NIGUNGSGERÄT
    IGUNGSGERÄT
    GUNGSGERÄT
    UNGSGERÄT
    NGSGERÄT
    GSGERÄT
    SGERÄT
    GERÄT
    ERÄT
    RÄT
    ÄT
    T

    inspiriert durch ernst jandls strickleiter

  • Rieden

    Rieden

    Anfang Mai in der Eifel: ein Traum in Rapsgelbgrün. Unsere Unterkunft in der beschaulichen Ferienhaussiedlung am Riedener Waldsee, die gerade erst zum Saisonleben erwacht, ist gut ausgestattet. Vor allem gibt es eine Terrasse mit Seeblick, die für drei Tage zum Outdoor-Wohnzimmer avanciert. Wer nicht selbst kochen mag, geht ein paar Schritte zum italienischen Restaurant, das selbstverständlich ‚Al Lago‘ heißt. Hier gibt es leckeres Essen und ebensolche Getränke direkt am Wasser. Doch deswegen sind wir nicht hier.

    Wir wollen wandern – auf den Traumpfaden (orange ausgeschildert) und Traumpfädchen (blau gekennzeichnet), derer es hier zahlreiche gibt. Wir starten mit einem Pfädchen direkt am See zu einem ausgedehnten Spaziergang – und laufen uns sozusagen warm für den nächsten Tag, der dem Wacholderweg gewidmet ist. Start- und Endpunkt ist die Wacholderhütte. Unsere Gruppe besteht aus zehn Leuten unterschiedlichster Fitness-Levels, aber der Weg ist für alle gut zu schaffen. Wacholderheide, Wiesen und Waldstücke wechseln sich ab, weite Blicke, Vogelgesänge, Blütenvielfalt und Insektengewimmel geben reichlich Anlass, Bestimmungs-Apps zu vergleichen oder einfach zu genießen – dass die Sonne scheint, die Stimmung gut ist, wir in der wunderbaren Natur durchatmen und entspannen können.

    Irgendwann verliere ich Vor- und Nachhut aus dem Blick und biege gemäß der Beschilderung auf einen kleinen, steilen Pfad ab. Nur noch wenige Hundert Meter durch den Wald, und ich stehe wieder vor der Wacholderhütte, wo nach und nach alle eintrudeln. Ein letztes Highlight der Tour ist die Einkehr. Ofenkartoffeln und Kuchen, je nach Geschmack, dazu Kalt- oder Heißgetränke. „Alles hausgemacht, alles lecker“, preist die emsige Eifelerin an, die uns mit Leckereien und guter Laune versorgt.

    Jetzt wären wir bereit für eine anspruchsvollere Tour, aber dafür reicht unsere Zeit nicht. Nächstes Mal.

  • Quimper

    Quimper

    Oh, wie schön ist Panama! Panama? Nein, wir sind hier im bretonischen Quimper! Genauer im herrlichen Jardin de la Retraite.

    An der östlichen Stadtmauer gelegen, erstreckt sich dieser schöne Park mit seinen drei Bereichen – Palmen- und Trockengarten sowie tropische Pflanzen – über mehrere Terrassen und profitiert vom milden, durch den nahen Golfstrom begünstigte Klima. Die botanische Vielfalt inmitten der Stadt hat mich sehr begeistert!

  • Šiauliai

    Šiauliai

    Im Norden Litauens liegt Šiauliai, eine Stadt, auf die Touristen wahrscheinlich vor allem durch den nahegelegenen Kreuzhügel stoßen. Letzterer ist übrigens eine ziemlich skurrile Sehenswürdigkeit: ein über und über mit Kreuzen bedeckter Hügel. Angeblich hat man bei 50.000 aufgehört zu zählen. Um diesen Ort, in dessen Nähe in den 1990er-Jahren ein Kloster erbaut wurde, ranken sich verschiedene Legenden. Doch das nur am Rande, denn eigentlich möchte ich das Fotomuseum empfehlen. Nicht nur das Gebäude mit der begehbaren Dachterrasse ist sehenswert, auch die Sammlung mit historischen und modernen Exponaten macht Freude. Bei schönem Wetter die Umgebung von oben durch verschiedene Filter zu betrachten, lässt die Stadt, die auf meine Begleitung und mich eher nicht sehr einladend gewirkt hat, in schillernden Farben erscheinen. Kreuzhügel und Fotomuseum zähle ich jedenfalls zu den Highlights meiner Litauenreise.

  • Florenz

    Florenz

    Oh! Mein! Gott!

    Kann bitte jemand eine Aspirin für Mister Marmor besorgen? Und für mich auch, denn das Programm des Tages bestand aus:

    • Accademia
    • Uffizien
    • Verkehrschaos
    • Verkehrschaos
    • Verkehrschaos
    • Alles für die Kunst!
  • Minazen

    Minazen

    „Mum, du bist der Babo!“

    „Babo?“ Ich betrachte meinen 14-jährigen Sohn Maximilian misstrauisch. Ein unbekanntes Wort. Wohl Jugendsprache? Irgendeine Unverschämtheit, bloß weil ich ihn gebeten habe, den Müll mit rauszunehmen? Ich begebe mich in meinem Sprachwissenschaftlerinnengehirn auf die Suche. Bevor ich fündig werde, ergreift die Frucht meiner Lenden das Wort:

    „Boah, Mum, das is doch uralt. Das heißt Chef oder Boss – oder auch Vater. In ganz vielen Sprachen. Das sagt Esad auch immer zu seinem Dad.“

    Ich nicke – halb verärgert, halb zufrieden ob des erstaunlichen Wissens meines Sprösslings – und erwidere:

    „Wes Kind bist du, weises Geschöpf?“

    „Na, wenn du das nicht weißt …“

    „Wie meinen?“ Meine favorisierte Gegenfrage für alle Lebenslagen.

    Maximilian verdreht die Augäpfel und öffnet die Wohnungstür, vor der der Halbstarke aus der Mansardenwohnung steht. Rocco. Haben Sie sich jemals Gedanken über Namensgebung gemacht? Dann lassen Sie einmal die Assoziationen, die Sie beim Klang des Namens Rocco haben, Revue passieren. Rocco. Das ist der Schläger, das Früchtchen, dessen Schabernack es von einem Schlamassel zum nächsten treibt. Der Tunichtgut, der in Kinderschuhen bereits eine kriminelle Karriere einschlägt. Der Albdruck jedes vernunftbegabten Menschen, dessen Kind mit so einem Rocco verkehrt. Nun aber Obacht. Unser Rocco entspricht diesem Klischee in keiner Weise. Lediglich an seiner Ausdrucksweise muss noch gefeilt werden. Und das ist von seiner Elternschaft kaum zu erwarten – sonst hätte sie sich sicher für den bewährten Namen Rochus entschieden. Rocco jedenfalls ist, abgesehen von seinem unflätigen, mir zuweilen vollkommen unverständlichen Sprachgebrauch abgesehen, ein kluger, liebenswürdiger Anwärter auf einen akzeptablen Lebenslauf. Ich nehme an, das ist dem seit der Krabbelepoche anhaltenden sagenhaften Einfluss meines Sohnes geschuldet, wenngleich selbst ich zuweilen Zweifel daran habe. Etwa wenn mein Abkömmling versucht, mir die Vorzüge des Einsatzes von Wasserpistolen im Pubertäts-Alltag bourgeoiser Straßengangs oder den intellektuellen Nutzen eines Videospiels namens Minecraft zu erläutern. Meine Standardantwort auf solcherlei Grillen lautet: Mumpitz.

    Zum Abschied sage ich zu den beiden Halunken:

    „Gehet hin in Frieden, kehret zurück in angemessener Kleidung.“

    Ich finde das witzig. Mein Sohn nicht. Die Türe knallt geräuschvoll zu. Durch das geöffnete Fenster höre ich, wie Rocco sagt:

    „Ey, Max, deine Mutter ist krass cool, Alter!“

    Mit diesen letzten zeitgemäßen, ein wenig wohlfeilen, aber deshalb nicht weniger wahren Auslassungen entschwindet das Duo. Ich bleibe mit einem Schaudern zurück, denn leider hatte ich bei der Benennung meines Juniors nicht bedacht, dass aus Maximilian gar zu schnell ein einsilbiges Max wird (ich bin wohl die letzte einer aussterbenden Art, die ihn mit vollem Namen anspricht). Dass Rocco von meinen Eigenheiten, die mancher als Schrullen bezeichnen würde, stets beeindruckt ist, nimmt mich sehr für ihn ein. Ich sehe die beiden Rangen auf dem Trottoir bereits ihre Wasserpistolen zücken – und verliere mich in Erinnerungen der vergangenen Jahre …

    ***

    Ich: Maximilian, bevor ihr geht, bedenke bitte, dass du noch ein Bild für deinen Oheim malen wolltest. Morgen ist der Geburtstag.

    Rocco: Was isn Oheim?

    Maximilian: Das is der Alte von der Muhme.

    Rocco: Heißt das nich Mumie?

    Maximilian: Muhme ist Tante, Alter. Oheim ist Onkel.

    Ich: Und sei diesmal netter zu deiner Base.

    Rocco: Blase?

    ***

    Ich: In der Remise liegt schon wieder Sperrmüll. Das war wieder Herr Stümper, so ein Malefiz.

    Rocco: Das kenn ich, voll gut.

    Ich: Was ist denn daran gut?

    Rocco: Ich gewinne dabei immer!

    Ich: Du sprichst in Rätseln, du Spargeltarzan!

    Maximilian: Boah, Mum, der meint das Spiehiel!

    Rocco: Tarzan, ey, identifizier ich mich voll mit.

    Ich: Etwas mehr Ernst, bitte. Das mit dem Sperrmüll ist kein Pappenstiel.

    Rocco: Hä?

    ***

    Ich: Ich lege jetzt noch ein Geschmeide an, um der Einladung von Charlotte und Lothar in angemessenem Aufzug zu folgen. Doch bevor ich euch Grünschnäbel hier zurücklasse, bitte ich darum, kein Schindluder mit meinen Sachen zu treiben. Und wenn ich zurückkomme, will ich hier kein Tohuwabohu vorfinden.

    Maximilian: Is klar, Mum!

    Rocco: Ey, is Grünschnabel was Gutes?

    Ich: Das ist etwas sehr Gutes, du saumseliger Halunke!

    Maximilian: Du bist so fies, Mum!

    Rocco: Also nich gut? Und wieso Geschneide? Muss man da eigenes Besteck mitbringen?

    ***

    Erfrischend, diese hanebüchenen Dialoge mit der bildungsfernen Jugend, die radebrechend durchs Leben taumelt, immer bereit, mir irgendeine Mär zu erzählen, gespickt mit Begriffen, die es gar nicht gibt – oder die frei erfunden sind. Kreativ sind sie ja. Nun, jetzt sind sie für ein Weilchen fort, und ich nutze die Gunst der Stunde, schlüpfe in meine Galoschen der Marke mit dem Krokodil, begebe mich in meinen fulminanten Garten und fröne dem Müßiggang. Lediglich das ein oder andere Insekt piesackt mich. Aber da bin ich nicht etepetete.

    Leider hat mein temporärer Schlendrian schon bald ein Ende. Die beiden Kumpane sind zurück und stören meine Gartenidylle. Maximilian begrüßt mich geradezu euphorisch:

    „Mum, du Boomer, wir haben uns was überlegt!“

    „Boomer? D‘accord, ich gehöre zur Generation der Babyboomer, aber wieso …“

    „Nee, du hast voll keine Kenne. Das heißt, du bist ein Klugscheißer.“

    „Aha, aus deinem Mund nehme ich es als Kompliment.“

    „Geht klar. Also pass auf.“

    Rocco ist damit beschäftigt, den Backfisch in Nachbars Garten zu begaffen, die kleine Wuchtbrumme. Doch als sie sich dessen gewahr wird, ergreift sie die Flucht. Gut gemacht, holde Maid, nicht dass du einem dieser Lotterbuben anheimfällst. Rocco wendet seine Aufmerksamkeit uns zu. Sein Beitrag:

    „Das is so ne Challenge. Immer wenn wir eins von Ihren Wörtern nich kennen, schreiben wir das auf. Aber wenn wir was sagen, was Sie nich kennen, schreiben wir das auch auf.“ Er zeichnet zwei Spalten auf ein Blatt, über der linken steht ‚R&M‘, über der anderen ‚Mum von Max‘.

    „Ab jetz 24 Stunden. Wer am Ende mehr hat, hat verloren!“

    „Ha!“ Ad hoc entfleucht mir diese arrogante Silbe.

    Ich bin begeistert – und verachtungsvoll. Was bilden sich denn diese beiden ahnungslosen Scharlatane ein? Wüsste ich es nicht besser, ich dächte, mein Sohn sei ein Kuckucksei – wie kann er auf so eine irre Idee kommen? Von mir aus gern. Denn er hat recht: Ich bin ein Boomer, ehedem Klugscheißerin.

    „Ihr seid mir zwei echte Haudegen!“ Ich sehe, dass ich gerade das erste Wort für die Liste geliefert habe, so tumb schaut Rocco drein.

    „Das Ganze erfordert natürlich absolute Ehrlichkeit. Rocco, was bedeutet Haudegen?“

    „Äh … Kämpfer?“ Hm. Ein Glückstreffer, denke ich.

    „Wann geht’s los?“

    „Jetzt“, sagt Maximilian, „ups, bei Rocco hängt das Arschfax raus.“

    Rocco dreht sich hektisch um sich selbst. Mein Stammhalter ignoriert ihn und sagt:

    „Und, Mum, was ist ein Arschfax?“

    „Ein hässliches Wort jedenfalls …“

    „Und ein Wort auf deiner Liste! Du wirkst jetzt schon ganz schön lost.“

    Schlechter Anfang. Aber 24 Stunden sind lang.

    Es wird ein 24 Stunden dauerndes Wort-Scharmützel. Die Liste wird länger und länger. Arschfax wird durch Antichambrieren gekontert, Flysein trifft auf Fracksausen, Cringe steht neben Kokolores. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen – oder auch ein Niveaulimbo, wie Rocco anmerkt. Mein Ehrgeiz wird nur durch meinen Dünkel übertroffen. Die zwei Ignoranten stecke ich doch mit links in die Tasche. Aber die Zeit schreitet voran, und an Tag 2 der Verbalschlacht häufen sich in beiden Spalten die Vokabeln (heißt das überhaupt so, wenn es um Swag und Smombie geht?). Mir ist inzwischen ein bisschen blümerant zumute.

    Am späten Nachmittag ruft Maximilian plötzlich: „Stopp!“

    Wir beugen die Köpfe über die Liste. Ich kann es kaum glauben, aber in meiner Spalte sind zwei Begriffe mehr als in der Spalte des Jugendjargonduos. Letzteres ist mit gegenseitigem Schulterklopfen und Handschlag (High Five, wie ich gelernt habe) beschäftigt.

    Welch schreckliche Demütigung … Doch nein! Ich fühle mich mitnichten gedemütigt. Eher stolz. Die beiden Rabauken haben mehr neues Wortgut in mein Leben gebracht als ich in ihres. Es gibt Hoffnung für die Sprachwissenschaftlergilde.

    „Auf euren Sieg! Heute schlampampen wir mal richtig!“

    (Schade, dass die 24 Stunden um sind.)

    Das Foto ist am Fluss Blavet in der Bretagne entstanden, unweit des Weilers Minazen.

    Den Text habe ich geschrieben, nachdem Babo zum Jugendwort des Jahres gekürt worden war.